Vom Postboten zum Shanty-Star: Nathan Evans | Musik | DW | 27.03.2021
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Musik

Vom Postboten zum Shanty-Star: Nathan Evans

"Ich hätte nie gedacht, dass der Song die ganze Welt stürmt", gesteht Nathan Evans der DW. Seit Monaten begeistert "Wellerman" auf TikTok und YouTube.

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Vom Postboten zum Shanty-Star: Nathan Evans

Den Song von Seeleuten, die auf ihren Walfischfängern ausharren und sehnsüchtig auf den Nachschub von Proviant wie Zucker, Rum und Tee warten, stimmten die Menschen schon vor zwei Jahrhunderten an. Dass er 2021 auf Plattformen wie TikTok durch die Decke geht und zum kulturellen Phänomen avanciert, hat wohl mit der Pandemie-Situation zu tun, die die Welt seit einiger Zeit zum Innehalten und Warten auf bessere Zeiten zwingt.

Urheber des weltweiten "Wellerman"-Booms ist der schottische Briefträger Nathan Evans. "Ich dachte, ich lade 'Wellerman' hoch und dann geht's mit dem nächsten Song weiter", erzählt Evans im DW-Interview. 

Ende Dezember 2020 postete er seine Version des neuseeländischen Shantys. Zuvor hatte der 26-Jährige schon andere Seemannslieder hochgeladen, seine schwungvolle Wellerman-Interpretation aber wurde nun zum viralen Hit. Millionen Likes hat er bei TikTok schon eingeheimst - und auch auf anderen Plattformen sozialer Medien ist sein Song ein Quotenrenner. "Es fühlt sich die ganze Zeit wie ein Traum an. Es ist einfach unfassbar", freut sich Nathan Evans.  

Shantys für die Stimmung an Bord

Früher sangen die Seeleute die Shantys bei der Arbeit an Bord ihres Schiffes. Das weltweit bekannteste Seemannslied ist wohl "Drunken Sailor", Schulkinder lernen es bis heute. Shantys waren vor allem im 19. Jahrhundert verbreitet, bevor die Dampfschifffahrt die Segelschiffe von den Weltmeeren verdrängte. 

In den sogenannten "call-and-response songs" sang ein Seemann eine Strophe vor, dann stimmte der Rest der Mannschaft den Refrain an. Im digitalen Zeitalter sind es diese TikTok-User, die Evans' Original mehrstimmig begleiten: 


Das Shanty verdankt seinen Titel "Wellerman" dem australischen Walfang-Unternehmen "The Weller Bros.", das zwischen 1830 und 1840 vor allem vor der Küste Neuseelands operierte. "Wellerman" heißt in dem Song das Versorgungsschiff, das die Kompanie den Seeleuten mit Proviant und allem Lebensnotwendigen vorbeischickte. "Bald kommt der 'Wellerman', um uns Zucker, Tee und Rum zu bringen", heißt es im Refrain, "eines Tages, wenn das Tonguin' erledigt ist, werden wir unsere Sachen packen und gehen." "Tonguing" - so nannte man die Arbeit der Männer, die den Wal nach dem Fang in seine Einzelteile zerlegten.

Hoffen auf Freiheit

Dass man etwas über die harte Arbeit des Walschlachtens erfährt, hat den Song wohl kaum zum viralen Hit gemacht. Er reflektiert wohl eher die Hoffnung darauf, dass die Zeit des Eingesperrtseins bald vorbei sein wird - ob man nun beim "Tonguing" auf einem Walfänger eingepfercht ist oder in einer Pandemie die eigenen vier Wände nicht verlassen soll.

"Gerade in einer Zeit, in der alle zu Hause festsitzen, alle ausgebrannt sind und ihre Freunde nicht sehen können, kam dieser Song", versucht Evans den viralen Erfolg des "Wellerman"-Shanty zu erklären. "Nun kann jeder mitmachen, mitsingen, mit den Füßen stampfen, in die Hände klatschen oder ein Instrument dazu spielen. Jeder wird mit einbezogen, und das zaubert den Leuten ein Lächeln auf die Lippen."

Das TikTok-Format ermöglicht es den Usern, sich per Video auf Nathan Evans' Ursprungspost zu beziehen, das spiegelt das eingeschränkte soziale Leben des vergangenen Jahres wider: Kontakte mit der Familie, Freunden und Arbeitskollegen beschränken sich oftmals auf Videoschalten.

Wellerman-Variationen

"Wellerman" ist längst ein Ohrwurm, den es in unzähligen Varianten und mit diversen musikalischen Ausschmückungen gibt. Der User Echo Alfa Bravo schrieb auf Twitter, er bekomme das Lied einfach nicht aus dem Kopf. Deswegen habe er seine ganz eigene Version kreiert: 

Sogar Kermit aus der Muppet-Show mischt beim Wellerman-Boom mit: 

Es finden sich auch Remixes mit diversen Beats im Netz: 

2021 ist das Jahr der Shantys

Nathan Evans brachte seine Wiederentdeckung des 200 Jahre alten Shantys gar einen Plattenvertrag ein. Ende Januar veröffentlichte er "Wellerman" beim Label Polydor und landete in mehreren Ländern auf Platz 1 der Charts. Bereits einen Monat später folgte eine gemeinsame Version mit der deutschen Seemannsband "Santiano". 

Seinen Beruf als Briefträger hängt der nun viel gefragte Evans erst mal an den Nagel. Dennoch bleibt er bodenständig: "Wenn es scheitern sollte, werde ich mir gerne wieder einen anderen Job suchen und das als Erfahrung verbuchen." Natürlich werde er weiterhin Gitarre spielen und singen. "Für mich macht das keinen Unterschied."

Adaption ins Deutsche: Suzanne Cords

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