Nachdenken über Multikulti: Leon de Winter | Kultur | DW | 01.10.2013
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Kultur

Nachdenken über Multikulti: Leon de Winter

Für den niederländischen Schriftsteller ist die multikulturelle Gesellschaft seit Jahren ein Thema. In Büchern und Zeitungen nimmt er entschieden Stellung. Auch weil er persönlich betroffen ist.

Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert. Das sagte einmal die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einer Rede vor der Jungen Union. Der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin schafften es mit ihren umstrittenen Büchern zum Thema Integration auf die deutschen Bestseller-Listen. Auch so manch ein Intellektueller wie der Schriftsteller Ralph Giordano äußerte sich pessimistisch über den Fortbestand einer multikulturellen Gesellschaft. Es ist eine kritische Debatte - im Kern dreht sie sich um die Frage, ob eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Sprachen und Ethnien zusammenleben, auf Dauer funktioniert. Zwar ist die Diskussion in jüngster Zeit auf der politischen Bühne abgeebbt, sie schwelt jedoch in vielen gesellschaftlichen Bereichen weiter. Auch in der Kultur. Dort hat sich jetzt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter zu Wort gemeldet.

Nachdenken über Europa

De Winter ist seit Jahren in Deutschland präsent. Seine Romane erzielen hohe Auflagen. Für eine deutsche Tageszeitung schreibt er regelmäßig Meinungsartikel über gesellschaftliche Zustände. Derzeit ist de Winter auf Lesereise in Deutschland. Sein neuer Roman "Ein gutes Herz" ist eine spannende Mischung aus Fiktion und Fakten mit erfundenen und realen Figuren. Ein Thriller über die multikulturelle Gesellschaft.

Leon de Winter mit Ehefrau Jessica Durlacher (Foto: pixel)

Auch sie tauchen mit ihren realen Namen im Roman "Ein gutes Herz" auf Leon de Winter und seine Frau, die Autorin Jessica Durlacher

"Das, was ich in meinem Buch beschreibe, das wäre auch in Deutschland möglich", sagt der Autor im Gespräch mit der DW. Das Treffen findet am 11.9. statt, einem denkwürdigen Datum. De Winter vergisst nicht, darauf hinzuweisen. Auch, weil es sehr viel mit seiner eigenen Vita zu tun hat. Doch das erzählt er erst später. In "Ein gutes Herz" geht es um Politik und Gesellschaft der vergangenen Dekade. In Holland sei viel passiert in Sachen "multikulturelle Gesellschaft".

Fragen nach der Integration

Der Filmemacher Theo van Gogh wurde vor zehn Jahren von einem radikalen Islamisten ermordet, weil er Kritik an Auswüchsen des Islam geübt hatte. In den Niederlanden tobt seitdem eine Debatte, die auch immer wieder Deutschland erreicht. Diskutiert wird die Frage, inwieweit sich Einwanderer in den westlichen Demokratien integrieren. In Holland sind das viele Menschen aus nordafrikanischen Nationen und aus den ehemaligen Kolonien des Landes, vor allem aus Indonesien und Suriname.

"Wenn man über Emigranten redet, gibt es ungefähr drei gleich große Gruppen", sagt de Winter. "Ein Drittel integriert sich gut, ein weiteres hat Mühe." Diesen Menschen müsse man helfen. Problematisch sei das letzte Drittel: "Diese Leute wollen sich nicht integrieren." Sie hätten eine starke Abneigung gegen westliche Demokratien entwickelt, kapselten sich ab, würden ihre Umgebung geradezu hassen. "Die Gesellschaft hat ihnen nicht das gegeben, was sie erwartet haben", sagt de Winter. Das sei in Deutschland kaum anders.

Antijüdische Attacken

Und dann erzählt de Winter seine persönliche Geschichte, die ihn zum Thema seines Buches geführt hat. Theo van Gogh, der streitbare Filmemacher, hatte nicht nur den Islam kritisiert, er hatte sich auch immer wieder mit scharfen Attacken gegen seinen Landsmann de Winter in Position gebracht. Leon de Winter kommt aus einem jüdischen Elternhaus, wiewohl er sich heute nicht als gläubiger Jude einordnet: "Meistens bin ich Atheist, in gewissen Stunden Agnostiker und bei schweren Turbulenzen im Flugzeug sehr religiös."

Van Gogh warf dem Schriftsteller vor, er beute seine jüdische Herkunft aus, vermarkte sie in seinen Romanen. Der Filmemacher schreckte bei seinen Attacken nicht vor üblen antisemitischen Angriffen zurück. Nach dem Angriff am 11.9. stellte er seine Attacken gegen de Winter ein und konzentrierte sich auf Polemik gegen den Islam. Das brachte ihm schließlich den Tod. Für Leon de Winter war damit das Thema nicht erledigt. "Theo van Gogh ist mir irgendwann im Traum erschienen und hat zu mir gesagt: 'Du kannst mit mir machen, was Du willst'". Zunächst habe er gedacht, jetzt räche er sich an dem Regisseur für dessen Angriffe in einem Buch.

Milder Blick zurück

Doch es kam anders. In "Ein gutes Herz" taucht van Gogh nun leibhaftig auf - im Himmel kurz nach seiner Ermordung. Der Schriftsteller hat darauf verzichtet, sich künstlerisch an seinem ermordeten Landsmann zu rächen. Der ehemalige Kontrahent Theo van Gogh erscheint in einem milden Licht. "Im Nachhinein habe ich gesehen, dass uns vieles verbindet", sagt de Winter.

"Überall in Europa, wo wir diese großen Wellen von Emigranten gehabt haben aus nicht-westlichen Kulturen, registrieren wir die gleichen Phänomene", zählt de Winter auf: "Integrationsprobleme, junge Männer, die aussteigen, die keine Ausbildung haben. Kriminalität. Mädchen, die unterdrückt werden und versuchen sich zu befreien." Gerade junge Männer suchten in radikalen Aktionen auch eine Art von Abenteuer.

Ralph Giordano (Foto: pixel)

Ralph Giordano

Ähnlich kritisch sehen es viele Intellektuelle in Deutschland. Der Schriftsteller Ralph Giordano war vor sechs Jahren, auf dem Höhepunkt der Debatte, einer derjenigen, der deutlich vom Scheitern einer multikulturellen Gesellschaft gesprochen hat. Dabei bleibt er bis heute: "Das Thema Migration und Integration bleibt uns erhalten." Giordano ist für seine pessimistische Sicht als Rassist beschimpft worden. Das verletze ihn noch heute, gibt er zu. Vor allem, weil er ein Überlebender des Holocaust ist.

Fehlender Kulturaustausch

Warum ist die multikulturelle Gesellschaft nach Ansicht vieler Intellektueller also gescheitert? Für Leon de Winter liegt es auch an mangelnden Bildungsangeboten in den arabischsprachigen Ländern. Auch ließen diese zu wenig Kulturaustausch zu. Welche geistigen Leistungen kämen aus der Region nach Europa, fragt er. Der Autor sieht pessimistisch in die Zukunft: "Wir im Westen können auf all diese Fragen keine Antworten geben. Die Antworten müssen in der arabischen Welt selbst gefunden werden."

Zum Weiterlesen: "Ein gutes Herz", Diogenes Verlag 2013, 504 Seiten, ISBN: 978 3 257 86230 0.

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