Nach Siemens-Skandal: Russland träumt von eigenen Turbinen | Europa | DW | 26.04.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Energie

Nach Siemens-Skandal: Russland träumt von eigenen Turbinen

Um fehlende Importe zu ersetzen, sollen russische Unternehmen selbst große Gasturbinen entwickeln. Deutsche Maschinenbau-Experten bewerten, ob das realistisch ist und überhaupt noch Zukunft hat.

Große Turbinen sind in Russland auch große Politik. Als die russische Staatsfirma "Rostek" im vergangenen Jahr vier Turbinen des deutschen Siemens-Konzerns im Geheimen auf die Krim transportierte, sorgte das für einen internationalen Skandal. Denn seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel durch Moskau im Jahr 2014 gelten gegen Russland Sanktionen, unter anderem in der Sparte Energietechnik.

In der Folge wurden russische Firmen beauftragt, selbst leistungsstarke Turbinen zu entwickeln, die ausländische ersetzen könnten. Im April wurde bekannt, dass ein Prototyp im Dezember 2017 bei Tests durchgefallen war. Dem Gemeinschaftsprojekt von "Rostek", "Rusnano" und "Inter RAO" will sich nun auch das Petersburger Unternehmen "Silowyje maschiny" anschließen. Der Besitzer der Firma Alexej Mordaschow findet, dass "Russland eigene Technologien für Gasturbinen braucht". Zugleich fordert er dafür Geld vom Staat.

Muss Russland bei Null anfangen?

RWTH Aachen Prof. (RWTH/Peter Winandy)

Manfred Christian Wirsum, RWTH Aachen

Die Entwicklung großer Turbinen erfordert tatsächlich einen enormen finanziellen Aufwand. Manfred Christian Wirsum, der das Institut für Dampf- und Gasturbinen an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen leitet, sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle, es gehe dabei um "hunderte Millionen Euro oder Dollar".

Der Wissenschaftler fügte hinzu, ihm sei bekannt, dass in Russland Technologien zum Bau von Kraftwerks-Turbinen existieren - auch wenn es nicht die neuesten, größten und effizientesten seien. "Die Frage ist nur, ob man auf der Technologie noch aufbauen kann, oder ob man eine neue große Gasturbine praktisch auf dem weißen Blatt Papier neu entwickeln muss", sagte Wirsum.

Weltweit vier große Hersteller

Eine Neuentwicklung großer Gasturbinen braucht nicht nur Geld, sondern auch intensive wissenschaftliche Forschung und Langzeittests. Matthias Zelinger, energiepolitischer Sprecher des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt am Main, wies gegenüber der DW darauf hin, dass "eine große Gasturbine heutzutage eine der anspruchsvollsten Maschinen" überhaupt sei. Außerdem seien "die technologischen Markteinstiegshürden extrem hoch".

Der Weltmarkt für große Turbinen ist heute im Wesentlichen zwischen vier großen Herstellern aufgeteilt. Das ist der amerikanische Konzern General Electric (GE), der deutsche Siemens-Konzern, das japanische Gemeinschaftsunternehmen Mitsubishi Hitachi und das italienische Unternehmen Ansaldo Energia, das zum Teil die Turbinen-Produktion des französischen Konzerns Alstom übernommen hat.

Matthias Zelinger (VDMA)

Matthias Zelinger, VDMA

"Soweit ich weiß, ist es seit der Jahrtausendwende nur einem großen japanischen Hersteller gelungen, sich von mittleren zu großen Kraftwerks-Gasturbinen hochzuarbeiten. Dies war während eines Booms und trotzdem mit ganz erheblichen Anstrengungen und Mitteleinsatz verbunden", erläuterte Zelinger. 

Risiken für russische Produzenten

Bei der Entwicklung großer Kraftwerks-Gasturbinen gibt es nicht nur technologische und finanzielle Hürden, sondern auch wirtschaftliche Risiken. "Die Nachfrage ist auf etwa 100 Stück im Jahr zurückgegangen. Dabei liegen die vorhandenen Produktionskapazitäten bei jährlich etwa 400 Turbinen", sagte Zelinger. GE und Siemens wollen daher Tausende von Arbeitsplätzen in den entsprechenden Werken abbauen.

Den russischen Turbinen-Entwicklern steht also ein schrumpfender Weltmarkt mit riesigen Überkapazitäten gegenüber. Aber die russische Regierung erwartet auch nicht, dass ihre Ingenieure international wettbewerbsfähige Produkte herstellen. Moskau denkt eher an den heimischen Markt. Wie der russische stellvertretende Energieminister Andrej Tscheresow Mitte April auf dem Wirtschaftsforum in Jalta sagte, sei der Bedarf an starken Turbinen nicht sehr hoch - er liege bei ein bis drei Turbinen pro Jahr. "Aber es gibt ein Programm zur Modernisierung alter Wärmekraftwerke. Das ist der Markt, auf dem man die eigene Produktion absetzen kann", so der Minister laut Nachrichtenagentur "TASS". Übrigens schließt Tscheresow nach Angaben von "Interfax" den Bau eines dritten Blocks im Wärmekraftwerk Simferopol auf der Krim nicht aus.

Frankreich Windräder in Deux Sevres at Melles (imago/PanoramiC)

Erneuerbare Energien sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch

Neue Entwicklung im Energiewesen

Mit der Herstellung von ein bis drei Turbinen pro Jahr stehen die Chancen gering, dass sich die Investitionen in Millionenhöhe in die Entwicklung großer Turbinen in Russland auszahlen werden. Hinzu kommt, dass das staatliche Programm zum Austausch alter Turbinen bei bestehenden Kraftwerken durch neue die russische Elektrizitätswirtschaft in eine völlig andere Entwicklungsrichtung lenkt, als derzeit auf dem Weltmarkt zu beobachten ist.

Manfred Christian Wirsum meint, dass die hohe Dynamik in der Entwicklung der Windkraft und Photovoltaik in den letzten Jahren von vielen komplett unterschätzt worden sei. Seiner Meinung nach gibt es heute in den meisten Ländern ausreichend konventionelle Kraftwerkskapazitäten. "Wenn wir einen rapiden Zubau an regenerativen Energien, insbesondere Wind und Photovoltaik, sehen werden, und daran habe ich keinen Zweifel, dann werden die Betreiber die bestehenden Kraftwerke so lang wie möglich weiterlaufen lassen", so Wirsum. Der Experte geht daher davon aus, dass der Markt für neue Anlagen und Gasturbinen noch weiter schrumpfen wird.

Die Redaktion empfiehlt