Mutmaßlicher Missbrauch durch Erzbischof in Deutschland bleibt strafrechtlich folgenlos | Deutschland | DW | 08.10.2018
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Missbrauch

Mutmaßlicher Missbrauch durch Erzbischof in Deutschland bleibt strafrechtlich folgenlos

Ein Serientäter? In Chile soll Erzbischof José Cox über viele Jahre junge Männer sexuell belästigt haben. Nun wurde auch ein Fall in Deutschland bekannt - aber für strafrechtliche Ermittlungen ist es zu spät.

Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch eines Minderjährigen durch einen katholischen Erzbischof auf deutschem Boden wird strafrechtlich in Deutschland keine Konsequenzen haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft Koblenz bestätigte am Montag die Strafanzeige. Und sie zitierte die Stellungnahme der Schönstatt-Gemeinschaft, wonach die Aussagen des zur Tatzeit im Jahr 2004 17-jährigen Opfers glaubwürdig seien. Aber der Übergriff sei zum damaligen Zeitpunkt kein Straftatbestand gewesen.

Allerdings werfen neue Berichte aus Chile ein dunkles Licht auf die Rolle der Schönstatt-Bewegung. Der Beschuldigte ist der frühere Erzbischof von La Serena in Chile, Francisco José Cox. Im Zuge der aktuellen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Chile erhoben dort mehrere Betroffene erneut massive Beschuldigungen gegen Cox, der seit mehr als 15 Jahren in Vallendar-Schönstatt bei Koblenz lebt. Dabei wurde auch der Missbrauchsfall in Deutschland bekannt, der zu einem noch laufenden Verfahren bei der Glaubenskongregation gegen den heute 84-jährigen Cox führte.

Chilenisches Fernsehen in Schönstatt

Deutschland Kirche 100 Jahre Schönstatt-Bewegung Bildergalerie (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Schönstatt ist der Gründungsort einer international verbreiteten geistlichen Gemeinschaft

Die Deutsche Welle hatte am Freitag nach einer Bestätigung durch den Generaloberen der Schönstatt-Bewegung, Juan Pablo Catoggio, exklusiv über den Fall berichtet. Später äußerten sich der Obere und das Bistum Trier, zu dem das bei Koblenz gelegene Schönstatt gehört, in schriftlichen Stellungnahmen.

Catoggio verwies darauf, dass Cox pflegebedürftig sei und Anzeichen von Demenz zeige. Derweil zeigte der chilenische Fernsehsender "24 Horas" am Sonntag aktuelle Bilder von einem offensichtlich nicht vereinbarten Besuch bei Cox. Darauf wirkt der emeritierte Bischof, der in einem Sessel sitzt, nicht erkennbar dement oder verwirrt. Zu wiederholten Nachfragen, auch nach einer Botschaft an die Opfer, lehnte Cox jede Aussage ab; er wolle nicht mit dem Fernsehen oder mit Journalisten sprechen. Er könne nichts sagen "über diese Vorwürfe in Deutschland und in Chile". Und er fügte hinzu: "Das ist nicht mein Problem". Mehrfach forderte er den Journalisten Francisco Moreno, den er duzte, auf, den Raum zu verlassen.

"Obsessive sexuelle Orientierung"

Zugleich veröffentlichte die traditionell kirchenkritische Zeitung "The Clinic" in diesen Tagen auf ihrer Internetseite unter dem Titel "Die Geheimakten Cox" einen langen Text mit Vorwürfen. Das Besondere dieses Beitrags: Er erschien wortgleich erstmals im November 2002. Und er schildert detailliert, wie sich Mitglieder der kirchlichen Hierarchie in Chile frühzeitig gegen das Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen gegen Cox wehrten. Bereits zehn Jahre vorher habe ein (namentlich genannter) empörter Pfarrer Bischöfe informiert, der Zeuge eines sexuellen Übergriffs geworden sei. Doch die Antwort war demnach nur, dass die Situation von Cox in der Schönstatt-Gemeinschaft, zu der der Erzbischof bereits seit 1965 gehört, "bekannt" sei und man Ergebnisse abwarten solle.

Chile Protest gegen Missbrauchsskandal in der Kirche (Getty Images/AFP/M. Bernetti)

Seit vielen Monaten fordern in Chile Opfer von Missbrauch durch Kirchenleute Gerechtigkeit

Der Text spricht nach sachlichen Schilderungen von einer "obsessiven sexuellen Orientierung" des Geistlichen, "zu auffällig, um unbemerkt zu bleiben". Cox habe als Mitarbeiter auch Geistliche mit ähnlicher Prägung gesammelt. "The Clinic" berichtet sogar, dass während Cox' Jahre im Vatikan zwischen 1980 und 1985 eine Ordensfrau ihn bei einer intimen Situation mit einem jungen Mann überrascht habe. Das mag erklären, dass die Versetzung von Cox zurück nach Chile im Jahr 1985 für eine übliche kirchliche Karriere, gelinde gesagt, ungewöhnlich war.

Der Vatikan sorgte für Quartier in Deutschland

All das macht deutlich, dass der Vatikan Cox, der als Erzbischof 1997 sehr plötzlich zurücktrat, dann in Kolumbien lebte und im Grunde nie mehr offiziell nach Chile zurückkehrte, sehr bewusst weit weg nach Deutschland schickte, um den Straftäter zu schützen. "Im Jahr 2002 hat die Bischofskongregation in Rom unser Institut gebeten, ihn in eines unserer Häuser aufzunehmen. Seit vielen Jahren hat er deshalb seinen Wohnsitz im Zentralhaus der Schönstatt-Patres in Vallendar", erklärte der Generalobere Catoggio am Freitagabend.

2002 also kam Cox nach Schönstatt, wohnt in einem der Gebäude auf dem weitläufigen Campus. Zwei Jahre später wurde er auch dort zum Täter. Er soll, so die Staatsanwaltschaft Koblenz am Montag, "im Jahr 2004 in Vallendar an einem zur Tatzeit 17 Jahre alten bolivianischen Staatsangehörigen sexuelle Handlungen vorgenommen haben". Das Opfer nahm  an einem Studienprogramm der Schönstatt-Patres teil.

"Angeblich"

Bemerkenswert ist: Der Geschädigte, der mittlerweile in den USA lebt und zwischenzeitlich seinen Namen änderte, meldete sich im November 2017 beim Missbrauchsbeauftragten des Vereins "Schönstatt-Patres International". Erst nach einer kirchlichen Untersuchung in den USA, bei dem die Aussagen des Opfers "als glaubwürdig erachtet" wurden, kam es Anfang August 2018 zur Erstattung einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Koblenz. Und immer noch spricht Catoggio, von Hause aus Argentinier, in seiner Stellungnahme von einem Vorfall, der sich "angeblich" im Jahr 2004 ereignet habe. Neun Zeilen weiter verwendet er doch den Plural: "mögliche Taten". Im Fall Cox scheinen viele zu ahnen, dass es wohl um einen klerikalen Serientäter gehen kann. Warum die Schönstatt-Spitze in den langen Jahren seit 2002 keine Verbindung mit der chilenischen Justiz aufnahm, bleibt offen. 

Deutschland Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz (DW/J. Rutsch)

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz

Schwierig ist die Situation für das Bistum Trier. Ortsbischof Stephan Ackermann ist seit 2010 Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Kein anderer Bischof in Deutschland hatte mehr mit der kürzlich veröffentlichten Missbrauchsstudie zu tun. Auch bei der Vorstellung war ihm Erschütterung anzumerken. Die Studie, wohlgemerkt, nimmt Ordenseinrichtungen nicht in den Blick. Am Wochenende verwies eine Sprecherin des Bistums auch darauf, dass das Bischof erst vom Schönstatt-Generaloberen von der deutschen Missbrauchstat Cox' erfahren habe. Zwar lebe der emeritierte Erzbischof auf dem Gebiet des Bistums. "Da er aber Mitglied eines Instituts des geweihten Lebens päpstlichen Rechts ist und nicht in einem Gestellungsverhältnis des Bistums Trier steht oder stand, fällt der Fall nicht in die Zuständigkeit des Bistums Trier."

So schauen nun viele nach Rom. Der Generalobere betonte, er habe neben der Staatsanwaltschaft und dem Bistum auch den Vatikan informiert. "Die Sache liegt nun bei der Glaubenskongregation in Rom." Dort gibt es zu solchen Vorgängen keine Auskunft. Aber nicht auszuschließen ist, dass Papst Franziskus auch angesichts der Erschütterung Chiles durch kirchliche Missbrauchsfälle Cox demnächst aus dem Priesterstand entlassen wird.

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