Mittelklasse - verzweifelt gesucht | Afrika | DW | 03.03.2016
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Afrika

Mittelklasse - verzweifelt gesucht

Die Armut sinkt, in Afrika wächst eine neue Mittelklasse. Diese Annahme lockte einst globale Unternehmen auf afrikanische Märkte. Doch die Skepsis wächst. Manche halten Afrikas Mittelschicht nur für einen Mythos.

Jetzt auch noch Barclays: Die britische Großbank kehrt Afrika den Rücken. Ihre südafrikanische Tochter Absa, erst 2005 übernommen, steht zum Verkauf. Bereits letztes Jahr entließ der Nahrungsmittelgigant Nestlé 15 Prozent seiner Mitarbeiter in Afrika. "Wir dachten, Afrika sei das neue Asien. Aber wir haben festgestellt, dass die Mittelklasse hier extrem klein ist und auch nicht wächst", sagte Cornel Krummenacher, Regionaldirektor für Äquatorialafrika, der "Financial Times".

Dabei erschien Afrika vor einigen Jahren als idealer Wachstumsmarkt. 2011 rechnete die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) vor, dass 350 Millionen Menschen - 34 Prozent der Bevölkerung Afrikas - zur Mittelklasse gehörten. Ein Boom: Im Jahr 2000 waren es gerade mal 27 Prozent gewesen. Die neuesten Zahlen sehen weniger schön aus. Laut einem aktuellen Bericht der Schweizer Großbank Credit Suisse gehören in Afrika gerade mal 18 Millionen Menschen zur Mittelschicht.

Mittelklasse ein "Phantasiegebilde"?

Autors stauen sich auf einer mehrspurigen Straße in Angolas Hauptstadt Luanda (Foto: DW/Nelson Sul d'Angola).

Wachsender Verkehr - ein Zeichen für eine wachsende Mittelschicht?

Trotzdem: "Es gibt eine Mittelklasse in Afrika und sie wächst", sagt Mthuli Ncube, Professor für Public Policy an der Universität Oxford. Als früherer Chefvolkswirt der Afrikanischen Entwicklungsbank hat er den Bericht von 2011 verantwortet. Für ihn ist es eine Frage der Definition. Zu viele Menschen würden bei "Mittelklasse" an europäische Länder denken. "Ein Angehöriger der Mittelklasse in der Schweiz oder in Deutschland ist natürlich etwas ganz anderes als ein Angehöriger der Mittelklasse in Ruanda", so Ncube im DW-Interview.

Kritiker kaufen ihm das nicht ab. Das Konzept der afrikanischen Mittelklasse sei ihm zu vage, sagt Politikwissenschaftler Henning Melber, Professor an der Universität Pretoria und der Universität des Freistaates in Südafrika, mit Verweis auf den AfDB-Bericht. Der zählt all jene in Afrika zur Mittelklasse, die pro Tag zwischen 2 und 10 US-Dollar ausgeben.

"Wenn ich in Namibia oder Südafrika einen Liter Milch im Supermarkt kaufe, der fast genau so viel kostet wie hier in Deutschland, dann weiß ich, was für ein Phantasiegebilde das ist", so Melber im DW-Gespräch. Der Bericht der Credit Suisse hingegen definiere Mittelklasse anders. Wer beispielsweise in Südafrika zur Mittelklasse gehören möchte, muss demnach mindestens 22.000 US-Dollar besitzen.

"Phänomen der Mittelklasse wird verschwinden"

Blick in das Einkaufszentrum Carlton Center in Johannesburg (Foto: picture-alliance/Bildagentur-online/Schickert).

Eher Treffpunkt der Oberschicht: Einkaufszentrum in Südafrika.

Anhänger des Konzepts der Mittelklasse verweisen auf wachsenden Wohlstand in Afrika: Kilometerlange Staus auf den Straßen, weil die Zahl der Autos steigt. Neue Einkaufszentren, die an jeder Ecke aus dem Boden schießen - alles Zeichen für die wachsende Mittelklasse.

Falsch, sagt Robert Kappel, ehemaliger Direktor des GIGA-Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. "Dieses Shopping-Mall-Phänomen hat nichts mit den Mittelschichten im engeren Sinne zu tun", so Kappel bei einer Veranstaltung in Berlin. "Hier handelt es sich um vermögendere Menschen aus der Oberschicht, die mehr konsumieren können."

Dass die Mittelklasse weiter wächst, halten viele Experten für unwahrscheinlich. "Wenn es zu geringem Wachstum kommt, wenn die Rohstoffpreise in den Keller gehen, dann ist das Phänomen der Mittelschicht ziemlich schnell wieder verschwunden", sagt Robert Kappel. Genau das passiert in Afrika gerade: Fallende Rohstoffpreise und die Schwäche des wichtigen Handelspartners China sorgen dafür, dass die Wachstumsraten deutlich sinken. Im letzten Jahr musste der Internationale Währungsfonds seine Wachstumprognose für Afrika bereits zweimal nach unten korrigieren.

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