Mit Schülern über Sex reden | Bildung | DW | 28.06.2013
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Bildung

Mit Schülern über Sex reden

Sie meinen, alles über Sex zu wissen. Doch Jugendliche in Deutschland sind erstaunlich schlecht über Verhütung, Aids und Geschlechtskrankheiten informiert. Medizinstudenten geben Aufklärungsunterricht.

Zoé Eckert, Lars Vogt, Jana Schädel, Fiona Puckert, Christian Küllmei und Jannis Ziegler von der Berliner Ortsgruppe von 'Mit Sicherheit verliebt' (Foto: DW/Tim Wiese)

Sie sprechen Klartext mit den Schülern: Zoé, Lars, Jana, Fiona, Christian und Jannis (von links)

Ganz ohne Kichern geht es dann doch nicht. "Aber Lachen ist ausdrücklich erlaubt", erklärt Christian Küllmei gleich zur Begrüßung der achten Klasse. "Nur auslachen nicht." Gar nicht so einfach bei einem Thema, das in der Schule von den Lehrern eher stiefmütterlich behandelt wird: Sexualaufklärung. Zusammen mit fünf anderen Studierenden steht der Medizinstudent nun mitten in einer Berliner Klasse und bittet die Jugendlichen, alle Wörter an die Tafel zu schreiben, die ihnen zum Thema Sexualität einfallen. Ohne Tabus.

Die Tafel füllt sich erst zögerlich, dann immer schneller mit Fachbegriffen wie "HIV" oder "Schwangerschaftsverhütung", aber auch mit allerlei deftigen Ausdrücken rund ums Thema Sex. Alphabetisch geordnet gehen die Studenten die Vokabeln mit den Schülern durch, klopfen ihr Wissen ab, rücken Missverständnisse gerade und beantworten Fragen. Denn dass Klartext gesprochen wird, gehört zum Konzept von "Mit Sicherheit verliebt".

Offenheit statt Peinlichkeit

Auch anatomisches Wissen wird von den Medizinstudenten vermittelt (Foto: DW/Tim Wiese)

Jana und Lars vermitteln auch anatomisches Wissen

Die Idee zu dem Aufklärungsunterricht junger Studenten stammt aus Schweden. Vor zwölf Jahren haben Rostocker Medizinstudenten das Projekt nach Deutschland gebracht. Denn im Zeitalter von Internet, Fernsehen und sozialen Netzwerken sind Jugendliche längst nicht so aufgeklärt wie Lehrer und Eltern gerne glauben. Das belegt auch die gestiegene Zahl von Geschlechtskrankheiten. So verzeichnete das Robert-Koch-Institut  2011 fast 3700 neue Infektionen, so viele wie seit 1986 nicht mehr.

Mittlerweile haben sich Studenten aus ganz Deutschland in 29 Arbeitsgruppen zusammengeschlossen, um Jugendliche aufzuklären - und zwar in ihrer Sprache und auf eine Weise, die bei ihnen ankommt und ihnen nicht peinlich sein muss. "Dies ist ein geschützter Raum, nichts dringt nach außen", versichert Christian Küllmei den 14- bis 15-Jährigen. Die Achtklässler wissen das zu schätzen. Mit den Studenten können sie viel offener über Dinge sprechen, die sie zuhause oder vor ihren Lehrern im Sexualkundeunterricht nie thematisieren würden.

Jannis Ziegler (Foto: DW/Tim Wiese)

Jannis zeigt, was bei Jungen in der Pubertät passiert

Aufklärungsarbeit ist nötig

"Manchmal bin ich schockiert, wie wenig die Schülerinnen und Schüler wissen", sagt Jana Schädel. Sie leitet die Berliner Ortsgruppe des Präventionsprojekts. "Ich erlebe, dass Jungen denken, Babys kämen aus der Harnröhre der Frau." Auch das Wissen über Geschlechtskrankheiten sei oft nicht sehr ausgeprägt. Vielen Mädchen sei zum Beispiel die Gefahr der Ansteckung mit Chlamydien nicht bewusst. Dabei würden sich aktuell viele junge Frauen in Berlin mit den Bakterien infizieren.

Zwar kommen viele Schüler über das Internet heute meist früher mit Sexualität in Kontakt als Generationen vor ihnen, doch erübrigt sich deshalb Aufklärung nicht. "Durch Pornografie erhalten die Jugendlichen völlig falsche Vorstellungen, und medizinische Grundlagen werden im Internet nicht selten falsch dargestellt", beobachtet Jana Schädel. Sie engagiert sich in dem Präventionsprojekt, weil sie sich auch in ihrem Medizinstudium für das Fachgebiet Infektologie interessiert. Außerdem mag sie die Arbeit mit Jugendlichen.

Spielerischer Zugang

Verhütungsmittel (Foto: DW/Tim Wiese)

Sicher oder unsicher? Die Jugendlichen sollen die Wirksamkeit von Verhütungsmitteln einschätzen

Doch nicht nur Medizinstudenten wie Jana können bei dem Projekt mitmachen. Studierende aller Fachrichtungen sind willkommen. In Ausbildungs-Workshops lernen sie zunächst, wie man mit Jugendlichen am besten über Sex spricht. Zum Beispiel werden Spiele vorgestellt, die die Aufklärungsarbeit erleichtern und auflockern sollen.

An diesem Vormittag in der achten Klasse ziehen die Jugendlichen Verhütungsmittel aus einem Stoffbeutel. Der Reihe nach befördern sie unter anderem Kondome, die Pille und ein Diaphgragma ans Tageslicht. Die meisten Verhütungsmittel sind ihnen bekannt, und es fällt den Schülern nicht schwer, sichere und unsichere Verhütungsmethoden zu unterscheiden. Eine Menge Fragen haben sie trotzdem.

Jannis, Lars und Christian demonstrieren, wie man Kondome richtig benutzt (Foto: DW/Tim Wiese)

Holzpenisse als Übungsobjekte: Jannis, Lars und Christian demonstrieren, wie man ein Kondom benutzt

Vorbereitung auf später

Die Bandbreite reicht von Problemen mit der ersten Liebe und der Pubertät über Homosexualität bis hin zur Pornografie. Die Atmosphäre in der Klasse ist so offen und ungezwungen, dass kein Jugendlicher rot wird oder ins Stottern gerät. Mit den Studenten sei es längst nicht so "verkniffen" wie im Sexualkundeunterricht der Lehrer, meint eine Schülerin und lacht. Zeitweise werden Jungen und Mädchen getrennt voneinander unterrichtet. Niemand soll befürchten müssen, sich vor dem anderen Geschlecht lächerlich zu machen.

Die Studenten stecken viel Energie in ihr ehrenamtliches Engagement. Schulbesuche finden regelmäßig statt. Aber den sechs Berliner Medizinern sieht man an, dass ihnen der Einsatz Spaß macht. Außerdem sind die Workshops mit den Jugendlichen schon einmal eine gute Übung für später. Schließlich müssen die Studenten später als Ärzte oder Lehrer auch solche Fragen beantworten - und das alles mit dem richtigen Fingerspitzengefühl.

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