Mit Banken-Geld gegen Kinderarmut | Politik & Gesellschaft | DW | 06.11.2011
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Politik & Gesellschaft

Mit Banken-Geld gegen Kinderarmut

Deutschland ist ein wohlhabendes Land, doch viele Kinder haben nichts davon. Fast jedes sechste Kind gilt als armutsgefährdet. In der Banken-Stadt Frankfurt ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß.

Kinder auf einem Schulhof turnen mit einem Rhönrad (Foto: Deutsche Börse AG)

Wer sich der Stadt Frankfurt am Main nähert, sieht schon von weitem die Türme der Banken. In der Stadt selbst lässt sich dann beobachten, wie gut gekleidete Menschen in den Hochhäusern mit den glänzenden Fassaden verschwinden, um dort Geldgeschäfte abzuwickeln.

Johannes Behrens-Türk arbeitet hoch oben im 42. Stock der DekaBank und ist zuständig für soziales Engagement: "Wer Armut hier in Frankfurt übersieht, der ist blind", sagt er. "Wir reden nicht von Kinderarmut, die weit entfernt passiert, sondern auch vor unserer Haustür", davon ist auch Ljubica Kraljevic überzeugt, die sich bei der Deutschen Börse um Soziales, Bildung und Mitarbeiter kümmert.

Nach Angaben der Stadt lebt jedes vierte der rund 100.000 Kinder in Frankfurt in einem Haushalt, der auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

Blick über die Frankfurter Bankentürme (Foto: dpa)

In einem Rundbrief wurde die Frankfurter Finanzbranche zum Einsatz gegen Kinderarmut aufgerufen

Nach dem Aufruf eines pensionierten Bankvorstands wurden die DekaBank und die Deutsche Börse zusammen mit anderen Unternehmen aus der Finanzbranche im Jahr 2008 Mitglieder im "Freundeskreis Arche Frankfurt am Main e.V.". Die Förderung für die christliche Hilfsorganisation Arche wurde im Herbst 2011 verlängert und zudem beschlossen, sich weiter gegen Kinderarmut einzusetzen.

"Wir sind der Meinung, dass Kinderarmut die Lern- und Bildungschancen von Kindern massiv einschränkt", sagt Ljubica Kraljevic. "Diese Kinder sind auch unsere Zukunft, möglicherweise potenzielle Arbeitnehmer. Da möchten wir gezielt investieren."

"Man muss dort nicht bezahlen"

Fährt man auf der Bankenmeile knapp fünf Kilometer weiter und biegt zweimal links ab, dann erreicht man den Schulhof der Berthold-Otto-Grundschule in Frankfurt-Griesheim, in einem sozialen Brennpunkt, wo besonders viele Migranten leben. In der großen Pause ist hier richtig viel los. 280 Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Wurzeln besuchen die Schule. Ihre Eltern stammen aus der Türkei oder Marokko, aus Afghanistan, dem Iran, Kroatien oder Italien. Nicht alle sprechen gut Deutsch.

Eine Betreuerin der christlichen Hilfsorganisation Arche spielt mit Kindern (Foto: DW)

Spiel mit der Arche-Betreuerin auf dem Schulhof

Viele Kinder nutzen nach dem Unterricht gerne das Betreuungsangebot in den Räumen der christlichen Hilfsorganisation Arche direkt am Schulhof. Die zehnjährige Nilem erklärt, warum sie in die Arche geht: "Man muss dort nicht bezahlen. Das ist für Leute, die nicht so viel Geld haben. Das finde ich dort sehr gut - und die Arche macht auch sehr Spaß".

Während die Schule insgesamt sehr renovierungsbedürftig wirkt, sind die Räume der Arche mit hellen Möbeln und fröhlichen Farben gestaltet. Von Montag bis Freitag werden die Kinder hier von 7:30 bis 9 Uhr und von 11:30 bis 16 Uhr betreut. Sie erhalten ein kostenloses Mittagessen: "Fischfrikadellen, Kartoffelpüree, Salat und Mais, das war lecker", erzählt die neunjährige Aische. Sie geht jeden Tag in die Arche, spielt gerne Tischkicker, mag Lego und Computerspiele.

In der Arche bekommen die Kinder auch Hilfe bei den Hausaufgaben und viel Raum für das, was ihnen Spaß macht: Tanzen, Toben, Musikinstrumente lernen oder Sport machen. Auch muslimische Eltern hätten das Angebot gut angenommen, erzählt Schulleiterin Ingrid König.

Sie hat sich dafür eingesetzt, dass die Arche an ihre Schule kam: um die Kinder über den Unterricht hinaus besser fördern zu können und so auch ihre Chancen an weiterführenden Schulen zu erhöhen.

"Du kannst das, du bist talentiert"

Den Kindern, die in die Arche kommen, fehlten ganz unterschiedliche Dinge, erklärt Daniel Schröder, der Leiter der Arche in Frankfurt: Das könne das Schulmaterial sein, das Mittagessen oder die Kleidung. Vielen Kindern fehle aber auch die nötige Aufmerksamkeit, weil ihre Eltern sehr mit sich beschäftigt seien. Vor allem aber, sagt Schröder, fehle das für Bildung so wichtige Selbstwertgefühl: "Dieses 'Du schaffst das, du kannst das, du bist talentiert' in den Kindern zu wecken, das ist ein ganz wichtiger Teil der Arche." Und Schulleiterin König begrüßt es, dass die Kinder in der Arche eine klare Tagesstruktur mit Zeiten zum Arbeiten und zum Spielen erleben können. Auch die Hausaufgabenbetreuung wirke sich positiv aus: "Der Lehrer huscht mal schnell in die Arche und sagt, nach den beiden müsst ihr mal gucken oder umgekehrt. Diese kurzen Wege ermöglichen, dass einiges mehr dabei rauskommt, wirklich auch sichtbar."

Der Leiter der christlichen Hilfsorganisation Arche in Frankfurt am Main, Daniel Schröder, sitzt mit Kindern an einem Tisch (Foto: DW)

Arche-Leiter Daniel Schröder betrachtet Zeichnungen

Im blauen Computerraum hilft Erzieher Tobias, einer der vier festen Mitarbeiter der Arche, der zehnjährigen Seyma bei den Hausaufgaben über Greifvögel. Er leitet die Kinder bei der Internetrecherche an. Seyma ist froh, dass sie gute Bilder und Informationen zu Waldkauz und Eulen gefunden hat. Nebenan im Hausaufgabenraum sitzen alle Schüler an Einzeltischen über ihre Hefte und Bücher gebeugt. Die Atmosphäre ist konzentriert. In der Schule sei oft viel Streit und Lärm, erzählt Nilem, aber die in der Arche "verlangen voll die Stille".

Derweil hilft die ehrenamtliche Mitarbeiterin Ingrid den Jungen und Mädchen, die gerade deutsche Sätze oder englische Uhrzeiten aufschreiben oder ihre Mathe-Aufgaben lösen.

Talentförderung über soziale Grenzen hinweg

Ingrid hat sich auf eigene Initiative in der Arche gemeldet, aber es gibt auch Helfer, die von ihrem Arbeitgeber für den Einsatz in der Arche freigestellt werden. Das macht auch die Deutsche Börse, wie Ljubica Kraljevic berichtet. Außerdem wolle man die Kinder aus der Arche mit den Kindern von Mitarbeitern in Kontakt bringen.

2010 gab es ein solches Projekt mit einer sozialen Einrichtung aus den USA, dem CircEsteem aus Chicago. Die Kinder studierten alle gemeinsam akrobatische Kunststücke ein. Dann gab es auf dem Schulhof der Berthold-Otto-Schule eine Vorführung für Eltern und geladene Gäste. "Das war ein großer Erfolg", erinnert sich Ljubica Kraljevic, "weil so verschiedene Kulturen und Herkünfte gemischt waren. Das war für die Kinder überhaupt kein Problem".

Kinder der Arche Frankfurt gemeinsam mit Kindern von Mitarbeitern der Deutschen Börse beim Akrobatik-Workshop des CircEsteem Projekts aus Chicago (Foto: Deutsche Börse AG)

Beim Akrobatik-Workshop mit dem CircEsteem aus Chicago gaben die Arche-Kinder gemeinsam mit den Kindern von Mitarbeitern der Deutschen Börse eine Vorstellung

Projekte wie dieses würde sich auch Arche-Leiter Daniel Schröder noch mehr wünschen, um die Distanz zwischen den Arche-Kindern und den Geldgebern zu überwinden. Manchmal fragten die Kinder ihn: "Daniel, sind das die Reichen?"

Die Geldgeber sind überzeugt, dass es für ihre Unternehmen wichtig ist, sich gerade gegen Kinderarmut zu engagieren, wie Johannes Behrens-Türk von der DekaBank erläutert: "Wir brauchen jedes Kind mit seinen Talenten. Dann ist es auch ein Stück Eigennutzen zu sagen, diese Talente wollen wir fördern. Vielleicht wird das eine oder andere Kind, das in einer Arche ist - ob in Frankfurt oder sonst wo in Deutschland - einmal seinen Weg zu uns finden, seine berufliche Karriere hier machen. Oder in anderen Institutionen, Einrichtungen, Unternehmen seinen Weg machen."

Ein Junge macht in der Arche in Frankfurt am Main seine Hausaufgaben (Foto: DW)

Konzentriertes Arbeiten im Hausaufgaben-Raum der Arche

Wenn Bildung in Deutschland nicht genügend gefördert wird, hemmt das das Wirtschaftswachstum. Das jedenfalls haben Münchner Wissenschaftler in einer Projektion im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet. Sie gehen davon aus, dass ungenügende Bildung - hochgerechnet auf das ganze Leben heute geborener Kindes - die Volkswirtschaft in den nächsten 80 Jahren bis zu 2,8 Billionen Euro kosten kann.

In Frankfurt am Main wurde Anfang 2011 mit dem Geld der Spender eine zweite Arche in einem anderen Stadtteil eröffnet. Dort fiel den Mitarbeitern ein Mädchen auf, das nicht zur Schule ging, aber unbedingt lernen wollte. Beim Kontakt mit den Eltern stellte sich heraus, dass das Kind gar nicht in Deutschland gemeldet war. Arche-Leiter Daniel Schröder konnte den Kontakt zur Grundschule vermitteln: "Gestern stand sie mit leuchtenden Augen und ihrem neuen Schulranzen vor mir." Das Mädchen besucht jetzt die zweite Klasse.

Autorin: Andrea Grunau
Redaktion: Hartmut Lüning

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