Missklänge in der Kirchenmusik | Musik | DW | 13.09.2013
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Musik

Missklänge in der Kirchenmusik

Seit den Anfängen der christlichen Kirchen wird über Rolle und Stil sakraler Musik diskutiert. In Zeiten knapper Kassen erhält dieses Thema neue Brisanz.

Musik habe für die Kirche einen "Reichtum von unschätzbarem Wert" - so drückte es Benedikt der XVI. aus und berief sich damit auf das Zweite Vatikanische Konzil. Diesen Reichtum, so der emiritierte Papst weiter, dürfe man auf keinen Fall "einfrieren", sondern müsse in das Erbe der Vergangenheit neue Elemente der Gegenwart integrieren.

Dieser Appell ist keineswegs grundlos: Für sakrale Musik sind die Zeiten frostig geworden, und das nicht nur in der katholischen sondern auch in der evangelischen Kirche in Deutschland. An diesem Punkt wird immer öfter gestrichen, angefangen bei Chören bis hin zu Kirchenmusik-Hochschulen.

Zwischen Sparzwang und Nachwuchssorgen

Porträt des Gregorianik-Dozenten Stefan Klöckner an der Folkwang Universität in Essen - (Foto: DW/Dominik Schneider)

Stefan Klöckner ist in Sorge

Stefan Klöckner, der in Essen Kirchenmusik lehrt, beobachtet diese Entwicklung mit zunehmender Sorge. Der Papst-Appell sei "eine theologisch sicher richtige, aber auch sehr ideelle Sichtweise". In Wahrheit sei Kirchenmusik immer häufiger Sparzwängen unterworfen.

Ursache für diese Sparmaßnahmen ist die steigende Zahl der Kirchenaustritte und die dadurch ausbleibenden Einnahmen durch die Kirchensteuer. 2010 betrugen die Brutto-Einnahmen der evangelischen Kirche zwar rund 4,3 Milliarden Euro - das ist allerdings 2,4 Prozent weniger als 2009. Und die Einnahmen der katholischen Kirche sanken im gleichen Zeitraum um 2,3 Prozent auf 4,8 Milliarden.

Für Stefan Klöckner ist das nur ein Aspekt. Größere Sorgen macht sich der Hochschullehrer um den kirchenmusikalischen Nachwuchs an den Universitäten: "Das heißt konkret, dass wir hier an der Folkwang-Hochschule in Essen unser Kirchenmusik-Institut schließen mussten, weil wir einfach nicht mehr genug Studenten hatten."

Zisterzienser-Mönche vom Kloster Heiligenkreuz im Wienerwald singen am Mittwoch (02.07.2008) in einer Kapelle des Klosters in Bochum-Stiepel gregorianische Choräle. (Foto: Bernd Thissen dpa/lnw)

Zisterzienser Mönche singen gregorianische Choräle

Auch die evangelische Kirche in Württemberg beobachtet einen "katastrophalen Rückgang" der Studierendenzahl. Das steht in einer Studie zur Situation der Kirchenmusik in Deutschland von 2012. "Das hauptamtliche kirchenmusikalische Amt wird in Deutschland zugrunde gehen, wenn nicht massive Anstrengungen in der Nachwuchsgewinnung bei Jugendlichen gemacht werden."

Ähnliche Alarmsignale sendet auch der Allgemeine Cäcilienverband (ACV), der Dachverband der Katholischen Kirchenmusik. In einer Stellungnahme zur aktuellen Situation der Kirchenmusik bezeichnet er jüngste Stellenstreichungen und die Schließung der Kirchenmusik-Hochschule in Aachen als "panisches Vorgehen bei der Haushaltskonsolidierung" und beklagt "mangelnde Weitsicht" der Verantwortlichen.

Kirche braucht Musik

Wolfgang Bretschneider an der Orgel im Bonner Münster. (Foto: DW/Marita Berg)

Wolfgang Bretschneider im Bonner Münster

Kirche ohne Musik - das kann sich ACV-Vorstand Wolfgang Bretschneider nicht vorstellen: "Für mich gehören Musik und Theologie von Natur aus zusammen. Die Kirche braucht die Musik, den Klang, die Harmonie, den Rhythmus, um Menschen anzusprechen, um Menschen zu erreichen." Dass das in den Gemeinden gelingt, beweisen die seit Jahren wachsenden Mitgliederzahlen von Kinder - und Jugendchören. "Damit wird die Kirche in einer Zeit allgemeinen Rückgangs des Singens in der Gesellschaft zu einem Marktführer auf dem Gebiet der musischen Bildung und Prägung junger Menschen."

Musik als Chance

Konzert des Philharmonischen Kinderchors Dresden in der Dresdner Frauenkirche (Foto: imago/Thomas Eisenhuth)

Musik gewinnt Kinder

Allein im katholischen Chorverband Pueri Cantores sind derzeit 400 Knaben-, Mädchen-, Kinder- und Jugendchöre mit mehr als 16.000 Sängerinnen und Sängern organisiert. Wie wichtig die Arbeit mit Kindern ist, weiß Präsidiumsmitglied Oliver Sperling aus eigener Erfahrung. Er leitet den Mädchenchor der Dommusik in Köln: "Unsere Kinder kommen aus dem ganzen Stadtgebiet und weit darüber hinaus. Und die Anfragen steigen. Mittlerweile haben wir sogar Platzprobleme - wir mussten sogar neue Proberäume anmieten."

Stefan Klöckner findet deshalb: "Die Kirche muss die Musik als eine ganz große Chance begreifen. Mit Musik kann man Kinder und Jugendliche auf lange Zeit gewinnen, in Kinderchören, in Knabenchören, dann in Jugendchören." Nur müssten das auch die Kirchenhierarchen begreifen und in die Nachwuchsarbeit investieren.

Tradition oder Techno

Die Popgruppe Die Prinzen in der Stadtkirche in Meiningen (Foto: DW/Michael Reichel)

Die Prinzen in der Kirche

Wer mit dem jungen Nachwuchs arbeitet, stößt früher oder später auf die Frage, wie traditionell Kirchenmusik sein und wie sehr man sich neueren Stilformen öffnen soll. Besonders im 20. Jahrhundert entbrannten heftige Kontroversen, mit Aufkommen des von der Popmusik beeinflussten Neuen Geistlichen Liedes in den 1960er Jahren und später dann mit Aufflammen der Sakropop-Welle. Liturgiker machten sich Sorgen um die Würde des Gottesdienstes, befürchteten eine Banalisierung der Liturgie. Andere meinten hingegen, mit einem solchen Repertoire Jugendliche besser erreichen zu können.

Für Stefan Klöckner ist es "ein absoluter Irrtum zu glauben, Jugendliche kämen in die Kirche, wenn sie dort Hip-Hop-, Pop- oder Techno-Messen hören können". Es sei "Quatsch", immer neuen Musikmoden hinterherzulaufen, meint er: "Kirche muss Jugendliche herausfordern und musikalisch qualitative Angebote machen. Nur damit kann man sie erreichen."

Wolfgang Bretschneider sieht es lockerer: "Was der Kirchenmusik immer schon geschadet hat, sind Ideologen und Fanatiker, die blind sind und sagen: Nur so oder so darf sakrale Musik aussehen. Ich halte es mit der Bibel, die sagt: Probiert alles, prüft alles - und was gut ist, bleibt erhalten."