Mikroplastik ist überall - sogar im Mineralwasser | Wissen & Umwelt | DW | 14.03.2018
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Umwelt und Gesundheit

Mikroplastik ist überall - sogar im Mineralwasser

Die Ergebnisse einer neuen, weltweit durchgeführten Mikroplastik-Studie bergen eine gewisse Ironie: In Flaschen abgefülltes Trinkwasser ist oft verunreinigt - möglicherweise durch die Flaschen selbst.

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Mikroplastik in Mineralwasser

In der Werbung wird Wasser in Flaschen als reines, gesundheitsförderndes Produkt angepriesen. Verbraucher scheinen das gern zu glauben. Die Verkaufszahlen sprechen eine deutliche Sprache: Global setzt die Branche knapp 119 Milliarden Euro im Jahr um (147 Milliarden US-Dollar). Diese Zahlen könnte eine neue Studie, die Orb Media mit der Deutschen Welle veröffentlicht hat, trüben. Untersucht wurden Produkte von elf Herstellern, die an 17 Orten in acht Ländern gekauft wurden. Verunreinigungen wurden in 93 Prozent der Proben festgestellt - in teils sehr unterschiedlichen Mengen.

Dennoch: Wir trinken immer mehr Mineralwasser. Laut Berechnungen der Statistik-Plattform Statista haben wir 2017 etwa 391 Milliarden Liter Wasser aus Flaschen getrunken. 2012 waren das nur 288 Milliarden Liter. Angesichts solch gigantischer Zahlen wirft die Studie eine gewichtige Frage auf: Wie gesundheitsschädlich ist der Konsum kleiner und kleinster Plastikpartikel? 

Die Frage ist komplex. Selbst wenn Mikroplastik heute in der Umwelt allgegenwärtig ist, stehen Toxikologen auf der Suche nach einer umfassenden Antwort noch am Anfang ihrer Forschung. "Wir wissen einfach noch nicht, wie viele dieser Teilchen es tatsächlich in den Blutkreislauf des Menschen schaffen", sagt der Leiter des Center for Environmental Health Engineering an der Arizona State University, Rolf Halden. "Viele werden zu groß sein." Aber es gibt "sehr wohl Sorge über das Eindringen solcher Teilchen ins Gewebe und die Chemikalien, die dabei eine Rolle spielen", sagt Halden.

Mann oder Maus

Heather Leslie beschreibt Mikroplastik als "aufkommende, besorgniserregende Verunreinigung." Die Expertin für Umweltgifte an der Vrije Universiteit in Amsterdam mach sich über eine mögliche sogenannte Partikeltoxizität von Plastik Sorgen. "Wenn winzige Partikel, wie etwa Kunststoffe, ins Gewebe eindringen, kann das zu sogenanntem oxidativem Stress führen, der wiederum chronische Entzündungen verursachen kann." Das könne viele Krankheiten zur Folge haben, so Leslie. An Mäusen wurde dazu schon geforscht. Albert Braeuning, der als Toxikologe beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) arbeitet, hat mit seinem Team den Nagern unterschiedlich große Partikel zugeführt. Der Test dauerte 28 Tage, derzeit werten die Wissenschaftler aus, wie sich das Mikroplastik auf das Gewebe der Tiere ausgewirkt hat.

"Soweit wir das anhand der Proben bislang bewerten können, haben wir keine negativen Effekte festgestellt", so Braeuning. Trotzdem, sagt er, sei weitere Forschung notwendig, um den "menschlichen Aspekt" beurteilen zu können. Eine solch große Menge an Daten zusammenzutragen, wird eine lange Zeit dauern, sagt Leslie. Es sei so ähnlich wie beim Rauchen oder dem Klimawandel. "Manchmal dauert es Jahrzehnte, um alles herauszufinden."

Unterschiedliche Ergebnisse

Sherri Mason ist die leitende Mikroplastik-Forscherin der State University of New York. Sie hat auch die aktuelle Orb-Studie begleitet sowie eine weitere zum Vorkommen von Mikroplastik im Leitungswasser. Mit ihrem Team hat sie in jede der 250 getesteten Flaschen Nilrot injiziert, einen Farbstoff, der sich an ölhaltige Materialien heften kann, also auch Plastik. Das Wasser haben die Forscher durch extrem feine Filter geleitet, die Teilchen auffangen, die kleiner als ein rotes Blutkörperchen eines Menschen sind.

Dabei fanden sie im Schnitt pro Liter 10,4 Partikel im Bereich von 100 Micron, also 0,1 Millimeter Größe. Das entspricht in etwa der Dicke eines menschlichen Haares. Durch eine Laseranalyse dieser Partikel waren die Forscher in der Lage, die Molekularstruktur der größeren Teilchen zu untersuchen. Sie wiesen nach, dass es sich tatsächlich um Plastik handelte. Sie fanden aber auch eine wesentliche größerer Zahl kleinerer Teilchen. Auch bei diesen soll es sich höchstwahrscheinlich um Plastik handeln, so die Forscher.

Mithilfe spezieller Software zählten sie diese kleine Partikel. Dabei fanden sie teils gewaltige Abweichungen zwischen einzelnen Flaschen, selbst bei Flaschen derselben Marke. Einige enthielten demnach überhaupt keine Fremdstoffe, anderen dagegen hunderte oder gar tausende Partikel. Der höchste Wert, den die Forscher dabei in einem einzigen Liter Wasser nachweisen konnten, lag bei über 10.000 Teilchen.

Ob alle Teilchen Kunststoff sind, ist nicht völlig sicher. "Als Wissenschaftlerin würde ich sagen, ja, es gibt diese Möglichkeit", sagt die Leiterin der Untersuchung, Mason. "Aber ist sie sehr wahrscheinlich? Ich glaube nicht. Eine Frage wäre: Was sonst würde man im Wasser erwarten? Es handelt sich erwiesenermaßen nicht um Wasser, es handelt sich auch nicht um Mineralstoffe, die man vielleicht in den Ergebnissen erwarten könnte, denn diese werden nicht vom Nilrot eingefärbt."

Trinken wir die Flasche mit?

Die Forscher haben noch keine endgültige Erkenntnis darüber, wo die Verunreinigungen herkommen. Unter den sicher identifizierten Partikeln waren Nylon, Polyethylenterephthalat (PET - oft verwendet für Wasserflaschen) und eine 54-prozentiges Vorkommen von Polypropylen, also das Material, aus dem häufig Flaschenverschlüsse hergestellt werden.

Masons Ergebnisse decken sich mit den Ergebnissen einer ähnlichen Studie, die Darena Schymanski durchgeführt hat. Am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe untersuchte sie Wasserflaschen in Deutschland auf Mikroplastik. "Wir haben Polyethylenterephthalat (PET) und Polypropylen im Wasser gefunden", sagt Schymanski. "Das sind die Polymere, aus denen sowohl Flaschen als auch Kappen bestehen."

Mikroplastik in Flaschenwasser (Orb Media)

Speziallicht bringt es zu Tage: Mikroplastik im Wasser

Ein Thema für die Hersteller

"Studien wie diese machen Menschen darauf aufmerksam, dass Plastik zwar ein wunderbares Material ist, aber wir müssen es mit Vorsicht und gesundem Menschenverstand verwenden und entsorgen", sagt Andrew Mayes. Der Dozent für Chemie an der Universität von East Anglia in Großbritannien, der ebenfalls mit dem Farbstoff Nilrot arbeitet, hat ebenfalls Masons Ergebnisse überprüft. Er hoffe, dass diese Ergebnisse die Debatte um den Umwelteinfluss, den unsere Verpackungsmaterialien haben, weiter befeuern.

Auf der Basis der Orb-Studie hat Nestlé sechs Flaschen getestet. Dabei habe man keine "Mikroplastik-Verbindungen gefunden, die über geringe Spuren hinausgehen", so das Unternehmen. Ein Sprecher des Unternehmens sagt der DW, man wäre "bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten, um die Robustheit und Standardisierung von Testmethoden weiterzuentwickeln."

Das deutsche Mineralwasserunternehmen Gerolsteiner erklärte, man achte schon lange auf Mikroplastik und stelle sicher, dass das Wasser "regelmäßig überprüft werde, sowohl intern als auch in angesehenen Laboren." "Bei diesen Tests wurden keine Spuren von Mikroplastik in unseren Quellen gefunden", so ein Gerolsteiner-Vertreter. Die Ergebnisse seien aber eine Gelegenheit, die Prozesse weiter zu untersuchen, hieß es weiter.

Auf schriftliche Anfrage der DW schrieb Tarik Jasarevic von der Weltgesundheitsorganisation WHO: "Zur Zeit haben wir keine Hinweise, dass Mikroplastik die menschliche Gesundheit beeinträchtigt. Um das Risiko einschätzen zu können, müssen wir nachweisen können, dass Mikroplastik im Trinkwasser in gesundheitsschädlichen Konzentrationen auftritt."

Für Toxikologen wie Halden geht es bei der Lösung des Mikroplastikproblems allerdings um mehr als nur Methoden und Prozesse. "Wir produzieren die Chemie von gestern in Masse", sagt er. "Der Verbraucher muss nun deutlich machen, dass er diese Materialien nicht weiter verwenden möchte."

Den vollständigen Bericht von Orb Media finden Sie unter www.orbmedia.org.Der Bericht entstand in Zusammenarbeit mit Dan Morrison und Christopher Tyree von Orb Media.

 

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