Migration ist ein europäisches Problem | Europa | DW | 25.06.2018
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Balkanstaaten

Migration ist ein europäisches Problem

Alle wichtigen Analytiker sind sich einig, dass Bosnien und Herzegowina und die anderen Balkanstaaten das Problem irreguläre Migration nicht allein lösen können. Nötig ist mehr Engagement der EU.

„N.N. - Migrant - männlich" - das ist alles, was unter dem Halbmond auf dem neuen Grabstein auf dem Friedhof der ostbosnischen Kleinstadt Bratunac steht. So unklar wer der Mann war, der beim Versuch der Einreise aus dem benachbarten Serbien im Grenzfluss Drina ertrunken ist. Mindestens 15 Tage trieb die Leiche im eiskalten Wasser, bis sie Anfang Juni gefunden wurde. Selbst das Symbol auf der grünen Holzplatte, die das Grab ziert, beruht auf der Annahme, dass der Ertrunkene Muslim war. Bewiesen ist das nicht, weshalb der lokale Hodscha zumindest bisher ein religiöses Begräbnis verweigert.

Als die ungarische Regierung im Juli 2015 an der Grenze zu Serbien einen Zaun errichten ließ, um zu verhindern, dass weitere Migranten auf der "Balkanroute" von der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien nach Ungarn und damit in die Europäische Union kommen, war klar, dass viele derer, die schon auf dem Weg in die EU waren - vor allem Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisenregionen Asiens - neue Wege in den Westen suchen und finden würden. Es gibt sie längst, die „Neue Balkanroute" über Albanien, Montenegro und Bosnien hinein ins EU-Land Kroatien. 

Bosnien Migrantenroute durch die Hauptstadt Sarajevo (DW/S. Huseinovic)

Die Migranten der neuen Balkanroute: Flüchtlingszelte mitten in Sarajevo

Seit Ende vergangenen Jahres ist klar: immer mehr Migranten erreichen Bosnien auf dem Weg in die EU. Die meisten dieser Menschen kommen aus Pakistan, Afghanistan, Syrien, Irak und nordafrikanischen Staaten. Sie reisen an verschiedenen Grenzabschnitten sowohl aus Serbien als auch aus Montenegro ein - und dann weiter Richtung Westen zur kroatischen Grenzen. Im Zentrum der bosnischen Hauptstadt Sarajevo errichteten Flüchtlinge ein Zeltdorf, bis die lokalen Behörde sie in ein extra errichtetes Flüchtlingslager in Salakovac in der Nähe von Mostar bringen ließen.

Über Kroatien nach Westeuropa

Im nahe der kroatischen Grenze gelegenen Velika Kladuša haben sich die Behörden gegen eine Unterbringung von Migranten auf dem Gebiet ihrer Gemeinde ausgesprochen. Sie fürchten um die Sicherheit der Bürger der westbosnischen Kleinstadt und führen zum Beweis den Fall eines Migranten aus Marokko an, der bei einer Auseinandersetzung mit anderen Flüchtlingen zu Tode kam. Auch im Flüchtlingslager Salakovac gab es bereits Schlägereien zwischen Migranten, dabei wurde eine Person mit einem Messer verletzt. Die Vorfälle beunruhigen Teile der lokalen Bevölkerung, die ein effektiveres Engagement der Polizei fordern und ihren Unmut über die Anwesenheit der Migranten immer lauter kund tun.

Von Westbosnien aus versuchen die Migranten, Kroatien zu erreichen - und damit das Territorium der EU. Erklärtes Ziel ist vor allem Deutschland. Aber auch andere EU-Länder wie Italien und Österreich werden genannt. Um unkontrollierte Einreisen aus Bosnien nach Kroatien zu verhindern, haben die Sicherheitskräfte beider Länder die Grenzkontrollen verstärkt. Der internationale Übergang bei Maljevac wurde zeitweise geschlossen.

"Kroatien wird bald zum Schengenraum gehören," sagt Sicherheitsspezialist Sandi Dizdarević gegenüber der DW, "daher wird die Sicherheit der kroatischen Bürger bis zum Maximum verstärkt. Die der Migranten, die versuchen Bosnien zu verlassen, wird dagegen zur Disposition gestellt. Dabei sollte man nicht vergessen, dass in Bosnien noch vor 25 Jahren Krieg herrschte und viele Gebiete nach wie vor vermint sind."

Überforderte bosnische Grenzer

Die Grenzpolizei Bosniens hat ihre Kontrollen sowohl entlang der kroatischen als auch entlang der serbischen und der montenegrinischen Grenze verstärkt. So sollen sowohl Einreisen von Migranten ins Land verhindert werden als auch Ausreisen in die EU. Der Direktor der Grenzpolizei Zoran Galić fordert von seinen Beamten immer mehr Flexibilität, da die Migranten immer neue Wege finden, etwa über Wald- und Bergpfade oder durch Flüsse. "Doch nach mehreren Monaten des verstärkten Engagements ohne zusätzliches Personal sind unsere Kapazitäten sowohl in menschlicher als auch in technischer Hinsicht erschöpft", warnt Galić. Und das obwohl seit vergangener Woche  zusätzlich zu den Grenzern Polizei entlang der Grenze im Einsatz ist.

Migranten in Bosnien-Herzegowina (DW/Z. Ljubas)

Treffpunkt Bahnhof: Wasserversorgung durch Hilfsorganisationen in Sarajevo

Srećko Latal, politischer Analyst und ehemaliger Mitarbeiter des renommierten Think Tanks "International Crisis Group" (ICG) meint, dass Bosnien und Herzegowina und die anderen Balkanländer nicht in der Lage sind, die anstehenden Probleme alleine zu lösen. "Ohne substanzielle Unterstützung der EU werden Bosnien und der Rest des Balkans in diesem Jahr noch tiefer in die Migrationskrise geraten - mit potenziell gefährlichen Folgen", so Latal gegenüber DW.

Grenzschließungen unmöglich?

Ob Bosnien will oder nicht: Das Land muss darauf vorbereitet sein, seine Grenzen zu schließen, wenn die EU-Länder und vor allem Kroatien das vormachen, so Latal weiter. Doch ob das angesichts hoher Berge und tiefer Gebirgsflüsse sowohl entlang der Ost- als auch der Westgrenze überhaupt möglich ist, ist fraglich. "In jedem Fall wird dazu viel, konkretere und schnellere Hilfe aus der EU benötigt", da ist Latal sicher.

Europäische Unterstützung fordert auch das offizielle Bosnien. "Illegale Migration erfordert einen europäischen Ansatz", so Sicherheitsminister Dragan Mektić beim Treffen der Innenminister der Westbalkanstaaten am vergangenen Dienstag (19.6.) in Brüssel. Die Minister waren sich einig, dass verstärkte Grenzkontrollen, der Kampf gegen Schlepper und gemeinsames Verhindern irregulärer Bewegungen von Menschen sowohl für die EU als auch für die Staaten des Westbalkans eine Priorität bleiben wird.

Die Europäische Union hat Bosnien und Herzegowina mittlerweile Hilfsgelder in Höhe von 1,5 Millionen Euro zur Bewältigung der Migrationskrise zugesagt. Das wird die zeitweilige Unterbringung von Flüchtlingen dort erleichtern - aber die Bewegungen auf der "Neuen Balkanroute" nicht beenden. Bis 17. Juni diesen Jahres wurden 6.643 Migranten in Bosnien registriert. 611 davon haben Antrag auf Asyl gestellt. Hilfsorganisationen rechnen damit, dass in den kommenden Monaten mehr als 50.000 Migranten versuchen werden in das 3,5-Millionen-Einwohnerland zu gelangen.

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