Migration: Europa ist nicht das Hauptziel | Europa | DW | 03.07.2019
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Europa

Migration: Europa ist nicht das Hauptziel

In Berlin haben Wissenschaftler eine Studie zu globalen Wanderungsbewegungen vorgestellt. Die Experten klären über die Ursachen von Migration auf und räumen mit einigen Klischees auf.

Adrian Heiermann muss ein wenig lachen. Nein, ins "lange Wochenende" würde es auch jetzt nicht gehen. Auch wenn das Zusammenstellen der Studie "Europa als Ziel? Die Zukunft der globalen Migration" "sehr viel Arbeit" gewesen wäre, wie der studierte Politikwissenschaftler und Soziologe im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW) sagt. Heiermann arbeitet seit Ende 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das Institut, das im Jahr 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet wurde, ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt. 

Die am Mittwoch in Berlin veröffentlichte Publikation passt genau in die Kerntätigkeit des Instituts. Die Autoren Adrian Heiermann, Jana Aresin, Alisa Kaps und Reiner Klingholz widmen sich auf knapp 90 Seiten den ganz großen Fragen des Themenfelds Migration: "Warum entsteht Migration?", "Welche regionalen Unterschiede gibt es?" oder "Wann ist Flucht unvermeidbar?".

Gründe für Migration

Zwar habe es Migration schon immer gegeben, sagt Heiermann, früher seien Menschen allerdings primär migriert, "um sich neue Gebiete zu erschließen". Heute gebe es für Wanderungsbewegungen verschiedene Gründe: "Einerseits haben wir sogenannte humanitäre Wanderungen. Das bedeutet, dass diese Menschen vor Verfolgung, vor Kriegen oder ähnlichem fliehen, andererseits haben wir die Migration, die zu Bildungszwecken oder als Familiennachzug stattfindet. Zunehmend gibt es auch Mischformen, bei denen nicht klar ist, welchem Feld diese zuzuordnen sind." Hinzu komme, sagt Heiermann, dass die Menschen grundsätzlich "mobiler" seien: "Aufgrund der Globalisierung sind mehr Menschen überhaupt in der Lage zu wandern."

Infografik die Armen migrieren nicht DE

Ergebnis der Studie: Es sind nicht die Armen in bestimmten Regionen, die ins Ausland migrieren

Auch wirtschaftliche Faktoren spielen eine Rolle. Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang vom "Wohlstandsgefälle", das zwischen den Industrienationen und den weniger entwickelten Regionen der Welt enorm ist. In letztgenannten fehle es häufig an Arbeitsplätzen, um die jungen Menschen mit Beschäftigung zu versorgen. Die Folge ist für die Experten klar: Vor allem in der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen würde der Wunsch nach Migration dadurch "befördert".

Die Zahlen, die die Wissenschaftler präsentieren, sind beeindruckend. Allein im Jahr 2017 galten 258 Millionen Menschen als internationale Migranten. Das bedeutet, dass sie außerhalb des Landes wohnten, in dem sie geboren wurden. Diese Zahl könnte in den nächsten Jahren weiter steigen. Aus Befragungen des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Gallup mit Sitz in Washington, D.C, geht hervor, dass sich weltweit rund 750 Millionen Menschen vorstellen können, in ein anderes Land zu ziehen, sollte die Möglichkeit dazu bestehen. Das sind 15 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung.

USA sind Traumziel für Migranten

Laut der Gallup-Studie ist der Migrationswunsch mit 33 Prozent in den Ländern südlich der Sahara am höchsten. In Lateinamerika und der Karibik, wo der Wunsch seit dem Jahr 2010 am stärksten gestiegen ist, sind es immerhin 27 Prozent, im Nahen Osten und Nordafrika 24 Prozent. In den verschiedenen Regionen Asiens sind es hingegen nur sieben bis acht Prozent. 

Adrian Heiermann stellt klar, dass die Europäische Union dabei keineswegs das "Traumziel" der meisten Migranten sei. Vielleicht, sagt der Experte, sei das in den vergangenen Jahren beizeiten die Selbstwahrnehmung "in einigen Teilen Europas gewesen, aber wer sich beispielsweise das Ausmaß der Migrationsströme von Lateinamerika in die USA ansieht, erkennt schnell, dass die Wanderungsbewegungen dort ein anderes Volumen haben als nach Europa".

Die USA als Fixpunkt für Migration: Dieser Trend gilt auch weltweit. Laut Gallup-Institut gibt rund jeder Fünfte, 21 Prozent der potenziellen Migranten weltweit, die USA als Wunschziel an. Das entspricht rund 158 Millionen Personen. Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich wären für immerhin 42, 36 respektive 34 Millionen Menschen attraktiv.

Mexiko: Migranten auf dem Weg in die USA (picture-alliance/AP/M. Castillo)

Die USA als Ziel: Menschen aus Mittelamerika auf einer mexikanischen Landstraße in Richtung USA

Die EU braucht Migration

Dass die Europäische Union hinter den USA zurückfällt, liegt nach Ansicht der Autoren auch an der Migrationspolitik der EU. Da die EU "spätestens" seit den hohen Flüchtlingszahlen im Jahr 2015 das Ziel habe, "(irreguläre) Migration möglichst stark einzuschränken", sei insgesamt "die Zahl der Schutzsuchenden deutlich gesunken". Bei der Mehrheit der Bevölkerung stößt diese Politik auf Zustimmung.

Nach einer Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2018 stehen 53 Prozent der EU-Bürger der Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten "skeptisch bis negativ" gegenüber. Eine fatale Fehleinschätzung der eigenen Situation, wie Heiermann und seine Kollegen darlegen. Denn die EU, so die nüchterne Analyse, brauche schon alleine "aufgrund der prognostizierten deutlichen Überalterung der Gesellschaften" schlicht mehr Zuwanderung. Fast flächendeckend würden immer mehr EU-Bürger in den Ruhestand gehen. Die Folge: In Zukunft werde es immer weniger Einzahler in die gesetzlichen Rentenkassen geben, während gleichzeitig immer mehr Menschen auf deren Leistungen angewiesen sind. Die Kosten für die Gesundheits- und Pflegesysteme würden immens steigen. 

Infografik Die Migrationsfrage ist für die EU eine große Herausforderung DE

Die Themen Migration und Asyl sind bestimmende Themen in der Europäischen Union

Trotz dieses grauen Zukunftsbilds wollen Heiermann und seine Kollegen die Leser ihrer Studie nicht ganz hoffnungslos entlassen. Mit dem globalen Migrationspakt, den die UN-Vollversammlung im Dezember 2018 mit absoluter Mehrheit angenommen hat, existiere beispielsweise erstmals ein Kooperationsrahmen, um Migrationspolitik global abzustimmen.

Auch in Deutschland gebe es erste vorsichtige Zeichen, dass "sich etwas bewege". Mit dem im März 2019 verabschiedeten Fachkräftezuwanderungsgesetz habe die Bundesregierung einen vorsichtigen Schritt getan, um reguläre Einwanderungswege vor allem für Fachkräfte auszubauen.

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