Messe-Ausfälle in Corona-Zeiten: Wer zahlt? | Wirtschaft | DW | 04.03.2020
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Corona-Krise

Messe-Ausfälle in Corona-Zeiten: Wer zahlt?

Ob in Berlin, Paris, Genf, ob in Bologna oder Leipzig - überall werden Messen abgesagt. Verantwortlich: das Coronavirus. Aber wer bleibt nach einer plötzlichen Absage eigentlich auf den Kosten sitzen?

Messen, das sind Treffpunkte par excellence, auch für Virenträger. Besucher aus vielen Orten kommen an einem Ort zusammen, um beieinander zu stehen, um zu reden, um Waren zu begutachten, um Verträge zu unterschreiben. Vieles geht da von Hand zu Hand, Küsschen hier, Küsschen da, Handschlag, Dutzende Mal am Tag. Kein Wunder, dass hunderte Messen weltweit abgesagt werden, um Besucher und Aussteller nicht einer Gefahr auszusetzen, die mittlerweile alle kennen: dem Coronavirus.

Den Anfang machte die weltgrößte Mobilfunkmesse, der World Mobile Congress in Barcelona. Es folgten Messen für Reisen (die ITB in Berlin), für Autos (der Autosalon in Genf), für Wein, für Handwerker, kleine Messen, großen Messen und Messen für Bücher, in Bologna, in Paris und dann in Leipzig. Jetzt, Anfang März, sind weltweit rund 400 Messen abgesagt worden.

Die Hannover Messe wird dagegen nur verschoben. Statt am ursprünglichen Termin Ende April soll die weltgrößte Ausstellung für Automatisierung und Energietechnik nun Mitte Juli stattfinden.

Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse: früher voll, jetzt abgesagt

 410 Millionen Teilnehmer

In Europa gibt es mehr als hundert abgesagte Messen. Besonders streng sind die Behörden in der Schweiz, hier sind alle Zusammenkünfte mit mehr als tausend Menschen untersagt. Die meisten Absagen gab es bisher in Asien, aber einschneidend sind auch die in Deutschland: Das Land ist mit gut 410 Millionen Teilnehmern nach den USA das zweitgrößte Tagungsland der Welt, und Messen und Ausstellungen gibt es von Kiel im Norden bis Friedrichshafen im Süden.

Dabei geht es oft um große Zahlen und sehr viel Geld. Der Ausfall des World Mobile Congress soll Barcelona 500 Millionen Euro an Umsatz gekostet haben. Zur Leipziger Buchmesse wurden dieses Jahr 280.000 Besucher erwartet, es hatten sich 2.500 Aussteller angemeldet. 2019 wurden auf der für dieses Jahr abgesagten ITB in Berlin den Veranstaltern zufolge Geschäfte für sieben Milliarden Euro abgeschlossen.

Und was ist mit den Messebauern, was mit großen Autofirmen, mit den kleinen Winzern und Handwerkern und Verlagen, die einen Stand gebucht haben? Wer kommt für ihre Kosten auf? Und wer entschädigt die Messeveranstalter, die die Hallen bereitstellen, das Personal und die Logistik?

"Riesenloch in den Auftragsbüchern"

Erste Antworten kommen von den Messebauern, also den Dienstleistern, die für die Aussteller die Messestände errichten. "Wenn eine große Messe abgesagt wird, reißt das ein Riesenloch in die Auftragsbücher", sagte Jan Kalbfleisch vom Branchenverband Famab. Einem ersten Report zufolge beläuft sich der Schaden, der bis Mittwoch dieser Woche durch bisherige Absagen verursacht wurde, auf 670 Millionen Euro. Viele Unternehmen, so Kalbfleisch, stünden nun vor der Frage, "wie sie die nächsten Monate überstehen sollen". Der entstandene Gesamtschaden liege derzeit nach Hochrechnungen des Branchenverbands bei über 1,6 Milliarden Euro. 

Deutschland Messe ITB Berlin 2019 l Vorbereitung

Messebauer als Leidtragende: geschätzte Ausfälle von 426 Millionen Euro

Mit einem blauen Auge dürften meist die Aussteller selbst davonkommen - zumindest wenn es um die Standkosten geht. Nach der Absage der Leipziger Buchmesse heißt es beim Börsenverein des deutschen Buchhandels: "Das Geld für den Messestand gibt es zurück, da die Buchmesse offiziell abgesagt wurde."

Das gilt in der Regel auch für andere Messen, so der Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AUMA): "Wird eine Veranstaltung abgesagt, muss der Vertrag unter Berücksichtigung der Teilnahmebedingungen rückabgewickelt werden", so Silvia Bauermeister vom AUMA gegenüber DW, "mit der Folge, dass in der Regel auch bereits gezahlte Beiträge wie Standkosten erstattet werden". Für die Ausfälle der Messeveranstalter aber komme niemand auf.

Dumm sieht es für die einzelnen Aussteller bei Hotelkosten und Flug- oder Bahntickets aus. Einmal bezahlt, bekommt man sie selten zurück. Die Mindereinnahmen für die Städte, die große Ausstellungen beherbergen, lassen sich schwer abschätzen. Dem Münchner ifo-Institut zufolge geben Aussteller und Besucher in den deutschen Messe-Städten 14,5 Milliarden Euro im Jahr aus. Immerhin gibt es allein in Deutschland 185 Branchenmessen von einiger Bedeutung.

Leichtathletik-EM Olympiastadion Berlin

Was ist mit den sportlichen Großveranstaltungen in diesem Sommer?

Fußball-EM und Olympische Spiele

Und dann sind da noch die richtig großen Großveranstaltungen: Die Europa-Fußballmeisterschaft im kommenden Sommer und das Mega-Event schlechthin, die Olympischen Spiele, die im Juli in Tokio beginnen sollen. Was wird, wenn das Corona-Virus bis dahin noch keine Ruhe gibt? Für einen Monat sind derzeit in Japan die meisten Schulen wegen des Virus geschlossen. Die Kosten der Spiele hatten die Organisatoren vor einigen Wochen auf 12,4 Milliarden Dollar beziffert.

Allein für die TV-Rechte in Europa hat der Discovery-Konzern 1,4 Milliarden Dollar bezahlt. Kein Problem, sagte Discovery-Finanzchef Gunnar Wiedenfels dem Magazin Variety: Eine Absage hätte "keine negativen Auswirkungen auf unsere Finanzen". Man habe Versicherungen für den Fall der Fälle abgeschlossen.

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