Meinung: Reden ist gut, impfen ist besser | Kommentare | DW | 31.07.2021
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Corona-Impfstoff

Meinung: Reden ist gut, impfen ist besser

Auf den Impfandrang folgt die Impfmüdigkeit. Und die Vernichtung wertvoller Vakzine. Deutschland verabschiedet sich stillschweigend vom Ziel der Herdenimmunität. Ein Trauerspiel, meint Astrid Prange de Oliveira.

Impfzentrum Krefeld I Impfhero

Impfhelden? Werbebanner am Eingang eines Impfzentrums in Krefeld

Es ist ein Trauerspiel. Erst mussten Menschen hierzulande monatelang auf eine Impfung gegen COVID-19 warten. Jetzt warten Ärzte in den Impfzentren auf Impfwillige und tausende von Impfdosen landen in der Tonne.

Mehrere Bundesländer, darunter Hamburg, Berlin und Baden-Württemberg, wollen überschüssige Impfdosen an das Bundesgesundheitsministerium zurückgeben. Tausende von Vakzinen müssen vernichtet werden, wenn abzusehen ist, dass das Haltbarkeitsdatum überschritten wird.

Dass mit der Vernichtung von Impfstoffen Millionen von Steuergeldern vernichtet werden, ist schlimm genug. Noch schlimmer sind die immer noch vorhandene Impfskepsis und der schleichende Abschied vom Ziel der Herdenimmunität, die zu Beginn der Impfkampagne ausgegeben wurde. 

Widersprüchliche Empfehlungen

An dem Trauerspiel sind viele beteiligt. Zu ihnen gehören nicht nur diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, sondern auch Politiker die keine Entscheidungen treffen. Und auch die Experten, die widersprüchliche Empfehlungen zu Impfstoffen abgeben. 

Impfskeptiker berufen sich auf ihre persönlichen Freiheitsrechte und riskieren dadurch, dass die Freiheitsrechte der gesamten Gesellschaft eingeschränkt werden.

Dieses Freiheitsverständnis auf Kosten der Allgemeinheit hat mit dem Ideal des aufgeklärten Staatsbürgers, das von vielen Liberalen zu Recht verfochten wird, nichts zu tun. Im Gegenteil. Es zeigt, dass Menschen es in Kauf nehmen, beim nächsten Lockdown eine ganze Gesellschaft in Unfreiheit zu schicken.

Kommentarbild Astrid Prange

DW-Redakteurin Astrid Prange de Oliveira

Auch die widersprüchlichen Empfehlungen zum Impfstoff von AstraZeneca haben an dem Trauerspiel mitgewirkt. Während die Europäische Arzneimittelagentur EMA den Impfstoff uneingeschränkt für alle Altersgruppen empfiehlt, rät die Ständige Impfkommission (Stiko) nur zur Anwendung bei über 60-Jährigen. Dänemark stellte die Impfungen mit AstraZeneca sogar ganz ein.

Die politischen Entscheidungsträger hierzulande haben sich unterdessen in den Wahlkampf verabschiedet. Die Vernichtung von Impfstoffen ist dafür kein geeignetes Thema. Und das Thema Impfpflicht erst recht nicht.

Dass es auch anders geht, zeigt die Einführung der Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in europäischen Nachbarländern. In Italien zum Beispiel muss sich seit dem 25. Mai medizinisches Personal gegen Corona impfen lassen. Auch eine Impfpflicht für Lehrer steht zur Debatte.

In FrankreichmüssenMitarbeiter von Krankenhäusern, Alten- oder Pflegeheimen bis zum 15. September eine Impfung nachweisen. Und in Großbritannien gab die Regierung am 16. Juni eine Impfpflicht für Mitarbeiter von Pflegeheimen bekannt.

Dekadente Debatten

Zu den Lektionen der Corona-Pandemie gehört für mich die Einsicht, dass ideologische Debatten und politische Rechthaberei keine Menschenleben retten oder Viren unschädlich machen. Die schnelle Entwicklung von Impfstoffen hingegen sehr wohl. Dank dieser wissenschaftlichen Spitzenleistung und internationaler Kooperation scheint eine Kontrolle der Pandemie möglich.

Umso so niederschmetternder ist die Vernichtung wertvoller Vakzine. Das Leid der Corona-Toten und ihrer Angehörigen gebietet uns, trotz der schmerzhaften Rückschläge nicht aufzugeben und weiter zu impfen, weiter um jedes Menschenleben zu kämpfen und weiter unangenehme Debatten zu führen. Und Entscheidungen zu treffen, statt sich vor ihnen zu drücken, damit das Trauerspiel ein Ende hat.

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