Meinung: Papst Franziskus im Irak - Reise an einen Sehnsuchtsort | Kommentare | DW | 04.03.2021
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Papstreise

Meinung: Papst Franziskus im Irak - Reise an einen Sehnsuchtsort

Mit seinem Besuch im Irak verweist der Papst Muslime, Christen und Juden auf gemeinsame Traditionen. Hoffentlich findet er deutliche Worte, meint DW-Religionsexperte Christoph Strack.

Irak Besuch von Papst Franziskus Ayatollah Ali Sistani

Papst Franziskus und Ajatollah Ali Sistani sind bereits in Bagdad plakatiert

Selbst in Rom kann man die Kritik hören. Ein Papstbesuch in Pandemie-Zeiten? Gut 15 Monate nach seiner bislang letzten Auslandsreise bricht Papst Franziskus an diesem Freitag zu einem viertägigen Besuch in den Irak auf. Dabei steigen auch an Euphrat und Tigris die Infektionszahlen. Vor einer Woche fiel der Botschafter des Vatikan im Irak, ein 51-jähriger, aus Slowenien stammender Kurien-Erzbischof, infiziert aus. Und auch wenn Franziskus und sein Tross geimpft sind - was ist mit den einheimischen Offiziellen? Mit den Zaungästen? Seinen Personenschützern? Mit den wohl 10.000 Teilnehmern, die am Sonntag in Erbil im Stadion erwartet werden?

Es werde, heißt es im Vatikan, konsequent auf die Einhaltung der Schutzregeln geachtet. Und irakische Stellen betonen, das Stadion in Erbil, das zweitgrößte des Landes, biete allein auf den Rängen Plätze für 40.000 Menschen, sei also kaum besetzt.

Dem Islam entgegen

Aber all das nennt nicht den wesentlichen Grund dafür, dass es doch bei der Reise bleibt und Zweifel rasch weg-dementiert wurden. "Ich sehne mich danach, euch zu sehen", schrieb Franziskus an diesem Donnerstag den Christen aller Bekenntnisse im Irak. Der Papst sehnt sich nach dieser Reise, die ihn an den Beginn des monotheistischen Gottglaubens führt und zugleich ins gegenwärtige Leid Hunderttausender. Franziskus geht seinen Weg - dem Islam entgegen.

Noch nie war ein Papst im Irak. Dabei wartet das Land seit fast 25 Jahren auf einen solchen Besuch. Damals gab es konkrete Reisepläne für Johannes Paul II. (1978-2005), der es im Heiligen Jahr 2000 nach Ägypten, Israel, Jordanien und Palästina schaffte, 2001 nach Malta, Griechenland und Syrien. In all diesen Ländern verorten sich biblische Geschichten, auch im Irak. Die für das Jahr 2000 geplante Visite scheiterte an einem strikten Nein des Diktators Saddam Hussein.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait

DW-Religionsexperte Christoph Strack

Für Franziskus ist es ein weiteres Kapitel seines Weges der Begegnung mit dem Islam. Dieser Tage rief der Jesuit und Papst-Kenner Bernd Hagenkord die überhaupt erste Rede dieses Papstes an die beim Vatikan akkreditierten Diplomaten in Erinnerung, im März 2013, wenige Tage nach seiner Wahl. "Man kann keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergisst. Doch es gilt auch das Gegenteil: Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen Menschen ignoriert. Darum ist es wichtig, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen zu verstärken - ich denke besonders an den mit dem Islam."

Rabbiner und Imam als Freunde

Franziskus, dieser Papst, der aus der Ferne kam, und der schon in seiner Heimat Buenos Aires mit dem Rabbiner und dem Imam gut befreundet war (welcher Kardinal oder Bischof kann das schon von sich behaupten?). Auf seine Art ist er ja nicht wirklich so Papst, wie Europäer es erwarten: kein Prunk, kein Dünkel, kein Blick von oben, kein Anspruch auf dauernde Rechthaberei. Er geht auf den Anderen - mit all dem, was an diesem einfachen Wort im philosophischen Diskurs dranhängt - einfach zu. Auf Augenhöhe. Und er geht auf den Islam zu.

Damit hat Franziskus übrigens nicht begonnen. Schon Johannes Paul II. bemühte sich. Und er ging im Jahr 2001 in die Omajaden-Moschee der syrischen Hauptstadt Damaskus. Erstmals betrat ein Papst ein muslimisches Gotteshaus - und rief Christen, Juden und Muslime zu gegenseitigem Respekt und zur Zusammenarbeit auf.

Inspiration durch den Großimam

Seit 2013 war Papst Franziskus in acht muslimisch geprägten Ländern, allesamt Ländern, die für einen sunnitischen Islam stehen. Mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmad al-Tayyib, ist er, das kann man so sagen, mittlerweile befreundet. Vor gut zwei Jahren unterzeichneten beide in Abu Dhabi das "Dokument über die universelle Geschwisterlichkeit der Menschen". Und als Franziskus im Oktober 2020 die Enzyklika "Fratelli tutti" veröffentlichte, findet sich darin niemand öfter zitiert als al-Tayyib. Ja, Franziskus schreibt sogar, der Großimam habe ihn zu dieser Enzyklika inspiriert. Eigentlich unerhört.

Indes, je länger, je mehr fehlte in seiner Begegnung mit dem Islam der zweite, kleinere Hauptzweig des Islam, die schiitische Strömung. Man konnte die Nähe zur "Schia" schon vermissen. Denn Schiiten haben durchaus Nähen zur katholischen Struktur: Sie haben anders als die "Sunna" eine Theologie mit hochanerkannten theologischen Schulen, ihre Geistlichen sind Kleriker, sie reflektieren Dinge wie Mysterium und Theologie des Landes. Und bevor jetzt zu rasch das Framing der islamischen Hardliner im Iran dominiert - die irakische "Schia" mit der Schule von Nadschaf steht selbstbewusst und eigenständig neben iranischem Denken.

Der Höhepunkt in der Ebene von Ur

Franziskus will noch tiefer als bislang deutlich machen, wie wichtig ihm das Gespräch mit dem Islam ist. Deshalb reist der 84-jährige nun zum 90-jährigen Großajatollah Ali al-Sistani nach Nadschaf. Da drängt die Zeit schon wegen des Alters. Es ist der einzige Protokollpunkt in Nadschaf: Landung - Treffen mit dem Großimam - Abflug. Sistani wird international geschätzt und hält das iranische Modell für gescheitert.

Aber das Reiseprogramm von Franziskus lässt wie eine Pointe auf den Zwischenstopp in Nadschaf einen religiösen Höhepunkt, ja, vielleicht den geistlichen Höhepunkt dieser Tage folgen: Der Papst kommt in die Ebene von Ur - an jenen Ort, von dem laut biblischem Bericht vor Jahrtausenden Abraham aufbrach und ins heutige Heilige Land zog. Abraham, der Stammvater Israels, der auch Stammvater der Araber ist. Auf ihn geht der monotheistische Gottglaube zurück.

Die Verbundenheit der monotheistischen Religionen

Ein Papst kann an diesen Ort Ur nicht kommen, ohne all das zu erinnern: die Verbundenheit der monotheistischen Religionen. Und er muss dort im sandigen Land am Euphrat von Juden, Christen und Muslimen sprechen, von der gemeinsamen Wurzel der verfeindeten Geschwister. Es ist - was die Europäer kaum sehen - für einen Papst ein Sehnsuchtsort. Und welcher Ort wäre besser geeignet als der Tell des alten Ur, um in einer Welt mit religiöser Zerklüftung und militant-religiöser Konfrontation zu beten und an die gemeinsame Herkunft zu erinnern: dass letztlich alle nur, wie weiland Abraham, auf der Suche nach dem sind, den sie Gott nennen.

Die Stätte des Anfangs ist für Franziskus ein Ort sehr gegenwärtiger Erinnerungen und drängender Mahnungen. Die Risiken einer Reise in Corona-Zeiten nimmt er dafür in Kauf.

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