Meinung: John Magufuli - verhasst und verehrt | Kommentare | DW | 18.03.2021
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Tansania

Meinung: John Magufuli - verhasst und verehrt

Mag auch über seine Todesursache noch spekuliert werden - klar ist: Tansanias Präsident John Magufuli wird wegen seiner guten wie seiner schlechten Taten in Erinnerung bleiben, meint DW-Redakteur Mohammed Khelef.

Amtseid von Tansanias Präsident John Pombe Magufuli

Er hinterlässt ein gespaltenes Land: John Pombe Magufuli bei seinem Amtseid 2020

Laut Tansanias Regierung ist Präsident John Magufuli an einem Herzleiden verstorben. Doch seine wochenlange Abwesenheit von der Öffentlichkeit ließ das ganze Land über die Frage spekulieren, ob sich der erste Mann im Staat mit dem Coronavirus infiziert haben könnte. Dies wäre ebenso ironisch wie tragisch, hatte der 61-Jährige die internationalen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Umgang mit COVID-19 stets ignoriert und stattdessen auf Gebete und Heilkräuter gesetzt.

Was auch immer die Todesursache war - Magufulis Ableben unterstreicht die schmerzhafte Spaltung, die Tansania derzeit durchzieht. Für viele Menschen war er der beste Präsident, den das Land jemals hatte, weil er viele Probleme im Staatsapparat energisch anging; viele andere dagegen halten ihn für den schlechtesten - weil er autokratisch regierte und jeden einschüchterte, der es wagte, ihn zu kritisieren. Sich zwischen diesen beiden Extremen zu bewegen war ein Talent, das Magufuli zu seinem Vorteil zu nutzen wusste.

Die Marke Magufuli

Sein Wahlkampf-Versprechen, einen energischen Kampf gegen die Korruption in Tansania zu führen, hatte Magufuli 2015 an die Macht gebracht. Nach seinem Wahlsieg zeichneten seine Anhänger schnell das Bild eines Heiligen, der gesandt sei, um ihr Land zu retten. Dabei war sein Wahlsieg weder Wunder noch Zufall, da seine CCM-Partei jeden Präsidenten seit der Unabhängigkeit 1962 gestellt hat.

DW-Redakteur Mohammed Khelef

DW-Redakteur Mohammed Khelef

Die Tatsache, dass Magufuli schnell viel Aufmerksamkeit erregte, war der Tatsache geschuldet, dass er bald seinen ganz eigenen Regierungsstil kreierte.

Er nutzte und benutzte die Verfassung, um seine Ziele zu erreichen, auch wenn er dadurch Leben und Lebensgrundlagen bedrohte. Es braucht keinen Juristen um zu bestätigen, dass er innerhalb weniger Jahre das Amt des Präsidenten derart veränderte, dass es eher an eine Monarchie erinnerte.

Eine neue Ära in Tansanias Politik

Am Ende schuf er das Tansania, das er wollte. Er und seine Anhänger in Partei und Regierung sprachen irgendwann sogar von "Magufulis Tansania" - und genau das meinten sie auch. Statt Kompromisse und Konsens zu suchen, machte Magufuli durch seinen dominanten Führungsstil von sich reden, inklusive scharfer Befehle an alle, die aus seiner Sicht nicht ausreichend kooperierten.

Um fair zu bleiben: Sein System funktionierte - zumindest in gewissem Rahmen. Es gab einige Situationen, in denen der verstorbene Präsident zeigte, dass er große und kleine Herausforderungen in kürzester Zeit lösen konnte. Er schuf sich einen Ruf als ein Mann, der Worten Taten folgen ließ - auch wenn er zu diesen Taten nicht immer berechtigt war.

Eine Regierung vom Volk  - für das Volk?

Magufuli wusste, wie er das Volk für seinen Stil begeistern konnte. Er ließ sich publikumswirksam ablichten, als er einer Frau Geld gab, deren Bäckerei Pleite gegangen war. Er entließ die Direktoren öffentlicher Einrichtungen, nachdem sich kleine Angestellte über sie beschwert hatten. Jede seiner Taten wirkte wie die Fortsetzung seiner Wahlkämpfe und half, das Bild eines zupackenden Anführers zu kreieren, der sich deutlich von seinen afrikanischen Amtskollegen unterschied.

Tansania Amtseid des Präsidenten John Pombe Magufuli

John Magufuli bei der Zeremonie zur Amtseinführung nach seiner Wiederwahl Anfang November 2020

In wenigen Jahren wurde er so etwas wie der oberste Problemlöser seines Landes, der von Menschen aller Herkunft und Couleur um Hilfe gebeten wurde. Er schätzte diese Popularität - und verwandelte sie in Populismus.

Magufuli schien nicht nur seinen Mitarbeitern und Untergebenen zu misstrauen. Es gelang ihm auch, das Volk davon zu überzeugen, seinem autoritären Stil zu folgen. Öffentliche Beleidigungen, Demütigungen und Drohungen wurden zu alltäglichen Methoden im Umgang mit all jenen, die Magufuli für Feinde hielt - und viele Bürger glaubten und folgten ihm.

Große Projekte, drakonische Herrschaft

Trotz seines fragwürdigen Führungsstils wird Magufuli auch immer mit dem Bau großer Infrastrukturprojekte in Verbindung gebracht werden - neuen Eisenbahnstrecken und einem Staudamm im Selous-Reservat. Auch gelang es ihm, einige Projekte fertigzustellen, die seine Vorgänger begonnen hatten.

Aber auch seine andere Seite wird in Erinnerung bleiben: Gesetze, Regelungen und eben die Verfassung legte er sehr weit aus, um seine eigenen Ziele durchzusetzen, die er als öffentliches Interesse verkaufte.

Einige Menschen durchschauten den Betrug und stellten sich gegen ihn. Viele Tansanier aber unterstützten bis zuletzt einen Präsidenten, der Oppositions-Kundgebungen außerhalb von Wahlkämpfen verbot, schwangeren Mädchen nach der Geburt nicht mehr erlaubte, zur Schule zu gehen und alle internationalen Regeln zur Bekämpfung des Coronavirus mit Freude ignorierte.

Die Risse in der Seele Tansanias heilen

Magufuli wird auch als Präsident in die Geschichte eingehen, der Medienhäuser schloss, Journalisten bedrohte und Aktivisten und Politiker einsperrte, indem er sie wegen angeblichen Wirtschaftsdelikten anklagen ließ - nach tansanischem Recht konnten sie dann nicht auf Kaution freikommen.

Die beiden letzten Abstimmungen seiner Regierungszeit - die Regionalwahlen 2019 und die Präsidentschaftswahlen 2020 - wurden nicht als frei und fair eingestuft. In weniger als sechs Jahren verwandelte er Tansania in einen Einparteienstaat, in dem seine CCM-Partei alles kontrollierte.

Ebenso bewundert wie gehasst hinterlässt Magufuli ein Land, dass ohne seinen polarisierenden Präsidenten seine Identität wiederfinden muss. Angesichts dieses Erbes ist das dringend notwendig.

Adaption aus dem Englischen: Daniel Pelz

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