Mein Stück Heimat: Farsad schöpft Kraft aus der Bibel | Kultur | DW | 13.10.2015
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Kultur

Mein Stück Heimat: Farsad schöpft Kraft aus der Bibel

Das Buch, das Farsad im Moment am meisten Kraft spendet, bereitet ihm gleichzeitig auch immer wieder neue Probleme: seine Bibel. Ein wertiger, dunkelgrüner Ledereinband, zwischen den Seiten sein Geburtszertifikat.

Tausende Flüchtlinge kommen derzeit in Deutschland an. Menschen, die Freunde und Familie, Arbeit und Wohnung, die ihre Heimat vielleicht für immer verlassen mussten. In unserer neuen DW-Reihe "Mein Stück Heimat" stellen wir Flüchtlinge und deren Geschichten aus ihrer Sicht vor: subjektiv und ohne zu werten. Und wir zeigen, welches Kulturgut ihnen so sehr am Herzen lag, dass sie es trotz lebensgefährlicher Flucht mitgenommen haben: ihr "Stück Heimat".

Farsads Eltern sind Afghanen, ihr Land hat er jedoch nie gesehen. Seit seiner Geburt ist er Flüchtling. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er zusammen mit zwei Millionen weiteren afghanischen Flüchtlingen im Iran, wo er im besten Fall geduldet, im schlechtesten verachtet wurde. "Alle Afghanen leben dort ohne Papiere, die Hälfte darf nicht in die Schule, darf nicht lernen. Sie haben ständig Probleme mit Geld und mit allem", sagt er.

Asylantrag abgelehnt

2010 brach Farsad mit 19 Jahren kurz nach seinem Schulabschluss auf nach Europa - allein. "Zuerst ging es in die Türkei und dann nach Italien mit dem Boot. Fünf Tage später war ich mit dem Auto in den Niederlanden angekommen." Dort hat er Asyl beantragt, 2011 wurde der Fall geschlossen, er sollte zurück nach Afghanistan geschickt werden. Als er sich weigerte, wurde er für sechs Monate in Haft genommen.

Farsad bekam während dieser Zeit Depressionen, aber sein christlicher Glaube gab ihm Kraft. Die Bibel würde ihm im Iran große Schwierigkeiten bringen, wegen ihr möchte er auch auf Fotos nicht erkannt werden. Mit seiner muslimischen Familie kommt es deshalb auch öfter zu Spannungen. Sie telefonieren zwar regelmäßig, aber er weiß, dass ihnen seine Entscheidung zusetzt.

Seit Januar 2015 ist er nun in Deutschland. Ende Oktober hat er wieder eine Anhörung in den Niederlanden. Er befürchtet, dass ihm die endgültige Abschiebung droht. Er spricht viel von "Dublin", wegen "Dublin" muss er nämlich immer wieder zurück nach Holland. Die Dublin-Verordnung besagt, dass Flüchtlinge in dem EU-Mitgliedsstaat einen Asylantrag stellen müssen, den sie als erstes betreten haben.

In Brandenburg lebt Farsad in einem Heim für Asylbewerber. In seinem Heim sei es machmal "etwas schwierig als Christ unter Muslimen", sagt er, aber er hat sich daran gewöhnt. In einer Kirche in seiner Nähe hat er Freunde gefunden, mit denen er manchmal sogar das Leben genießen kann.

Während seine Altersgenossen in Deutschland gerade Partyurlaub in Barcelona machen oder im Hörsaal pauken, kann Farsad nur warten - immer im Hinterkopf, dass die vermeintliche Ruhe im Moment nicht von Dauer sein wird. "Ja, Afghanistan ist mein Land, aber ich bin dort nicht geboren, ich war noch nie da. Dort ist auch Krieg, die Taliban … es ist schwierig. Ich kann nicht zurück in den Iran, ich kann da nichts machen, keine Schule besuchen. Ich habe gedacht, ich könnte in Europa arbeiten, aber jetzt … Es hilft alles nichts."

Was bedeutet zuhause für ihn? "Ich weiß nicht," sagt Farsad. Lange wusste er nicht, was dieses Wort bedeutet. Jetzt kennt er es, aber die Antwort ist immer noch ungewiss. Als er seine Wünsche aufzählt, nämlich in Deutschland zu bleiben, zu studieren, wie ein ganz gewöhnlicher, sorgloser 24-Jähriger, lacht er kurz. Als hätte er sich gerade gewünscht, US-Präsident zu werden oder ein Heilmittel gegen Krebs zu finden. Nein, sorglos war er noch nie. Auch daran hat er sich gewöhnt. Er klemmt die Bibel unter den linken Arm und winkt beim Rausgehen.

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