Mein Stück Heimat: Amines Familienfotos aus Tunesien | Kultur | DW | 08.10.2015
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Kultur

Mein Stück Heimat: Amines Familienfotos aus Tunesien

Der 21-jährige Amine ist nicht das erste Mal in Europa. Er hat in Frankreich studiert und hofft nun, endlich in Deutschland arbeiten zu können. Als IT-Experte. Aus der Heimat geblieben sind ihm nur ein paar Fotos.

Tausende Flüchtlinge kommen derzeit in Deutschland an. Menschen, die Freunde und Familie, Arbeit und Wohnung, die ihre Heimat vielleicht für immer verlassen mussten. In unserer neuen DW-Reihe "Mein Stück Heimat" stellen wir Flüchtlinge und deren Geschichten aus ihrer Sicht vor: subjektiv und ohne zu werten. Und wir zeigen, welches Kulturgut ihnen so sehr am Herzen lag, dass sie es trotz lebensgefährlicher Flucht mitgenommen haben: ihr "Stück Heimat".

Amines Besitz passt in einen kleinen Rucksack. Ein paar T-Shirts, zwei Jeans, Seife und ein Handy, das fast stündlich ausgeht und sich nur mit viel Geduld aufladen lässt. Die Daten, die er dort gespeichert hat, erinnern den 21-jährigen Tunesier jeden Tag daran, was er zuhause zurückgelassen hat. Das Handy ist - * sein Stück Heimat.

Auf bunten Fotos ist seine Familie zu sehen, lachende Kinder, sein Haus und die Straße, auf der er als Kind spielte. "Manchmal frage ich meine Mutter, was sie eingekauft hat oder bitte meinen Vater, mir per Skype das Haus zu zeigen." Auf seinem Lieblingsbild - * seinem Stück Heimat - sind die beiden Kinder seines Bruders auf einem Liegestuhl zu sehen. Amines Nichte streckt den Bauch in die Kamera und grinst vergnügt, ihr großer Bruder lehnt an ihrer Schulter. Die Familie lebt noch in Tunis. Amine ist alleine nach Deutschland gekommen, geflohen vor Terrorgefahr, Armut und Perspektivlosigkeit in seiner Heimat, sagt er. Er spricht die Wörter fast emotionslos aus, nur beim Anblick der Fotos hellt sich seine Miene auf.

Auch wenn Tunesien im Vergleich zu anderen Ländern des arabischen Frühlings als relativ stabil gilt, werben dort Terrornetzwerke - besonders in ärmeren Regionen - erfolgreich um Mitglieder. Schätzungen zufolge kommen mehr als 5000 Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und Irak aus Tunesien, mehr als aus jedem anderen arabischen Land. Zuletzt kam es im Juni 2015 zu Anschlägen in Sousse, zu denen sich die der IS bekannte.

Amines Bruder ist Polizist in Tunis, um ihn macht er sich große Sorgen: "Eine seiner Aufgaben ist es, Terrorismus zu bekämpfen. Wenn es zu Anschlägen kommt, frage ich meine Mutter immer panisch, ob es ihm auch gut geht. Bisher hat sie immer ja gesagt."

Seit fünf Monaten wartet er nun am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) darauf, dass seine Nummer gezogen wird und sein Asylverfahren endlich losgeht. Bis dahin ist er streng genommen, illegal in Deutschland. Deshalb möchte er auf den Fotos der DW nicht erkannt werden. Er spricht oft von einem "besseren Leben in Deutschland", von einem Neuanfang, dem längst überfälligen Licht am Ende des Tunnels. "Ich muss alleine durchs Leben gehen und denke manchmal, dass ich es ohne meine Familie einfach nicht schaffe," sagt er. Gegen Einsamkeit hilft auch die beste Skype-Verbindung der Welt nicht. Er spricht leise und stockend.

Amine war sich sicher, dass es viel schneller gehen würde in Berlin eine Arbeit zu finden, immerhin hat er in Frankreich IT studiert. "Seit ich hier bin, habe ich meinen Lebenslauf an vier Unternehmen geschickt. Sie haben mich jedes Mal angerufen. Aber als ich erzählte, dass ich Flüchtling bin und am LaGeSo warte, sagten sie jedes Mal: 'Warte, bis sich deine Situation verbessert, dann melden wir uns.'"

Am LaGeSo wird Amine auch daran erinnert, dass sein Haus - im Gegensatz zu vielen anderen - noch steht und dass er kein Familienmitglied bei einem Bombenanschlag verloren hat: "Wenn ich kleine Kinder mit ihren Müttern sehe, die auf den Straßen schlafen oder Menschen, die seit zwei Tagen nichts mehr gegessen haben, macht mich das sehr traurig. Ich möchte mich nicht beschweren."

Was ist die Alternative zum Warten? Zurückkehren möchte Amine nur, falls es in einem Jahr immer noch keinen Fortschritt gibt. Und dann wäre da noch seine größte Angst, die er am Ende des Gesprächs wie beiläufig in einem Nebensatz erwähnt: "Wenn ich mir die Nachrichten aus Syrien ansehe, habe ich große Angst, dass es in Tunesien eines Tages auch so aussieht." Er dreht Kreise auf seinem Handydisplay.

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