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Politik

Die Jauchegrube Europas

Ivaylo Ditchev
21. Februar 2020

Bulgarien und Rumänien haben ein Müllproblem: Abfall türmt sich zu Bergen, recycelt wird wenig, oft sind kriminelle Machenschaften im Spiel. Dagegen unternommen wird wenig, sagt Ivaylo Ditchev.

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Ivaylo Ditchev
Bild: BGNES

"Müll" dürfte in Rumänien und Bulgarien das Wort des Jahres werden. Im Januar drohte die Europäische Kommission Bukarest ein Vertragsverletzungsverfahren an, weil das Land seit 2014 beim Umgang mit Siedlungsabfällen nicht vorankommt. Für die Regierung in Sofia führte die Entdeckung der Müllberge zu einem innenpolitischen Beben, das die Verhaftung des Umweltministers Dimov und massive polizeiliche Ermittlungen in zahlreichen Städten auslöste. Sowohl in Rumänien als auch in Bulgarien wurden die Ermittlungen von der italienischen Polizei angestoßen. Diese war illegalen Müllexporten von mafianahen Geschäftemachern nachgegangen und hatte beide Länder informiert.

Aus heiterem Himmel wurden die Bürger auf ein gewaltiges Problem gestoßen, das ihnen eigentlich nicht ganz unbekannt sein sollte. Weniger als zehn Prozent der Abfälle werden hier recycelt. Ein Großteil wird in Zementwerken ohne Filteranlagen verbrannt, was die Bevölkerung ernsten gesundheitlichen Risiken aussetzt. So landen allein in Rumänien jährlich 100.000 Tonnen PVC-Abfälle in den Öfen. Ein Großteil der Abfälle liegt zudem jahrelang herum.

Mülldeponien in Bulgarien
Müllberg in BulgarienBild: BGNES

Der neue bulgarische Umweltminister mit dem Spitznamen "Der Inspektor" entdeckt immer wieder unzählige aus dem Ausland importierte Müllberge, die nie weiterverarbeitet wurden, da das damit beauftragte und bezahlte Unternehmen in der Zwischenzeit einfach von der Bildfläche verschwunden ist. In den letzten zehn Jahren haben diese Importe um das 20-fache zugenommen! Ausländische Journalisten berichten von Müllhaufen, die einfach unter Brücken oder entlang von Autobahnen abgeladen und dann in Brand gesteckt werden, um Platz für noch mehr Müll zu schaffen.

Kriminelle Machenschaften

Der Skandal hat viele Facetten. Wie in Italien ist diese Art von Geschäft zum Monopol von zwielichtigen Betreibern geworden. Damit verbunden sind Korruption, hochrangige politische Paten und eine massive Propaganda, die Umweltschützer als "Grüne Taliban" darstellt, die von westlichen Konkurrenten mit dem Ziel bestochen werden, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu behindern. Die Profite sind hoch, vor allem wenn man für das ordnungsgemäße Recycling bezahlt wird, aber dann den Abfall einfach verbrennt oder auf offenen Mülldeponien abkippt.

Die Umweltverschmutzung ist nicht nur für osteuropäische Länder zum Problem geworden, von denen einige ohnehin mit den schlechtesten Werten auf dem gesamten Kontinent zu kämpfen haben. Als China vor zwei Jahren den Müll-Import aus aller Welt untersagte, musste die EU über neue Wege zur Entsorgung ihres eigenen Abfalls nachdenken.

Verletzung des nationalen Stolzes

Doch es gibt auch eine symbolische Dimension der Krise. Die Bürger Osteuropas reagieren besonders empfindlich auf den Eindruck, Europäer zweiter Klasse zu sein. In lebhafter Erinnerung ist hier noch die Empörung über den angeblichen Unterschied bei den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln, die in Ost und West unter denselben Marken verkauft werden. Trotz der faktisch marginalen Abweichungen wog die Kränkung schwer.

Müllverbrennungsanlage Erfurt-Ost in Betrieb
Oft wird Müll einfach verbrannt - ohne FilterBild: picture-alliance/dpa/M. Schutt

Das Thema Müll scheint eine noch tiefere narzisstische Verletzung hervorzurufen. Die erwähnten Kellerkinder Europas (aber auch Polen, die Ukraine und Russland) sehen sich als Jauchegrube, in die nicht nur das übrige Europa seine Abfälle kippt, sondern auch einige Entwicklungsländer. So wurde bekannt, dass sogar afrikanische Länder ihren Müll auf die Reise geschickt haben. Elend, Schmutz und Trostlosigkeit. Bilder von Müllbergen wie aus der Dritten Welt mit armen Roma, die nach verwertbaren Waren wühlen, schüren Abscheu und Ekel, aber auch Wut über die anhaltenden kriminellen Geschäfte. Der Import von Industrieabfällen führt den Bürgern die Deindustrialisierung ihrer eigenen Länder eindrücklich vor Augen: Produktion und Konsum sind in den Westen gezogen; zurück in den Osten kommt nur der Müll.

"Altersheim Europas"

Eine ähnliche geopolitische Auseinandersetzung fand Ende der 90er Jahre statt. Damals überlegte man, wie sich in Bulgarien und Rumänien ein profitables Nischengeschäft aufbauen ließe, indem man Senioren mit guten Altersbezügen aus dem Westen auf der Suche nach bezahlbarer Pflege und gutem Wetter anlockt. Diese Diskussion fand parallel zu einem massiven Exodus der Jugend in die Länder statt, aus denen die Rentner kommen sollten. Die Aussichten darauf, das Altersheim Europas zu werden, verletzte das osteuropäische Selbstwertgefühl ähnlich wie die Metapher von der Jauchegrube. Die Altersheime für wohlhabende westliche Rentner sind nie entstanden. Stattdessen gingen die Pflegekräfte in den Westen.

Die Verschärfung der ökologischen Standards in Nordwesteuropa verstärkt die gefühlte Ungerechtigkeit noch weiter. Während die reichen Länder Moral predigen und auf uns herabblicken, weil wir im Dreck versinken, schicken sie uns weiter ihren Müll! In Bulgarien wird darüber diskutiert, für den von lokalen Unternehmen aufbereiteten Müll ein Verhältnis von 50:50 vorzuschreiben.  Wenn man schon wegen der Luftverschmutzung an Krebs stirbt, wäre es dann nicht ein Trost, dass der größte Teil des verbrannten Mülls aus dem eigenen Land stammt?

Armut in Bulgarien
Bulgarien erstickt im MüllBild: picture-alliance/Ton Koene

Der Aufschrei der Gesellschaft bleibt aus

Ein weiterer symbolischer Schritt des "Inspektors" war die Schließung mehrerer Grenzübergänge für den Müll-Import. Diese Maßnahme gegen die Globalisierung des Mülls verdeutlicht das Problem: Das Kapital sammelt sich an den reichen Orten, der Müll an den armen. Kritiker halten dagegen, dass eine Behinderung der Müll-Transporte gegen die EU-Vorschriften verstoße und dass die Abfallaufbereitung zwar ein profitables, aber für den Schutz der Umwelt wichtiges Geschäft sei. Und so schleppt sich die Debatte Woche für Woche hin.

Was könnte Rumänien und Bulgarien davon abhalten, die Gesundheit der eigenen Bevölkerung und die Schönheit der Natur gegen schnellen Profit zu verscherbeln? EU-Vorschriften und Bußgelder werden nicht ausreichen. Diese Abfallberge türmen sich seit Jahren vor den Augen des Bürgers. Doch statt diese zu melden und dagegen zu protestieren, wirft er die eigenen abgefahrenen Reifen noch obendrauf und fährt weiter.

Ivaylo Ditchev ist Professor für Kulturanthropologie an der Universität Sofia in Bulgarien. Er hat unter anderem in Deutschland, Frankreich und den USA gelehrt.