Mein Europa: Die Corrida, Katalonien und die Unabhängigkeit | Europa | DW | 27.10.2017
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Gastkolumne

Mein Europa: Die Corrida, Katalonien und die Unabhängigkeit

Der Konflikt in Spanien zeigt: Kultur und Identität sind regionale Fragen. Warum sie also nicht auf dieser Ebene belassen? Das angeblich Nationale ist hingegen oft nur eine Illusion, meint Stanislaw Strasburger.

Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag, der erste Oktobertag. Während in Katalonien das turbulente Unabhängigkeitsreferendum stattfindet, sitze ich in der städtischen Stierkampfarena von Granada. Es ist eine ganz besondere Feier, ein Schulabschluss: eine Handvoll bunt gekleideter Schüler ist mit der Ausbildung fertig. Sie wollen nun endlich zeigen, was sie gelernt haben - das Töten von verletzten und verwirrten Stieren.

Goya, Hemingway, Picasso - sie alle waren von der Corrida fasziniert. Der Stierkampf sei Metapher der Kunst, gar des Lebens selbst. Doch die zeitgenössischen Bewohner von Katalonien sehen das anders. Im Jahre 2010 verbot das Parlament der spanischen Autonomen Gemeinschaft Katalonien den Stierkampf.

Sechs Jahre später erklärte das spanische Verfassungsgericht dieses Verbot für rechtswidrig. Dabei schlossen sich die Richter in ihrer Auslegung der Zentralregierung in Madrid an, die den Stierkampf als nationales Kulturerbe bezeichnet (patrimonio cultural). Das war ein überraschendes Urteil: Laut Statistiken des Nachrichtenportals Eldiario ist nur jeder zehnte Bürger Spaniens jemals bei einem Stierkampf gewesen.

Eine Bevormundung durch die Zentralregierung

Als ich die Arena verließ, spürte ich eine Mischung aus Wut und Ratlosigkeit. Und ich habe mich gefragt: Was bleibt den Bewohnern von Katalonien anderes übrig, als das Patrimonio samt der spanischen Nationalität abzulegen und sie gegen eine katalanische einzutauschen?

Spanien Stierkampf - Torero - Andres Roca Rey (Getty Images/AFP/E. Benavides)

Stierkampf in Spanien: nationales Kulturerbe oder Akt der Barbarei?

Das Ringen um die Corrida ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie Initiativen, die Menschen aus einer bestimmten Region wichtig sind, von der nationalen Politik in eine frustrierende Bevormundung verwandelt werden können. Katalonien war in den vergangenen Jahren mit einer Reihe solch kollektiver Erlebnisse konfrontiert. So etwa wurden die Katalanen gezwungen, ihre berechtigten Anliegen in einer nationalen Sprache auszudrücken, denn die Sprache der autonomen Selbstbestimmung wurde ihnen entzogen.

Die TV-Ansprache von Mariano Rajoy am Tag des Referendums in Katalonien fügte sich eindeutig diesem Muster. "Ich spreche hier zu Ihnen als Ministerpräsident der Regierung Spaniens", sagte er. "Spanien ist eine große Nation, eine der ältesten in Europa und eine der bestentwickelten in der Welt (…), es ist unsere Nation". Und als wäre das nicht genug, spuckt der Ministerpräsident den vielen Menschen sprichwörtlich ins Gesicht, die an diesem Tag vor den Stimmlokalen Schlange gestanden haben: Ein Referendum habe es gar nicht erst gegeben.

Verletzende Klischees überall

Doch auch die Gegenseite ist nicht unschuldig. Ein paar Tage später spreche ich mit einem Lehrer aus Granada. "Ich war nie ein Nationalist", versicherte er mir glaubhaft, "doch ich lasse es mir nicht gefallen, dass ich als Andalusier zum Faulpelz abgestempelt werde, der sich angeblich den ganzen Tag sonnt und das katalanische Geld versäuft."

Es ist immer wieder das gleiche Bild, das von Nationalisten quer über den ganzen Kontinent angeführt wird: "Wir" sind eine starke, tüchtige Nation. "Wir" wollen uns abgrenzen von den Ärmeren, den Geflüchteten, kurzum von allen "anderen", also all denjenigen, die sich den von "uns" erarbeiteten Reichtum erschleichen wollen.

Andalusien gilt für die katalanischen Unabhängigkeitskämpfer, die Independentistas, als Sündenbock. Bekanntlich fließen Transferzahlungen der wirtschaftlich starken Region in den "strukturschwachen", landwirtschaftlichen Süden Spaniens. "Wir haben uns die Struktur, unserer Landwirtschaft nicht ausgesucht", führt mein Gesprächspartner, der Lehrer, fort. Er erzählt mir von der langen Tradition des Kampfes der andalusischen Bauern mit den Großgrundbesitzern oder mit der Korruption. "Wir brauchen kein Geld aus Katalonien. Auch nicht aus der EU. Wir brauchen eine Agrarreform!" 

Eine fiktive Unabhängigkeit

Wie trügerisch das Bild der unabhängigen, wirtschaftlichen Stärke sein kann, zeigt die Abwanderung der Unternehmen aus Katalonien seit dem 1. Oktober. Es wurden schon über 1300 Firmen verzeichnet, die ihren Sitz verlegt haben. Darunter sind auch große Banken, Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Tendenz steigend.

Spanien Proteste nach der Festanahme von Josep Maria Jove in Barcelona (Reuters/A. Gea)

Der Ruf nach der Unabhängigkeit Kataloniens: eine Verzerrung der Realität?

"Der Begriff der Unabhängigkeit hat viel Leid über die Welt gebracht. Niemand ist unabhängig. Weder ein Mensch noch eine Volk. Wir alle sind solidarische Wesen", schrieb der spanischsprachige Schriftsteller Max Aub. Es ist banal, aber vielleicht lohnt es sich zu wiederholen: Jeder von uns lebt in Abhängigkeiten, als einzelner Mensch, als Teil einer Gruppe, in jedem politischen Gefüge - ganz egal, wie die Grenzen verlaufen.

Und so ist auch jede politische Unabhängigkeit relativ. Das wissen Politiker allzu gut. Wenn sie etwas anderes behaupten, sind sie schlichtweg Zyniker. Die Sprache von Mariano Rajoy, der an ein unabhängiges Kollektiv der spanischen Nation appelliert, verzerrt die Wirklichkeit genauso wie die katalanischen Independentistas.

Für ein supranationales Europa

Was hindert eigentlich Politiker beider Seiten eigentlich daran, Verhandlungen über die Bedingungen der besagten Solidarität aufzunehmen? Katalonien siedelt doch nicht auf den Mars über, sondern bleibt dort, wo es heute ist: zwischen Spanien und Frankreich.

Ich bin ein überzeugter Europäer. Katalonien und die Corrida sprechen für mich dafür, dass Fragen der Kultur und Identität regional verhandelt werden müssen. Nationale Unabhängigkeit ist dagegen eine Lüge. Ein supranationales Europa, etwa als Europäische Republik, würde diesen Tatsachen endlich gerecht werden und den Bürgern unseres Kontinentes angemessene Formen der Selbstbestimmung anbieten können. Paradoxerweise gibt es für dieses supranationale Gefüge mehr Gespür, als man denken mag:

Vergangenes Wochenende sprach ich mit einem älteren Wirt aus der Vorstadt von Granada. Ich fragte ihn, was er zu Katalonien denkt. "Sie zappeln noch eine Weile, aber alles bleibt beim Alten", sagte er und als er erfuhr, dass ich in Berlin lebe, fügte er hinzu: "Am Ende entscheidet sowieso alles eure Angela Merkel. Der Unterschied zwischen dir und mir ist nur: Du darfst Merkel wählen und ich nicht."

Stanisław Strasburger wurde in Warschau geboren. Er ist Schriftsteller und Kulturmanager. In Buchform sind von ihm "Besessenheit.Libanon" und "Der Geschichtenhändler" erschienen. Er lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und diversen mediterranen Städten.