Mein Europa: ...befürwortet die Ehe für alle | Europa | DW | 30.06.2017
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Gastkolumne

Mein Europa: ...befürwortet die Ehe für alle

In Europa gibt es drei Arten des Umgangs mit Homosexuellen: Man kann ihnen die gleichen Rechte geben, sie diskriminieren oder ignorieren. Doch nur ein Modell ist eines liberalen Europas würdig, meint Krsto Lazarevic.

Erinnern sie sich noch an die Vereidigung George W. Bushs zum US-Präsidenten, die Auslieferung Slobodan Milosevics an den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und daran, wie sich Ebbe Sand und Sergej Barbarez den Titel des Torschützenkönigs in der deutschen Fußball-Bundesliga teilten?

Das alles ist lange her. Es war 2001, um genau zu sein. Es war auch das Jahr, indem die Niederlande entschieden, die Diskriminierung Homosexueller zu beenden und die Ehe für alle einzuführen. 2003 folgte dann Belgien und 2005 das katholische Spanien. Die katholische Kirche warnt zwar vor der Ehe für Homosexuelle. Aber die warnten uns schließlich auch schon vor Hexen und ließen sie verbrennen. Wenn man es freundlich ausdrücken will, könnte man sagen, dass die katholische Kirche nicht immer auf der Höhe des gesellschaftlichen Fortschritts steht. 2015 pfiffen dann auch die Iren auf die Empfehlungen des Papstes und führten die Ehe für alle mit einem Referendum ein.

Ein überfällige Entscheidung

Am Freitag hat nun auch Deutschland gleichgezogen. Der Bundestag votierte für die Einführung - gegen den Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gegen die Gleichstellung stimmte.

Deutschland homosexuelles Paar aus Bosnien und Herzegowina (DW/A. Sofic Salihbegovic)

Auf dem Balkan nicht vorstellbar: offen gelebte Homosexualität

Bei der Abstimmung im Bundestag ging es um mehr als die Frage, ob der Lebensbund zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts, "Ehe" genannt werden darf: Es ging um die grundsätzliche Frage, ob man gleiche Rechte und Chancen für alle möchte, oder ob man absurde Gründe und "Bauchschmerzen" erfindet, um eigene Privilegien zu verteidigen und andere zu diskriminieren. Die vorgeschobenen Gründe gegen die Ehe für alle sind einer liberalen Gesellschaft unwürdig.

Drei Modelle

Es gibt in Europa - grob gesagt - drei Modelle, um mit gleichgeschlechtlichen Paaren umzugehen. Deutschland hat sich nun der progressiven Gruppe von Staaten angeschlossen. Man könnte es das "westeuropäische und skandinavische Modell" nennen, das auch in Frankreich, Portugal, Finnland und Luxemburg praktiziert wird. Kurz und knapp: Schwule und Lesben dürfen heiraten und genießen dabei die gleichen Rechte wie heterosexuelle Ehepaare. Punkt.

Dann gibt es aber noch das "Wir haben ja nichts gegen Homosexuelle, aber...-Modell", an dem auch Deutschland bis Freitag festhielt. In den Ländern, die dieses Modell praktizieren, dürfen Homosexuelle eine "eingetragene Lebenspartnerschaft" oder welche anderen bescheuerten Namen man sich dafür ausgedacht hat, eingehen. Sie sind heterosexuellen Eheleuten aber nicht wirklich gleichgestellt. Diese diskriminierende Politik besteht in Österreich, Tschechien, der Schweiz, Italien, Griechenland und Estland. In Slowenien gab es zunächst die Ehe für Alle, eingeführt durch das Parlament - wurde dann aber durch einen Volksentscheid wieder abgeschafft und durch ein neues Verpartnerungsgesetz ersetzt. Die Werbetrommel gegen die Ehe für alle wurde in Slowenien - wen wundert es - vor allem von der katholischen Kirche gerührt.

Die konservative ÖVP in Österreich steht nach der Öffnung der Ehe für alle in Deutschland unter Zugzwang. Doch der Parteivorsitzende Sebastian Kurz will seine Position zum Thema aus wahltaktischen Gründen nicht verraten. Die Konservativen in Österreich haben nämlich auch Wähler, die Schwule und Lesben bis heute abartig und ekelhaft finden. Sie haben aber auch Wähler, die Schwulen- und Lesbenhasser für hinterwäldlerische Schluchtenscheißer halten. Um keine der Wählergruppen zu verschrecken, schweigt man das Thema lieber tot.

Entschlossene Ablehnung

Doch selbst die feige Haltung der ÖVP ist immer noch besser als das dritte Modell. Ich nenne es das osteuropäische "Bei uns nicht-Modell", indem die Existenz von Homosexuellen mit Heiratswunsch schlichtweg ignoriert wird. In Ländern wie Rumänien, Albanien, dem Kosovo und Bosnien-Herzegowina wird die Ehe grundsätzlich für alle nicht anerkannt. In den meisten dieser Länder ist das Thema noch nicht einmal auf dem Tisch, weil Homosexualität weitestgehend tabuisiert wird. Dabei hätten Albanien, das Kosovo und Bosnien-Herzegowina einiges zu gewinnen. Sie könnten in die Geschichte eingehen, als die ersten Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, welche die Ehe für alle öffnen. Die albanische Regierung hatte 2009 sogar angekündigt, einen entsprechenden Gesetzentwurf einzubringen. Aber passiert ist seitdem nichts.

Homosexuelles Paar mit Kind (picture alliance/dpa/N.Sangnak)

In weiten Teilen Europas noch unvorstellbar: Ein homosexuelles Paar mit Kind

In den Ländern mit dem "Bei uns nicht-Modell" gibt es noch die Untergruppe der "Never-Ever Staaten", die in ihrer Verfassung festgelegt haben, dass die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau definiert ist. Dazu gehören Litauen, Lettland, Polen, Belarus, Ukraine, Moldawien, die Slowakei, Bulgarien, Serbien und Montenegro. Die Regierungen dieser Länder sind so sehr gegen die Ehe für alle, dass sie sogar verhindern wollen, dass zukünftige Generationen sie einführen können. In Kroatien wurde die Ehe 2013 nach einem Referendum in der Verfassung als Verbindung zwischen Mann und Frau festgeschrieben. Auch hier hat die katholische Kirche für eine anhaltende Diskriminierung der Homosexuellen geworben. 

Serbien ist kein Vorbild

"Aber Serbien hat doch jetzt eine lesbische Ministerpräsidentin" wird manch einer nun einwerfen. Es stimmt, und es ist ein Fortschritt, wenn man bedenkt, dass Homohasser noch im Oktober 2010 die Belgrader Innenstadt auseinandergenommen und versucht haben, Schwule und Lesben zu lynchen. Aber die Situation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transpersonen in Serbien wird sich dadurch nicht automatisch bessern. Ministerpräsidentin Ana Brnabic ist bislang nicht dadurch aufgefallen, dass sie sich für eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen stark macht. In Serbien werden Schwule und Lesben regelmäßig im öffentlichen Raum verprügelt. Solange sich daran nichts ändert, ist auch eine lesbische Premierministerin nicht viel wert. 

Die europäischen Länder, welche sich für Gleichberechtigung entschieden haben, täten gut daran, auch die Länder Mittel- und Osteuropas in dieser Frage etwas zu motivieren. Denn bei allem berechtigten Jubel in Deutschland sollte man nicht vergessen, dass es noch Länder gibt, in denen sich Schwule und Lesben verstecken müssen - und zwar mitten in Europa!

Krsto Lazarevic (27) ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.