Mein Deutschland: Es lebe die Nachbarschaft! | Deutschland | DW | 20.08.2015
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Deutschland

Mein Deutschland: Es lebe die Nachbarschaft!

Nachbarn sind wichtiger als entfernte Verwandte, sagt man in China. Unsere Kolumnistin Zhang Danhong liebt ihre Nachbarschaft, die sich gar einen eigenen Festtag geschaffen hat - den ersten Samstag nach den Sommerferien.

Am vergangenen Samstag war es wieder soweit - das inzwischen siebte Hausfest. Ergiebiger Regen ist angesagt. Friederike, Hebamme von Beruf, denkt wie immer einen Schritt voraus und zaubert eine Plastikplane hervor. Starke Männer im Haus haben ruckzuck einen ansehnlichen Pavillon aufgebaut. Für das kulinarische Wohl sorgen alle gemeinsam, ohne vorher Doodle-Listen erstellen zu müssen. Man kennt sich halt. Auf die Leckereien der Nachbarn freut man sich ebenso wie auf ihre Ferienerlebnisse.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Zwei Familien im Haus zeigten Solidarität mit Griechenland. Andere bevorzugten Italien und Frankreich. Das außergewöhnlichste Ziel war ohne Zweifel Ecuador. Andrea wollte ihre zahnmedizinische Erfahrung in den Dienst der armen Menschen dort stellen. Vorher bereiste sie mit ihrer Familie das südamerikanische Land. Ihr Mann Jürgen ist immer noch beseelt von dem Erlebten.

Um uns herum spielen Kinder im Sandkasten, flitzen mit Rollern vorbei, stärken sich ab und zu mit Essen und Trinken; ältere Kinder plaudern mal mit den Erwachsenen, nehmen sich aber auch Zeit für die Kleinen. Dörfliche Idylle mitten in der Stadt!

Kinder als Vorbilder

Vor knapp sieben Jahren sind wir gleichzeitig in die neue Wohnanlage mit Häuserreihen und Innenhöfen im mediterranen Stil eingezogen. "Der gemeinsame Neuanfang hat uns auch zusammengebracht", sagt Inka. Dabei spielten Kinder Pionier. "Sie laufen von einer Wohnung in die andere. Die Türen sind immer offen", so Nils. Die Kleinen haben es vorgemacht, die Erwachsenen zogen nach.

Kolumne Hausfest

Kinder erinnern mit dieser Einladung an das Hausfest

Der Weg des Großwerdens ist leider auch immer wieder mit kleinen Unfällen gepflastert. Kein Problem. Dafür haben wir eine Ärztin im Haus - ein Muss für jede Hausgemeinschaft. Marion erstellt die Erstdiagnose und berät die Nachbarn bei laufenden Behandlungen. Ob es ihr manchmal zu viel war? "Ich werde von Euch ja relativ wenig behelligt", spielt sie ihre wichtige Rolle im Haus herunter. "Nur Willi habe ich mal die Fäden gezogen."

Großeltern für das ganze Haus

Willi ist mit 80 der älteste Mitbewohner. Er und seine österreichische Frau Christel sind die Großeltern des Hauses. Kinder dürfen immer bei ihnen klingeln, wenn sie den Hausschlüssel vergessen haben, wenn sie gerade keine Spielkameraden finden oder wenn sie nur mal naschen wollen. Denn Christel und Willi haben eine Schublade mit Süßigkeiten eingerichtet, die niemals leer wird. So etwas spricht sich schnell herum. Die Kinder im Haus bringen auch mal ihre Freunde mit. Großeltern haben eben den Vorteil, dass sie nur beliebt sind und die Kinder nicht erziehen müssen. "Wir haben ja schon gelebt und haben jetzt die Ruhe, um die Kinder besser zu verstehen", sagt Christel.

Kolumne Hausfest

Das Auge isst mit

Wie meine Kinder hier aufwachsen, erinnert mich stark an meine eigene Kindheit in China. Obwohl wir damals nicht viel mehr als das Nötigste zum Überleben hatten, fühlten wir uns nicht arm. Es herrschte eine warme, familiäre Atmosphäre im Haus. Ältere Kinder übernahmen teilweise die Verantwortung für die jüngeren. Eltern erfuhren nicht immer, bei welcher Familie die Kinder zum Essen waren, aber sie wussten sie stets in guten Händen.

Dorfmodell in die Stadt verlagert

Dieses Modell der offenen Türen ist leider hier wie dort vom Aussterben bedroht. In den chinesischen Hochhäusern herrscht heute eher Anonymität. Auch in den deutschen Dörfern verschwinden langsam Bilder der durch die Straßen ziehenden Kinderschar. "Jedes Kind hat im Garten des Einfamilienhauses seinen eigenen Sandkasten und sein eigenes Trampolin", weiß Simone, Mutter von drei Kindern. "Wir haben das frühere Dorfkonzept in die Stadt verlagert."

Kolumne Hausfest

Da war es noch trocken

Inzwischen prasseln die Regentropfen heftig auf die Plane. Die Stühle werden nass. So stellen wir uns alle in die Mitte unseres Pavillons und wärmen uns gegenseitig. Für mich der ideale Zeitpunkt, um das Mikrofon nochmal in die Runde zu reichen. Was macht unsere Hausgemeinschaft aus? Möchte ich von allen wissen. "Ausschlaggebend ist ganz viel Toleranz", meint Jürgen. Als Musikpädagoge genieße er es, dass Kinder im Haus musizieren. Ihre Fortschritte höre er quasi durch die Decke. Doch für andere bedeute das manchmal schlicht und ergreifend: aushalten müssen. Im Stillen denke ich, dass zur Toleranz ebenso gehört, eine verrückte Chinesin zu ertragen, die einem auf einer Party das Mikro unter die Nase hält.

International, bunt und laut

"Alle sind offen und zugewandt, es geht so unkompliziert zu", schwärmt Inka. Dabei ist Unkompliziertheit keine Spezialität, die Akademikern nachgesagt wird. Und bei uns im Haus trägt fast jeder Zweite einen akademischen Titel. Wahrscheinlich sind wir einfach ein ganz besonderes Haus. Hier ein paar weitere Daten: Jeder dritte Haushalt hat die Wochenzeitung "Die Zeit" abonniert; es sind beinah dreimal so viele Mädchen wie Jungs; knapp jede zweite Ehe ist binational (die deutsch-österreichische Ehe habe ich dazu gezählt); und keine Ehe wurde in den vergangenen sieben Jahren geschieden. Vielleicht hat ja die tolle Nachbarschaft dazu beigetragen, die eine oder andere Krise zu überwinden.

Wir sind ein buntes und lautes Haus. Wir leisten nicht nur im fernen Ecuador einen sozialen Dienst, sondern sind auch hierzulande ehrenamtlich tätig. Mit 1,8 Geburten pro Frau haben wir unseren Teil gegen die Alterung der deutschen Gesellschaft getan. Weltverbesserer oder gar Revoluzzer sind wir aber nicht. Deswegen zieht es uns kurz vor Mitternacht doch in die warme Bude. Marion lädt zu einem Absacker ein. Daraus wurde eine internationale Schnaps-Probe und anschließend eine Disko mit Kindern. Der siebenjährige Karl findet es cool, so lange aufbleiben zu dürfen und unter so vielen Mädchen zu sein. Seine Schwester Greta sagt einfach: "Es ist ein Festtag."

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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