Mein Deutschland: Der Mythos lebt! | Deutschland | DW | 30.03.2017
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Kolumne

Mein Deutschland: Der Mythos lebt!

Manche Chinesen wollen China kritisieren, indem sie ein anderes Land - vor allem Deutschland - in den Himmel loben. Kolumnistin Zhang Danhong erzählt von einem surrealen Staat in der Mitte Europas.

Wer in Deutschland geboren ist, kann sich glücklich schätzen. Während die chinesischen Knirpse zwischen Englischkurs und Klavierunterricht hin und her hetzen, lernen die deutschen Kinder bereits im Kindergarten, Verantwortung zu übernehmen. So besuchen sie Polizeistationen, um zu erfahren, wann und wie sie sich an die Polizei wenden können. Bei der Feuerwehr wird den Kindern beigebracht, wie man Brände verhindert und notfalls löscht. Der Oberbürgermeister empfängt alle Kindergartenkinder der Stadt in seinem Büro, falls er das in einer Legislaturperiode schafft. Er zeigt den Kindern das Rathaus und erklärt am eigenen Beispiel, wie man dem Volke dient.

Wenn die Staatsbediensteten vor lauter Erziehungsarbeit nicht dazu kommen, sich um die eigenen Kinder zu kümmern, ist das gar nicht schlimm. Denn die deutschen Kinder sind ab sechs Jahren in der Lage, alleine zurechtzukommen. Das Überlebenstraining übernimmt die Erzieherin. Sie fährt mit ihren Schützlingen Bahn und Bus, damit sich die Kleinen den Nachhauseweg merken. Im Supermarkt wird geübt, gesunde Lebensmittel von ungesunden zu unterscheiden und an der Kasse das Restgeld einzufordern.

Chillen, bis der Arzt kommt

Wer mit so vielen Fähigkeiten ausgestattet in die Schule kommt, muss kaum noch etwas dazulernen. Die deutschen Schüler haben schon mittags Schulschluss, verabreden sich dann mit Freunden oder gehen ihren Hobbys nach. Hausaufgaben? Ein Fremdwort. Während sich die chinesischen Jugendlichen für die Vorbereitung der Gaokao (die Aufnahmeprüfung zur Hochschule) verausgaben, meistern die deutschen Gleichaltrigen das Abitur mit immer weniger Aufwand und bekommen dafür immer bessere Noten.

Jugendliche liegen im Gras (Imago/Westend61)

Sonne, Wiese, Smartphone - mehr ist nicht nötig

An den Universitäten starten die Deutschen erst so richtig durch. Sie hinterfragen alles mit ihrem kritischen Geist. Das Erfinder-Gen wird auf eine ideale Art und Weise mit dem Philosophen-Gen kombiniert. Die deutschen Hochschulen sind Brutkästen für künftige Nobelpreisträger.

Das duale Bildungssystem sorgt dafür, dass sich Karriere und gutes Einkommen nicht allein durch ein Studium realisieren lassen. Facharbeiter können ebenso gut verdienen wie Professoren, vor allem in der Automobilbranche.

Ohne TÜV und Tempolimit durch die Republik rasen

Deutsche Autos: Sie sind die schnellsten, coolsten und besten auf der ganzen Welt. Dazu passen die seidigen Straßen und Autobahnen - ohne Schlaglöcher und mautfrei. Tempolimit? Pfui. So etwas wäre der deutschen Fahrzeuge nicht würdig. TÜV? Das haben die Autos "made in Gernamy" nicht nötig. Die erfahrenen und verantwortungsbewussten Deutschen merken doch selber, wenn etwas mit ihrem Gefährt nicht stimmt.

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

DW-Redakteurin Zhang Danhong

In ihrer Freizeit rasen die Deutschen nicht nur auf den glatten Autobahnen, sie bilden sich weiter, indem sie Museen und anderen Kulturstätten einen Besuch abstatten. Natürlich umsonst. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns den Eintritt zu Burgen und Schlössern noch erkaufen müssten? Da der deutsche Staat äußerst sparsam und effizient mit dem Steuergeld umgeht, ist das öffentliche Leben weitestgehend gratis.  

Wie sorgen die Deutschen für das Alter vor? Die Antwort lautet: Das müssen sie gar nicht. Weil die Rente so üppig ausfällt, brauchen die Deutschen nicht wie die Chinesen mit Aktien zu spekulieren. Dass 60 Prozent der Bundesbürger zur Miete wohnen, sagt zweierlei aus: Sie sind nicht auf ein Eigenheim als Altersvorsorge angewiesen; die Miete bleibt dank Mietpreisbremse bezahlbar.

Einfach das beste und schönste Land auf der Erde

Diesen himmlischen Zustand hat das Land auch seiner parlamentarischen Demokratie zu verdanken, der besten Gesellschaftsform, die die Menschheit bisher hervorgebracht hat. Da kann die Kanzlerin nicht einfach eine Entscheidung treffen und alle haben ihr dann zu folgen. Der Bundestag debattiert über alles - teilweise sehr heftig - und hat dann das letzte Wort. So ist zum Beispiel auch die Flüchtlingspolitik zustande gekommen. Korruption? Nicht der Rede wert. Verschwendung öffentlicher Gelder? Unvorstellbar.

Wenn ein Chinese die Meldung liest, dass der Flughafen Berlin Brandenburg bereits jetzt auf Platz 7 der weltweit teuersten Airports rangiert und die Inbetriebnahme immer noch nicht in Sicht ist, wäre sein erster Gedanke: Fake-News. So etwas kann überall passieren, nur nicht in Deutschland.

Angesichts dieser Weltsicht werden Sie verstehen, warum die Chinesen sofort einen verklärten Blick bekommen, wenn Sie in China als Tourist oder Geschäftsmann Ihre deutsche Herkunft verraten.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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