Mehr Sicherheitskontrollen bei der WM | Europa | DW | 17.06.2018
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Russland

Mehr Sicherheitskontrollen bei der WM

Die russischen Behörden haben eine sichere Fußball-WM versprochen. Der Aufwand dafür ist immens, denn es gibt mehrere Warnungen vor Terroranschlägen. Für einen Vorfall gab es bereits Entwarnung. Aus Moskau Miodrag Soric.

Schrecksekunde in Moskau: Ein Taxifahrer rast mit einem gelben Wagen am Samstag unweit des Roten Platzes in eine Menschenmenge. Er verletzt sieben Menschen, darunter auch mexikanische Fußballfans. Dann sickert durch, dass der Fahrer aus Kirgisistan stammt - einem zentralasiatischen Staat, der mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird. Viele in Russland fürchten: ein Terroranschlag.

Kurz darauf kommt die Entwarnung durch Moskaus Bürgermeister Sergej Sobyanin: Der Taxifahrer habe die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Im Klartext: kein Terroranschlag. Später wird bekannt, dass der Taxifahrer das Gaspedal mit der Bremse verwechselt hat. "Es tut mir leid", sagte er. Nach dieser Fahrt wollte er eigentlich nach Hause fahren, "um zu schlafen". Offenbar war er übermüdet. Am Montag soll er vor Gericht erscheinen, schreiben russische Agenturen.

Russland Taxi in Moskau auf den Bürgersteig gelenkt (Reuters/J. Stubbs)

Nach dem Taxi-Unfall riegelte die Moskauer Polizei die Straße ab

Warnungen vor Anschlägen

Der Vorfall zeigt die Angst, die auch die Organisatoren der WM, Politiker und die Einwohner der Hauptstadt umtreibt. Erst am letzten Freitag veröffentlichten amerikanische Behörden eine entsprechende Warnung. Danach planten Terroristen Anschläge in Russland - etwa in der Nähe von Sehenswürdigkeiten, in öffentlichen Verkehrsmitteln, überall dort, wo sich viele Menschen gleichzeitig aufhalten.

Anfang April vergangenen Jahres hatte in der Sankt Petersburger Metro ein Selbstmordattentäter 14 Menschen mit in den Tod gerissen. Rund 9.000 Kämpfer mit einst russischer Staatsangehörigkeit sollen für den so genannten Islamischen Staat oder andere Islamisten in Syrien sowie im Nahen und Mittleren Osten kämpfen. Viele stammen aus dem Nord-Kaukasus. Was, wenn einige von ihnen zurückkehren, um im Umfeld der WM Verbrechen zu verüben? Die russischen Behörden sind sich dieser Gefahr bewusst.

Russland, WM 2018: Gruppe C: Frankreich - Australien, Fans feiern den Sieg (Reuters/I. Alvaro)

Unbeeindruckt von den Sicherheitsvorkehrungen: Französische Fußball-Fans feiern den Sieg der "Trikolore" über Australien

Ausgelassene Fußball-Fans

Derweil feiern Zehntausende von Fußballbegeisterten in der Innenstadt weiter - als ob nichts gewesen wäre. Besonders hoch her geht es in der Nikolskaja-Straße, einer breiten Fußgängerzone, die von der Geheimdienstzentrale Ljubjanka zum Roten Platz führt. Von den Mittagsstunden bis spät in die Nacht tanzen und singen hier Fans aus allen Erdteilen.

Besonders laut und farbenfroh sind die Argentinier. Ihr enttäuschendes Abschneiden gegen Island (1:1) drückt keineswegs die Stimmung. Im Gegenteil. Sie verbrüdern sich mit den Skandinaviern, singen gemeinsam "Spasibo Russia" ("Danke Russland"), worauf russische Fans Wodkaflaschen herumreichen.

Fußball WM 2018 Gruppe D Kroatien - Nigeria (Reuters/I. Alvarado)

Gern gesehen: Verbrüderungs-Selfies zwischen Fans vor der Spiel - hier zwischen Kroatien und Nigeria in Kaliningrad

Überwachung auf Schritt und Tritt

Polizisten in Uniform stehen am oberen und unteren Ende der Fußgängerzone. Es sollen aber auch Sicherheitskräfte in Zivil unterwegs sein, heißt es. In der Menge ist oft kein Fortkommen. Überall an den Wänden hängen Kameras. Tausende - sagen Medien - mit Gesichtserkennungsprogrammen.

Um die Moskauer Stadien Lushniki und Spartak haben Behörden so genannte Sicherheitszonen eingerichtet. Polizisten und frisch errichtete Poller leiten den Verkehr. Anwohner haben Sonderausweise, um nach Hause zu kommen. Supermärkte, Kioske oder Getränke-Shops dürfen vor während und nach einem Spiel keinen Alkohol verkaufen.

Bei Fans, die randalieren oder gegnerische Spielanhänger angreifen, kennt Russlands Polizei keine Toleranz. Moskau will unbedingt verhindern, dass sich - wie in Frankreich bei der Europameisterschaft - Hooligans Massenschlägereien liefern. Die russischen Behörden haben sich frühzeitig mit ihren ausländischen Kollegen abgestimmt. Fans, die für ihre Gewaltbereitschaft bekannt sind, haben kein Visum erhalten. Ausländische Gäste müssen in Russland stets ihren Pass dabeihaben. Wer ihn im Hotelzimmer vergessen hat, kann bei Polizisten nicht mit Verständnis rechnen. Ins Stadion kommt man nur mit der Fan-ID und dem Ticket für das jeweilige Spiel.

Russland WM Stadion in St. Petersburg (picture-alliance/AP/D. Lovetsky)

Polizisten haben den Einsatz während der WM gründlich geübt

Sicherheitsexperten auf der Straße und im Netz

Ein Großaufgebot von Polizisten, Soldaten, Sondertruppen, Nationalgardisten und sogenannte Kosaken patrouillieren in den WM-Stätten. Vor den Stadien, vor Fan-Zonen sowie jedem Eingang in der Metro stehen Sicherheitsschleusen. Rucksäcke werden durchleuchtet. Besucher müssen ihre Kamerataschen öffnen. Entlang der Moskauer Zufahrtsstraßen, aber auch in der Innenstadt, winken Polizisten einzelne Wagen an den Straßenrand. Papiere werden kontrolliert, Ladeflächen durchsucht. Es gibt unterschiedliche Angaben, wie viele Sicherheitskräfte genau im Einsatz sind: Experten nennen die Zahl von weit über 100.000 bezahlten Polizisten, Soldaten, Wachleuten sowie rund 20.000 freiwilligen Helfern.

Im Hintergrund arbeiten ebenfalls Tausende von Experten, um Informationen in den sozialen Medien zu durchleuchten. Telefon-Hotlines für Sicherheitshinweise sind rund um die Uhr besetzt. Deutsche Sicherheitsexperten sind ebenfalls nach Russland gereist. Mit Namen wollen sie nicht genannt werden. Sie arbeiten mit den russischen Behörden zusammen. Von dem Aufwand, den Moskau rund um die Stadien betreibt, zeigen sie sich beeindruckt. Die Russen täten alles, um die Spiele zu sichern, heißt es.

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