Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber | Wirtschaft | DW | 03.09.2018
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Duale Ausbildung

Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber

Die deutsche Berufsausbildung wird sogar im Ausland kopiert - so erfolgreich ist sie. Hierzulande mangelt es jedoch an geeigneten Bewerbern. Und trotzdem bekommt nicht jeder Bewerber eine Lehrstelle.

Es ist die Zeit der Auszubildenden. Rund 500.000 Jugendliche starten in diesen Tagen ihre Berufsausbildung. Schon lange beklagt beispielsweise das Handwerk, das immer mehr Abiturienten studieren möchten, statt sich für eine Berufsausbildung zu entscheiden. In diesem Jahr wird es wohl erstmals seit Jahren weniger Bewerber als Stellen geben in der betrieblichen Ausbildung, das erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA). So wurden bis Juli 531.426 Lehrstellen fürs neue Ausbildungsjahr gemeldet, aber nur 501.878 Interessenten.

Das liegt zum einen daran, dass die Schülerzahlen sinken und zum anderen der Bedarf der Firmen an Mitarbeitern steigt. Flüchtlinge würden für einen Ausgleich am Ausbildungsmarkt sorgen, sagte BA-Chef Detlef Scheele. Knapp 28 000 von ihnen haben laut BA inzwischen einen Ausbildungsplatz gefunden.

"Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist für Lehrstellenbewerber besser denn je", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland laut Vorabbericht. "Während die Betriebe früher unter zahlreichen Bewerbern auswählen konnten, wählen heute immer öfter die Jugendlichen ihren Ausbildungsbetrieb aus."

Nicht alle Ausbildungen sind dabei gleich nachgefragt. Am beliebtesten sind Lehren im Einzelhandel, als Kaufleute für Büromanagement, Verkäufer, Kraftfahrzeugmechatroniker und Industriekaufleute.

Deutschland Auto Mechatroniker Diagnosegerät (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Eine Ausbildung zum Mechatroniker steht bei vielen hoch im Kurs

Angebot und Nachfrage passt nicht immer

Trotz der Nachfrage der Unternehmen hat nicht jeder Bewerber eine Lehrstelle bekommen. Laut Berufsbildungsbericht blieben im vergangenen Jahr 24.000 junge Menschen ohne Ausbildungsstelle. Gleichzeitig wurden 49.000 betrieblichen Ausbildungsstellen nicht besetzt. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist um 3000 auf 523.300 gestiegen. Weniger als jeder fünfte Betrieb bildet aus.

Wer eine Ausbildung beginnt, führt sie aber nicht immer zu Ende. Laut Berufsbildungsbericht brach zuletzt jeder vierte Lehrling seine Ausbildung ab, allerdings wechseln die Azubis in rund der Hälfte dieser Fälle auf einen anderen Ausbildungsplatz. Der Anteil reiner Abbrüche lag bei 12 bis 13 Prozent.

Kochausbildung (Verband der Köche)

Unbequeme Arbeitszeiten und viel Stress - in manchen Ausbildungsberufen muss man harte Nerven haben

Unter Druck stehen viele Lehrlinge, weil sie regelmäßig Überstunden machen müssen und vom Chef unter großen Druck gesetzt werden. Vor allem im Hotel- und Gaststättengewerbe klagen viele Azubis über die Zustände. Das zeigte der Ausbildungsreport des DGB vom vergangenen Jahr. Insgesamt leistet mehr als ein Drittel der Azubis regelmäßig Überstunden. Für mehr als jeden dritten Azubi gibt es keinen betrieblichen Ausbildungsplan. Mehr als jeder Zehnte übt regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten aus.

Trotzdem sind die Auszubildenden nicht alle unzufrieden. Insgesamt waren laut Ausbildungsreport 2017 rund 72 Prozent der Azubis mit ihrer Lehre sehr zufrieden oder zufrieden. 22 Prozent der Auszubildenden waren teilweise zufrieden, 6 Prozent unzufrieden.

Pläne der Bundesregierung

Bildungsministerin Anja Karliczek will die berufliche Ausbildung stärken. So sollen kleine Betriebe, in denen die Ausbildungsquote zurückgegangen ist, dabei unterstützt werden, eine Ausbilder-Eignung zu machen und Lehrstellen anzubieten. Laut Koalitionsvertrag soll die berufliche Bildung mit einem Berufsbildungspakt modernisiert werden. Das Berufsbildungsgesetz soll reformiert, eine Mindestausbildungsvergütung verankern werden.

Mindestvergütung muss steigen

DGB-Vize Elke Hannack dringt darauf, das Karliczek Dampf macht mit der Reform des Berufsbildungsgesetzes. "Dreh- und Angelpunkt für eine moderne Berufsbildung sind gute und engagierte Ausbilderinnen und Ausbilder in den Betrieben", sagt sie. Sie müssten durch ein Recht auf Weiterbildung gestärkt werden - auch wegen der Digitalisierung und zur Erhöhung interkultureller Kompetenzen.

Bei der Mindestvergütung für Azubis müsse sich etwas tun. Hannack fordert im ersten Ausbildungsjahr 635 Euro im Monat. Laut aktuellen DGB-Eckpunkten für eine solche Mindestvergütung soll diese für das zweite Ausbildungsjahr dann bei 696 Euro liegen, für das dritte Jahr bei 768 Euro und für das vierte Jahr bei 796 Euro.

Ausbildungsberuf Friseur (DW/C. Euen)

Lehrlinge im Friseurberuf verdienen besonders schlecht

Durch den Mangel an Bewerbern hat sich aber auch die Situation der Auszubildenden in den Betrieben verbessert, meint DIHK-Präsident Schweitzer. "Die Unternehmen wissen genau, dass sie nur mit qualitativ hochwertigen Angeboten punkten können. Daher bieten sie zum Teil höhere Vergütungen als in der Branche üblich, sie geben Nachhilfe für Schwächere oder werben mit Zusatzqualifikationen und Auslandsaufenthalten für Leistungsstärkere."

Laut Ausbildungsreport 2017 verdienten Mechatroniker in der Ausbildung in Westdeutschland zuletzt beispielsweise durchschnittlich 1027 Euro - mehr als doppelt so viel wie Friseure (523 Euro).

iw/hb (dpa, rtr)

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