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Wie wir unsere Ozeane retten können

Ajit Niranjan
27. Juni 2022

Sie sind zu warm, zu sauer, voller Müll - und das Leben in ihnen schwindet. Wie können wir die Meere der Welt ausreichend schützen? Die UN-Ozean-Konferenz in Portugal sucht Antworten.

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Ein Mann den Strand von Elmina in Ghana entlang
Der Ozean beeinflusst, direkt oder indirekt, das Leben aller Menschen - doch unseren Meeren geht es schlechtBild: Thomas Trutschel/photothek/picture alliance

Sind die Korallenriffe noch zu retten?

Die Menschheit hat die Ozeane des Planeten stark geschädigt, der Temperaturanstieg, zunehmende Übersäuerung und  Unmengen Plastikmüll bedrohen das Tiere und Pflanzen im Meer, und gefährliche Fangmethoden bedrohen zahlreiche Fischarten.

Die gute Nachricht: Treffen wir jetzt die richtigen Maßnahmen, könnte zumindest eine weitere Verschlimmerung noch aufgehalten werden.

Politische Entscheidungsträger treffen sich diese Woche in Portugal, um den Schutz der Ozeane voranzutreiben. Denn unsere Meere sind nicht nur die wichtigste Eiweißquelle für Milliarden von Menschen und die Grundlage für das Einkommen von Millionen von Menschen durch Tourismus und Fischerei. Sie sind auch eine wichtige Verteidigungslinie im Kampf gegen den Klimawandel.

Fischer arbeiten auf ihren Booten am Hafen von Guinea-Bissau
Viele Menschen sind auf gesunde Meere angewiesen - ohne sie keine Nahrung und kein EinkommenBild: JOHN WESSELS/AFP via Getty Images

"Die Zeit läuft uns davon, aber wir noch können wir das Blatt wenden und in gesunde Ozeane zu investieren", sagt Kristian Teleki, Ozeanexperte bei der gemeinnützigen Umweltorganisation World Resources Institute.

Meeresschutz durch Begrenzung des Klimawandels

Eine der wirksamsten Lösungen zum Schutz der Ozeane besteht darin, die  Erwärmung des Planeten zu stoppen.

Ozeane absorbieren gut ein Viertel aller Kohlendioxidemissionen und speichern rund 90 Prozent der durch sie entstehenden Erwärmung. Gelingt es, den Temperaturanstieg auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu anzuhalten, dem Pariser Klimaziel von 2015, wird mit einem Rückgang der Korallenriffe um "nur" 70 bis 90 Prozent gerechnet. Erhitzt sich die Welt dagegen weiter, auf zwei Grad Celsius oder mehr, werden alle Korallen absterben.

Doch trotz einer Reihe von Versprechen zur Emissionsreduzierung seit dem Klimaabkommen von 2015 reichen die bisherigen Massnahmen nicht aus und die Welt rast auf einedeutlich höhere Erhitzung zu.

Sind die Korallenriffe noch zu retten?

Um ihre Versprechen einzulösen, müssten die politischen Entscheidungsträger  einen schnellen Umbau aufsaubere Energiequellen umsetzten, den übermäßigen Energieverbrauch senken und natürliche Ökosysteme wie Regenwälder erhalten. Außerdem müssten sie dringend Kohlekraftwerke abschalten und die Erschließung neuer Erdöl- und Erdgasfelder einstellen.

Doch selbst bei einem sofortigen Stopp von CO2-Emissionen würden sich die Meere zunächst noch weiter aufheizen, ehe eine Trendwende einsetzt. Es dauert sehr lange, bis sich die Meere erholen könnten, so dass sich die Bedingungen für die meisten Tiere und Ökosysteme zunächst weiter verschlechtern werden, sagt Toste Tanhua, Ozeanograph am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Das wissenschaftliche Institut setzt sich für bessere Systeme zu Meeresüberwachung ein.

"Wir hoffen, dass die jungen Wal-Babys einen besseren Ozean vorfinden werden, wenn sie alt sind. Aber das können wir derzeit nur hoffen."

Wir müssen die Meere vor dem Menschen schützen

Kurzfristig können Maßnahmen zum Schutz der Ozeane vor menschlichen Eingriffen dazu beitragen, dass sich die Meeresfauna und das Klima erholen.

Die Ökosysteme der Meere sind durch nicht nachhaltige Fischerei und gefährliche Methoden wie die Grundschleppnetzfischerei bedroht. Dabei wird der Meeresboden mit riesigen metallbeschichteten Netzen abgefischt, die die Tierwelt zerstören und damit größere Mengen Kohlendioxid freisetzen als die gesamte Luftfahrtindustrie.

Fischer leeren ihre Schleppnetze an Bord eines Fischtrawlers
Grundschleppnetze, die über den Meeresboden gezogen werden, richten großen Schaden an Bild: Raymond Roig/AFP/Getty Images

"Die Fischbestände sind dezimiert, die Korallenriffe sterben und große ikonische Arten wie Wale wurden an den Rand des Aussterbens gedrängt - der Schaden ist immens", sagt Minna Epps, Leiterin der Abteilung Ozeane bei der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN).

Die Vereinten Nationen (UN) und Naturschutzorganisationen drängen darauf, dass die führenden Politikerinnen und Politiker der Welt 30 Prozent der Meere bis zum Jahr 2030 unter Schutz stellen. Heute sind lediglich sieben Prozent der Ozeane als Meeresschutzgebiete ausgewiesen, und nur zwei Prozent sind vollständig oder stark geschützt. Dabei könnte ein echter strategischer Schutz großer Ozeanteile dazu führen, dass sich die maritime Tier- und Pflanzenwelt erholen, die Meere weiter Kohlenstoff speichern und ausreichend Nahrung für Menschen liefern würden, wie eine im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigte.

Aber die Politik stößt auch auf Widerstand bei den Menschen, die von der Umweltzerstörung am stärksten betroffenen sind.

Indigene Gruppen kritisieren, dass sie in politischen Vorschlägen zum Schutz der biologischen Vielfalt vernachlässigt wurden, obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie effektive Verwalter der Natur sind. So zeigte eine Studie, die 2019 in der Zeitschrift Environmental Science and Policy veröffentlicht wurde, dass in Australien, Brasilien und Kanada die von indigenen Völkern bewirtschafteten Flächen eine größere Artenvielfalt aufweisen als staatlich geschützte Naturschutzgebiete.

Zwei Iguana-Echsen sitzen auf schwarzen Klippen der Galápagos-Inseln
Ecuador hat das Meeresschutzgebiet um die Galápagos-Inseln erweitert - es ist nun das zweitgrößte der WeltBild: Presidencia Ecuador/dpa/picture alliance

Wenn sie durch marine Schutzbestimmungen am Fischen gehindert werden, könnten indigene Küstengemeinden ihre Nahrung und Lebensgrundlage verlieren. In Gebieten, in denen die industriellen Fischerei verboten wird, könnten sie hingegen von gesünderen Gewässern und größeren Fischpopulationen profitieren.

"Ich glaube nicht, dass wir sagen sollten, dass jedes Meeresschutzgebiet vollständig geschützt werden muss", meint Tanhua und verweist auf bestehende Nationalparks, die noch ein gewisses Maß an Nutzung durch den Menschen zulassen. "Wir können den Ozean ebensog behandeln und in verschiedenen Gebieten unterschiedliche Schutzniveaus für unterschiedliche Zwecke etablieren."

Die Verschmutzung der Meere an der Quelle stoppen

Eine dritte Lösung besteht darin, die Verschmutzung zu stoppen, bevor sie in die Ozeane gelangt. Wird Plastikmüll einfach in der Natur entsorgt, gelangt es über Flüsse und Regen oft in den Ozean. Einmal dort angekommen, ist es fast unmöglich, den Kunststoff wieder herauszuholen.

Darüber hinaus schädigt Plastik die Ökosysteme auch, wenn es sich zersetzt. So ergab eine im Februar veröffentlichte Studie der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF), dass sich die Menge an Mikroplastik in den Ozeanen selbst dann verdoppeln würde, wenn ab sofort keinerlei Plastik mehr ins Meer gelangen würde.

An einem Strand ist vor lauter Plastikmüll kaum noch der Sand zu sehen
Nur ein Bruchteil des Plastikmülls wird an die Strände angeschwemmt, wie hier in IndonesienBild: Agung Parameswara/Getty Images

Besseres Sortieren und Lagern von Abfällen könnte verhindern, dass Plastik weiterhin in die Ozeane gelangt. Das würde bedeuten, dass Müll in sichere Deponien oder in Verbrennungsanlagen gebracht werden müsste. Allerdings entstehen bei der Verbrennung von Plastik auch wieder Treibhausgasemissionen.

Umweltgruppen fordern stattdessen die politischen Entscheidungsträger auf, bessere Recyclinganlagen zu bauen und Gesetze zu erlassen, die Unternehmen und Verbraucher dazu bringen, grundsätzlich deutlich weniger Plastik zu verwenden.

Das gestiegene Bewusstsein der Verbraucher für die Bedrohung des Meere durch Plastik hat dazu geführt, dass die Politik das Problem ernster nimmt. So haben viele Länder inzwischen Einweg-Plastiktüten verboten oder besteuert. Letztes Jahr hat die EU die Produktion von zehn verschiedenen Einwegplastikartikeln verboten, darunter etwa Strohhalme und Besteck. Dennoch wird sich die Plastikverschmutzung der Meere bis 2030 voraussichtlich verdoppeln.

Eine Meeresschildkröte frisst eine Plastiktüte
Für Meeresschildkröten sehen Plastiktüten wie ihre Lieblingsnahrung Quallen aus - viele Tiere verenden qualvollBild: picture-alliance/Photoshot

Doch Maßnahmen zum Schutz der Meere vor weiteren Bedrohungen wie Klimawandel und Überfischung finden bislang in der Öffentlichkeit wenig Unterstützung, meint Judith Hauck, stellvertretende Leiterin der Abteilung Marine Biogeowissenschaften am Alfred-Wegener-Institut in Deutschland.

Die Menschen seien sich nicht bewusst, wie wichtig die Ozeane für ihr eigenes Leben seien, sagt Hauck. "Es fällt uns schwer, einen Bezug zum Ozean herzustellen. Selbst wenn wir am Strand sind, befinden wir uns nur an der Grenze zum Meer."

Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk