Massenflucht vor Boko Haram ins Armenhaus Niger | Afrika | DW | 15.02.2017
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Afrika

Massenflucht vor Boko Haram ins Armenhaus Niger

Im Südosten des Niger spielt sich - unbemerkt von der Weltöffentlichkeit - ein Flüchtlingsdrama ab. Hunderttausende Nigerianer fliehen vor Boko Haram in das überforderte Nachbarland. Aus Niger berichtet Antonio Cascais.

45 Grad Hitze, Staub und Wind. Mitten in der Provinz Diffa, in der nigrischen Halbwüste, haben sich Flüchtlinge in hunderten improvisierten Lagern niedergelassen. Zehntausende Kinder, Frauen, Alte und auch Männer vegetieren hier - manche von ihnen seit mehr als zwei Jahren. Sie flohen vor dem Terror von Boko Haram aus dem benachbarten Nigeria.

Das Flüchtlingscamp Ngagala liegt an der Route Nationale 1, die parallel zum Grenzfluss Kamadougo verläuft. Das Lager ist nichts anderes als eine Ansammlung von Hütten aus Reisig, Stroh und zerrissenen Plastikplanen, die um eine von einer Hilfsorganisation installierten Wasserpumpe herum aufgestellt wurden.

 Eine der Bewohnerinnen ist die 46-jährige Aisha. Die selbsternannte Camp-Sprecherin sagt, sie habe in ihrer nigerianischen Heimat sehr viel Leid erfahren und viele Tote gesehen. Nun versuche sie, die Situation für alle zu verbessern.

Wasserknappheit ist das drängendste Problem

Das drängendste Ziel sei es, die Menschen, die sich hier in Ngagala niedergelassen haben, mit Wasser zu versorgen, sagt Aisha: "Es kommen immer mehr Menschen, das Wasser wird knapp. Sogar nachts stehen die Leute an der Wasserpumpe Schlange."

Niger Flüchtlinge aus Nigeria (DW/A. Cascais)

Mehr als eine Stunde sind diese Flüchtlingsmädchen unterwegs, ehe sie den nächsten Brunnen erreichen

Ein Zelt weiter wohnt Mariama. Sie gehörte zu den ersten, die sich 2014 in diesem Camp ansiedelten, nach einer Welle von Boko-Haram-Überfällen in ihrer nigerianischen Heimat. "Eines Samstags, morgens um fünf Uhr, überfielen sie unser Dorf. Sie schossen um sich. Nur wenige von uns konnten sich über den Fluss retten", erzählt Mariama. Sechs ihrer Kinder seien entführt, eines getötet worden. Was mit ihrem Ehemann passiert ist, wisse sie nicht.

Alle Menschen hier haben ähnliche Erlebnisse hinter sich.

Abhängig von Nothilfe privater Hilfsorganisationen

Eine organisierte Betreuung seitens staatlicher Stellen oder der Vereinten Nationen gibt es in Ngagala und den vielen anderen Flüchtlingslagern entlang der N1 nicht. Ausländische Hilfsorganisationen liefern die notwendigsten Lebensmittel, Decken und anderes Material. Die Hilfe kommt aber nur sehr unregelmäßig an: Aufgrund der äußerst prekären Sicherheitslage haben sich viele Hilfsorganisationen aus der Region zurückgezogen.

Niger Flüchtlinge aus Nigeria (DW/A. Cascais)

Im Flüchtlingslager Sayam Forage hat die Hilfsorganisation World Vision eine Kinderbetreuung eingerichtet

Eine der wenigen Entwicklungshelferinnen, die in Diffa geblieben sind, ist die Deutsche Kathryn Tätzsch. Sie arbeitet für die für die Organisation World Vision. Tätzsch warnt, dass Wasserversorgung, Krankenhäuser und Schulen in der Region an ihre Belastungsgrenzen stießen: "Alles ist im Moment mit  zu vielen Menschen überfrachtet. Auf Dauer geht das nicht gut. Irgendwann wird es Konflikte geben."

Grenzüberschreitender Terror

Rund 250.000 Nigerianer sind bereits nach Niger geflüchtet - ein Land mit knapp 20 Millionen Einwohnern. Täglich kommen mehr Menschen über den nahegelegenen Grenzfluss. Viele Einheimischen haben Angst, es könnten auch Boko-Haram-Anhänger darunter sein, die Nigrer rekrutieren oder Anschläge verüben wollen.

Boko Haram bezeichnet sich selbst als Ableger des sogenannten "Islamischen Staates". Im Nordosten Nigerias eroberten die Dschihadisten ganze Landstriche. Auch auf die Nachbarländer Niger, Kamerun und Tschad greift der Konflikt über. Inzwischen kämpft eine internationale Koalition gegen die Terrororganisation.

Wirtschaft liegt brach

In Diffa, der Hauptstadt der gleichnamigen nigrischen Provinz, hat die volatile Sicherheitslage die ohnehin schwache Wirtschaft fast komplett zusammenbrechen lassen. "Seit den Attacken von Boko Haram ist die ganze Stadt zum Stillstand gekommen", klagt ein Bewohner. "Praktisch jede Woche werden tödliche Anschläge verübt. Erst gestern haben sie einen Krankenpfleger ermordet und seine Kinder entführt. Sie haben den Mann einfach enthauptet."

Karte Niger Nigeria Tschad Tschadsee Deutsch

Die Region um den Tschadsee ist besonders stark vom Boko-Haram-Terror betroffen

Moussa Tchangari, Vorsitzender der Menschenrechtsgruppe "Alternative Espace Citoyen", dokumentiert immer wieder die Zustände in den Flüchtlingscamps in seiner Heimat Diffa. Er beklagt die Ignoranz der nigrischen Regierung. Die Militäreinsätze gegen den Terror hätten der Bevölkerung zu viele Opfer abverlangt. "Es war die Regierung selbst, die zum Teil das Problem geschaffen und sogar vergrößert hat", sagt Tchangari.

Präsident Mahamadou Issoufou habe viele Aktivitäten in der Region verboten. Der Fischhandel am nahegelegenen Tschadbecken sei völlig zum Erliegen gekommen. Motorradfahren werde aus Sicherheitsgründen ebenfalls unterbunden: "Man wollte damit die Einnahmequellen von Boko Haram austrocknen. Aber diese Maßnahmen haben vor allem dazu geführt, dass die Einkommensquellen der normalen Bevölkerung völlig versiegten."

Wer hilft hier wem?

Für seine Regierungskritik zahlte Tchangari einen hohen Preis: Mehrmals wurde er wegen regierungsfeindlicher Umtriebe verhaftet. Dennoch bleibt er bei seiner Kritik - auch gegenüber der internationalen Gemeinschaft: Sie fördere neue Militärstützpunkte, statt humanitäre Hilfe zu leisten. "Die Europäer haben Angst vor der Migrationswelle aus Afrika, also wollen sie, dass wir als Polizei für sie fungieren. Sie haben Angst vor dem Terrorismus, also verlangen sie von uns, dass wir die Terroristen hier zurückhalten. Sie tun also nichts anderes, als von uns armen Leuten zu verlangen, dass wir ihnen helfen."

Niger Flüchtlinge aus Nigeria (DW/A. Cascais)

Die Flüchtlinge harren zum Teil schon seit zwei Jahren im Lager von Ngagala aus

Die Regierung ist anderer Meinung: Der Minister für humanitäre Angelegenheiten, Laouan Magaji, sagt, dass seine Regierung dringend auf die internationale Gemeinschaft angewiesen sei: Die Außengrenzen seines riesigen Landes müssten besser geschützt werden. Doch die Schlüsselfrage sei die Finanzierung. 700 Millionen Euro benötige das Land - und die sollten vor allem mit europäischer Unterstützung aufgebracht werden. "Deshalb richten wir einen Appell an unsere internationalen Partner, uns dabei zu helfen, diese Flüchtlingskrise zu bewältigen", so der Minister.

Denn durch die Flüchtlingsströme droht der arme, aber bisher friedliche Niger zu einem neuen großen Krisenherd in Afrika zu werden.

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