Marokko: Stück für Stück ins wirtschaftliche Abseits | Wirtschaft | DW | 02.07.2021
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Wirtschaftsbeziehungen

Marokko: Stück für Stück ins wirtschaftliche Abseits

Die politischen Ambitionen von Marokkos König Mohammed VI. wirken sich zunehmend auf die Wirtschaft des Landes aus. Auch deutsche Unternehmen sind besorgt.

Als Unternehmensberater kennt Ignacio de Benito Marokko seit vielen Jahrzehnten. Er schätzt die Menschen und ihre Kultur. In Bezug auf das marokkanische Königshaus bittet er um Empathie: "Die aktuelle angespannte Lage mit Deutschland und Spanien ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund, dass Mohammed VI. versucht, seine eigene Haut zu retten, indem er die Islamisten im Land in die Schranken weist und gleichzeitig seinen Machtraum in der Region und gegenüber Europa ausbaut."

Frankreich l König Mohammed VI. von Marokko zu Besuch im Elysee Palast

Erntet viel Kritik und teilt ordentlich aus: Marokkos König Mohammed VI.

Was war geschehen: Anfang März brach die marokkanische Regierung die Kontakte mit der deutschen Botschaft ab und fror die Zusammenarbeit mit deutschen Entwicklungspartnern KFW und GIZ ein. Im Mai zog Marokko seine Botschafterin in Deutschland zu Beratungen in die Heimat zurück. Damit will die Regierung in Rabat nach eigener Auskunft gegen das deutsche Vorgehen im Westsahara-Konflikt protestieren. Sie wirft der Bundesregierung in der Angelegenheit eine "destruktive Haltung" vor. Aus Berlin kam eine überraschte Reaktion: Man sei darum bemüht, die Situation konstruktiv beizulegen.

Gelder und Projekte liegen auf Eis

Marokko ist seit vielen Jahren ein wichtiger Partner der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Im Jahr 2020 waren laut Angaben des Auswärtigen Amts rund 1,4 Milliarden Euro von deutscher Seite zugesagt worden, unter anderem zur Abfederung der Folgen der Corona-Krise sowie im Rahmen der Reformpartnerschaft. Bedeutende Investitionen in der Infrastruktur- und Energiewirtschaft vor Ort sind eingeplant. Jetzt ist erst mal alles auf Eis gelegt, was den Chef der deutschen Handelskammer in Casablanca, Andreas Wenzel, zunehmend besorgt: "Die geplanten Projekte sind wichtig für uns. Es ist nicht klar, wie es weitergehen wird".

Marokko | Djamil Surfers - Windräger in Tarfaya

Windenergie in Marokko - viele Projekte werden mit deutscher Hilfe finanziert

In Spanien hingegen ist die Regierung das Pokern von Mohammed VI. gewohnt, "allerdings ist der wirtschaftliche Schaden diesmal auf beiden Seiten viel höher, weil wir sehr enge Handelsbeziehungen pflegen", sagt auch Haizam Amirah-Fernández vom spanischen Think Tank Real Instituto Elcano in Madrid. Auch Spanien hatte den Zorn der Regierung zu spüren bekommen, nachdem der Chef der Westsahara-Befreiungsfront Polisario in einem spanischen Krankenhaus behandelt worden war.

Geduld und Fingerspitzengefühl sind notwendig

Amirah-Fernández befürchtet, dass die unsichere Lage in Bezug auf Marokko noch eine ganze Weile andauern kann, zumindest im Fall von Spanien: "Die Situation ist sehr komplex. Mohammed VI. hat sich ganz offensichtlich verkalkuliert." Der König glaube, dass die Anerkennung der Besitzrechte Marokkos an der Westsahara durch Donald Trump die Haltung der EU verändert habe, so der politische Analyst.

Doch die EU und insbesondere Spanien und Deutschland haben klargestellt, dass sie an ihrer Politik festhalten. Diese sieht im Sinne einer UN-Resolution ein Referendum in der Westsahara vor. Premier Pedro Sánchez hatte gehofft, der neue US-Präsident Joe Biden würde die Entscheidung seines Vorgängers zurücknehmen, "aber für die USA ist die Anerkennung Israels durch Marokko im gemeinsamen Kampf gegen den Iran enorm wichtig", sagt Amirah-Fernández. Die Situation ist komplex, denn Mohammed VI verdächtigt wiederum Algerien und den Iran, die Polisario-Bewegung in der Westsahara zu finanzieren. 

Karte Marokko Westsahara DE

Ein langer Konflikt: Die Westsahara und Marokko

Marokko hat auch den Austausch von Polizeiinformationen ausgesetzt. Das Land ist für Europa jedoch ein wichtiger Akteur beim Kampf gegen den zunehmenden Islamismus in Afrika. Hinzu kommt auch die Kritik marokkanischer Journalisten, wonach die Königsfamilie zunehmend korrupt agiere. Die Macht der königlichen Familie im Land ist in ihren Augen ungesund.

Ausfall des Heimkehrer-Tourismus

Von der Bank Attijariwafa und dem Telefonanbieter Inwi bis zum Versicherungsunternehmen Wafa Assurance kontrolliere der Monarch indirekt fast alle Dienstleistungen und die gesamte Produktion in seinem Land, schreibt die spanische Tageszeitung El País. Auch Transparency International bestätigt eine Verschlechterung der Korruptionsbekämpfung für das Jahr 2020. Die Organisation kritisiert auch die Pandemie-Strategie Marokkos, welche im Kern darin bestand, das Land einfach ein Jahr lang abzuriegeln. Nach dem "Global Corruption Barometer 2020" glauben 53 Prozent der marokkanischen Bevölkerung, dass die Korruption im vergangenen Jahr zugenommen hat.

Marokko Spanien | Tausende Migranten schwimmen nach Ceuta

Marokkanische Migranten in Ceuta werden von spanischen Soldaten festgehalten

Auch der Frust der Bevölkerung wächst. Erst vor wenigen Wochen stürmten rund 8000 vorwiegend junge Marokkaner die Grenzen, der im Norden liegenden spanischen Exklave Ceuta. "Dass die marokkanische Polizei das nicht verhindert hat, liegt natürlich auch am Ärger mit der spanischen Regierung", erklärt Amirah-Fernández: "In diesem Sommer können zudem die rund eine Millionen Marokkaner, die in Spanien leben, nicht zu ihrer Familie, weil der Fährbetrieb mit den spanischen Häfen auf königlichen Wunsch nicht wiederaufgenommen wurde". Den Fährbetrieb nach Marokko von Frankreich und in Italien hat der König dagegen erlaubt. 

Wirtschaftliche Gefahr für Spaniens Enklaven Ceuta und Melilla

"Der Monarch lässt die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla ausbluten", kritisiert Ana Belén Soage von der EAE Business School in Madrid. Mohammed VI hat dort seit drei Jahren schrittweise den Grenzhandel verboten: "Die umliegenden marokkanischen Dörfer bleiben ohne Alternativen und verarmen noch weiter”, so Soage.

Die Menschen dort drängten seit Jahren massiv nach Europa, bleiben meist in Spanien hängen, "wollen aber eigentlich nach Frankreich oder Deutschland", berichtet Diana Cardona Motjer, die in Ceuta mit marokkanischen Migranten arbeitet. Die spanische Regierung startet jetzt eine Offensive, um die Exklaven wirtschaftlich aufzupeppen, aber Mohammed VI holt erneut aus. Diesmal im Visier: die Tomaten. Diese werden derzeit als marokkanische Ware gekennzeichnet und massiv aus der Westsahara nach Europa exportiert. Das verärgert den größten Konkurrenten im Tomatenhandel: Spanien. Denn offiziell hat die EU die Westsahara nicht als marokkanisch anerkannt. Zudem gibt es immer wieder Beschwerden seitens Spanien, dass man sich dort nicht an die strengen Umweltauflagen halte und die Arbeitsbedingungen dort nicht zu akzeptieren seien.  

Der Unternehmensberater De Benito rät Deutschen wie Spaniern angesichts der emotional aufgeheizten Stimmung vorsichtig zu sein: "Fingerspitzengefühl ist angebracht". Auch Brüssel wisse das. Und spanische Medien mutmaßen bereits, dass die EU deshalb den "Tomaten-Schwindel" der Marokkaner bisher ignoriert habe.

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