Marihuana: Cannabis regt die grauen Zellen im Gehirn an | Wissen & Umwelt | DW | 15.01.2019
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Hirnforschung

Marihuana: Cannabis regt die grauen Zellen im Gehirn an

In bestimmten Gehirnbereichen bildet sich bei Jugendlichen nach dem Kiffen mehr Graue Substanz - besonders im Hippocampus und dem Kleinhirn. Aber: Ist das auch gut fürs Denken oder eher schlecht?

Zwei Menschen teilen sich einen Joint (picture-alliance/dpa/M. Ruetschi)

Mehr als ein Drittel der Jugendlichen in westlichen Industrieländern haben schon vor ihrem Schulabschluss gekifft

"Graue Zellen" gelten im Volksmund als etwas Gutes: ein Ausdruck der Denkfähigkeit und Intelligenz. Doch nicht immer muss es auch gesund sein, wenn die Menge der sogenannten Grauen Substanz (GS) im Gehirn zunimmt.

Das passiert nämlich bei heranwachsenden Jugendlichen, die kiffen – selbst, wenn sie es nur selten tun. Ein Forscherteam aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Österreich hat diese Entdeckung am 14. Januar 2019 im Journal of Neuroscience publiziert.

Das Team um Catherine Orr von der Abteilung für Psychiatrie und Psychologie an der US-amerikanischen Universität Vermont fand heraus, dass bereits sehr geringer Cannabis-Konsum bei Jugendlichen messbare Veränderungen im Gehirn bewirkt. Bis zum Ende der Pubertät befindet sich das Gehirn noch in der Wachstumsphase und reagiert daher besonders empfindlich auf den Wirkstoff Tetrahydrocannabiol (THC), der beim Kiffen den Rauschzustand auslöst. 

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Probanden hatten nur ein- oder zweimal gekifft

Hirnscan eines Menschen (Colourbox/I. Jacquemin)

Mit MRT-Aufnahmen und sogenannter voxel-basierter Morphometrie lassen sich Volumen von Zelltypen berechnen

Die Forscher hatten Hirnscans von 92 Jugendlichen im Alter von 14 Jahren verglichen. Die Hälfte der Probanden hatten bereits Erfahrungen mit Marihuana oder Haschisch gemacht, die andere Hälfte nicht.

Die Wissenschaftler nutzten dazu die sogenannte "voxel-basierte Morphometrie". Das heißt: Sie nutzten Aufnahmen aus einem Magnetresonanztomographen (MRT), um bestimmte Parameter im Gehirn quantitativ zu erfassen. 

Dabei kam heraus, dass die Graue Substanz bei denen, die nur ein- oder zweimal gekifft hatten, an Volumen gewachsen war, und zwar im Hippocampus und im Kleinhirn. Diese Bereiche bringen Neurologen üblicherweise mit dem Endocannabinoid-System in Zusammenhang. Das ist also der Bereich des Signalsystems, an dem die Wirkstoffe des Cannabis ansetzen. 

Mehr dazu: Toxoplasmose-Parasiten verändern die Synapsen im Gehirn

Graue Substanz - das Zentrum unseres Nervensystems

Als Graue Substanz bezeichnen Mediziner insbesondere die Nervenzellkörper und Kerngebiete des zentralen Nervensystems. Die Weiße Substanz hingegen besteht vor allem aus den Leitungsbahnen für die Übertragung der Informationen. Das sind etwa die Nervenfasern und Nervenzellfortsätze.

Die farbliche Bezeichnung der unterschiedlichen Bereiche der Nervenzellen stammt daher, dass die jeweiligen Materialien sich entsprechend grau oder weiß verfärben, wenn sie in Formalin eingelegt werden. Die Lösung dient zur Desinfektion und Konservierung eiweißhaltiger biologischer Präparate.

Peru Lima - Gehirn in Formaldehyd beim Museum of Neuropathology (Getty Images/AFP/E. Benavides)

Formalin dient zur Desinfektion und Konservierung eiweißhaltiger biologischer Präparate

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Wenig Grundlagenforschung mit kiffenden Minderjährigen

Ob die Zunahme der Grauen Substanz nun als nützlich oder eher schädlich zu werten ist, dazu wollten sich die Forscher nicht festlegen. Jedenfalls sei Vorsicht bei der Interpretation der Daten angebracht. Fest steht: Unter den Cannabis-konsumierenden Heranwachsenden beobachten Ärzte eine erhöhte Anzahl von Angststörungen.

Zwischen 30 und 40 Prozent der Heranwachsenden in den Industriestaaten wie Deutschland und den USA machen noch vor Abschluss der Mittelschule erste Erfahrungen mit Cannabis.

Die Mediziner gehen davon aus, dass dies langfristige Auswirkungen auf das Nervensystem hat. Allerdings gibt es nur wenige Studien über Jugendliche, die nur sporadisch Cannabis konsumieren. Die meisten wissenschaftlichen Studien beschäftigen sich mit Erwachsenen, die über viele Jahre Cannabis intensiv genutzt haben. 

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