Maria Eichhorn und der deutsche Biennale-Pavillon | Kultur | DW | 25.02.2021
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Venedig-Biennale 2022

Maria Eichhorn und der deutsche Biennale-Pavillon

Maria Eichhorn gestaltet den Deutschen Pavillon auf der nächsten Kunst-Biennale in Venedig. Lässt sich erahnen, was die Berliner Künstlerin zeigen wird?

Jedes Land, sagt man, bekommt die Künstlerinnen und Künstler, die es verdient. Mit Maria Eichhorn zieht 2022 eine deutsche Konzeptkünstlerin in den historischen Länderpavillon auf dem Lido ein. Ihre Auswahl durch den Kurator Yilmaz Dziewior, Chef des Kölner Museums Ludwig, habe sie in "ungläubiges Staunen" versetzt, bekannte sie - und gleichzeitig mit "großer Freude" erfüllt. Vor allem aber: Ihre Nominierung macht die in Berlin lebende Künstlerin zur derzeit bekanntesten Unbekannten.

Vielleicht liegt es daran, dass Konzeptkunst als sperrig gilt und wenig zugänglich. Vielleicht ist aber auch die Denkfaulheit des Publikums ein Grund, dass Eichhorns Kunst bisher nicht in aller Munde war: Getreu dem alten Beuys-Motto "Wer nicht denken will, fliegt raus", mutet auch die 1962 in Bamberg geborene Eichhorn ihrem Publikum so manches zu: Ihre Arbeiten sind nicht Bilder und Plastiken. Bei ihr besteht ein Werk aus Idee, Recherche und Visualisierung: jedes Kunstwerk enthält die Aufforderung "Denk mal."

Großes Thema: NS-Enteignungen

Ein Beispiel dafür ist Eichhorns Ausstellung "Restitutionspolitik" von 2003 im Münchener Lenbachhaus, ein Kommentar zur bis dahin zögerlichen Rückgabe von NS-Raubkunst. Dafür wählte sie 15 Gemälde und ein Aquarell aus der Sammlung des Museums aus und hängte sie mit dem Rücken zum Publikum auf, damit die Namen der jüdischen Vorbesitzer sichtbar wurden.

Ausstellungsansicht mit einem Bücherregal in einem weißen Raum

Auf der documenta 14 in Kassel stellte Maria Eichhorn Bücher aus, die unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworben worden waren.

Gleich mehrfach hat Eichhorn sich mit Enteignungen durch die Nationalsozialisten befasst. So stellte sie 2008 im Wiener Museum für Angewandte Kunst eine geraubte Vitrine des jüdischen Porzellansammlers Heinrich Rothberger nach. Auf der Kasseler documenta14 von 2017 richtete sie das ″Rose Valland Institut" ein – benannt nach einer Französin (1898-1980), die während der deutschen Besetzung Frankreichs als Konservatorin am Pariser Musée du Jeu de Paume arbeitete und heimlich Buch führte über die Plünderung von Museen und Privatsammlungen. Eichhorns ″Rose Valland Institut" forscht heute zur Geschichte von NS-Raubkunst und der Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas.

Viel zum Nachdenken

Ebenfalls zur documenta14, die gleichzeitig in Kassel und Athen stattfand, erwarb sie eine Immobilie in der griechischen Hauptstadt, die niemandem gehören sollte, was reichlich bürokratischen Wirbel auslöste. Titel der Aktion: "Building as Unowned Property".

In einer Vitrine liegen Fotos und Schriftstücke zu einem Immobilienkauf in Athen.

Zur documenta 14 in Athen kaufte Maria Eichhorn eine Immobile und erklärte sie zu Nicht-Eigentum.

Überhaupt die Frage nach Eigentum und Besitz – sie durchzieht Eichhorns künstlerische Arbeit wie ein roter Faden, ebenso Begriffe wie Arbeit, Wert und Zeit. Ihrer Zeit voraus war – aus heutiger Sicht – Eichhorns Ausstellung "5 weeks, 25 days, 175 hours" (2016) in der gemeinnützigen Chisenhale Gallery in London. Für die Laufzeit der Schau gab sie den Angestellten frei - nachdem sie bei einem Symposium über deren Arbeitsbedingungen diskutiert hatte. Die Gehälter wurden weiterbezahlt, doch blieben die Türen zu, Anrufe unbeantwortet und Mails wurden gelöscht. "Es gibt nichts zu sehen, aber viel zum Nachdenken", notierte der englische Kritiker Adrian Searle in der Zeitung "Guardian".

Gespannt sein darf man nun auf Eichhorns Beitrag für Venedig - er könnte politisch werden: Denn an der Geschichte des Pavillons als Repräsentationsbau der Nazis haben sich schließlich schon viele Künstler vor ihr abgearbeitet. Hans Haacke etwa, Konzeptkünstler wie sie, kassierte 1993 den Goldenen Löwen der Biennale, als er den Marmorfußboden aufhacken ließ, um an Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer" zu erinnnern. Wie Haacke ist sie der Meinung, dass der Pavillon "historisch betrachtet als Mahnmal erhalten blieiben sollte", so Eichhorn auf der Website des deutschen Pavillons.

Kunst auf fruchtbarem Boden

Nicht zufällig ist sie sich da einig mit Kurator Yilmaz Dziewior, dem Direktor des Kölner Museums Ludwig. In der Tradition künstlerischer Beiträge, die auf die Geschichte des Gebäudes abhoben, lobt Dziewior im DW-Gespräch zwei als besonders gelungen: Hans Haacke und Anne Imhof mit ihrer ebenfalls preisgekrönten "Faust"-Installation von 2017.

Der aufgebrochene Marmorboden des Deutschen Biennale-Pavillons.

Der Künstler Hans Haacke brach 1993 den Marmorboden des deutschen Biennale-Pavillons auf und stellte den Schutt aus.

Als künstlerische Repräsentantin Deutschlands will sich Eichhorn gleichwohl nicht vereinnahmen lassen: "Künstler und Künstlerinnen sind aus meiner Sicht nicht die Stellvertreter und Stellvertreterinnen eines Landes", erklärt sie im Gespräch mit Dziewior, "sondern repräsentieren eine bestimmte Haltung, eine bestimmte Denk- und Handlungsweise in Bezug zur gegebenen Situation." Dziewior lobt Eichhorn, die an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt, indes für ihre Mischung aus "feinsinnigem Humor" und ″konzeptueller Vorgehensweise".

Ihre Arbeit fällt bei Preisjurys und Museumsleuten auf fruchtbaren Boden: So wurde sie 2002 mit dem Arnold-Bode-Preis ausgezeichnet, in diesem Jahr erhält sie den Käthe-Kollwitz-Preis. In großen Ausstellungen, auch in renommierten Museen, war sie vertreten: am Lenbachhaus in München und im Museum Ludwig in Köln ebenso wie im Stedelijk Museum in Amsterdam, dem Centre Pompidou in Paris oder im San Francisco Museum of Modern Art. An der documenta in Kassel nahm sie 2002 und 2017 teil. Bei der Biennale in Venedig war sie dreimal mit Werken zu sehen.

Ihr Beitrag für den Deutschen Pavillon solle "zugänglich" sein, versichert die Künstlerin auf der Website des Deutschen Pavillons, und zwar "gedanklich" wie auch "vor Ort körperlich" erfahrbar. "Nicht meine Person, sondern meine Arbeit soll im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Ich mache meine Arbeit und trete dann zurück."