Keine Ruhe für Daphne Caruana Galizia | Europa | DW | 16.10.2018
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Mord an Journalistin

Keine Ruhe für Daphne Caruana Galizia

Ihre Arbeit war schon zu ihren Lebzeiten umstritten. Ein Jahr nach der Ermordung der Bloggerin Daphne Caruana Galizia führt nun auch das Gedenken an sie zu Diskussionen in Malta - einem Land, das höchst polarisiert ist.

Bei seinem Spaziergang durch das Zentrum Vallettas bleibt Raymond an der improvisierten Gedenkstätte für die bekannte Bloggerin Daphne Caruana Galizia stehen. Die Journalistin wurde vor einem Jahr durch eine Autobombe getötet. "Wir sind froh, dass wir jemanden wie sie hatten", sagt Raymond. "Menschen wie sie - okay, sie sind nicht perfekt - aber nicht jeder kann so recherchieren."

Ganz in der Nähe fegt ein Stadtangestellter den Platz. Die Touristenmassen, die sich eben noch hier hindurchschoben, haben sich mittlerweile aufgelöst; auch die Künstler, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten, haben ihre Sachen gepackt und sind verschwunden. Der Alltag in Valletta funktioniert in gewohntem Rhythmus weiter, auch wenn die Gedenkstätte sich seit Monaten jeden Tag verändert.

Bilder, Kerzen und Blumen liegen auf dem Boden (Foto: DW/D. Repeckaite)

Bilder, Kerzen, Blumen: All dies liegt an der Gedenkstätte für Daphne Caruana Galizia

Ein Jahr lang haben die Malteser hier ihren Politikern ins Gewissen geredet, ein Jahr lang gab es jeden Monat Demonstrationen, ein Jahr lang immer wieder Enthüllungen, vor allem in den italienischen Medien - doch all das hat die Insel nicht viel näher an die Wahrheit über die Drahtzieher des Mordes an Caruana Galizia gebracht, auch wenn drei Verdächtige mittlerweile verhaftet wurden. 

Die Gedenkstätte direkt vor dem Gericht ist indes zu einem Zankapfel geworden, weil erbittert gestritten wird, wie an die ermordete Journalistin erinnert werden soll. Schließlich hatte sie zu Vetternwirtschaft, Korruption und allem recherchiert, das ihrer Meinung nach einen faden Beigeschmack in der Nähe der Mächtigen hatte.

Journalisten sprechen für die ermordete Kollegin

Drei Tage nach der Ermordung Caruana Galizias versammelten sich maltesische Journalisten in der Nähe des Parlaments. Sie machten deutlich: Sie werden nicht schweigen. Sie marschierten in Richtung des Gerichts, wo 26 der 28 Bombenexplosionen seit 2003 ungelöst anliegen.

Demonstranten in Valletta (Foto: DW/D. Repeckaite)

Demonstranten gedenken Caruana Galizia am Denkmal in Valletta im April

Der Fuß des Antonio Sciortino-Denkmals, das der Gefallenen während der osmanischen Belagerung von Malta im Jahr 1565 gedenkt, wurde unterdessen zu Caruana Galizias Gedenkstätte umfunktioniert. Die Journalistin nannte die Belagerung einst ein überbewertetes "Nicht-Ereignis". Dutzende Menschen versammeln sich dort jeden Monat und fordern eine faire und transparente Untersuchung - nicht nur zum Mord selbst, sondern auch zu Vetternwirtschaft und Korruption.

Touristen gedenken Caruana Galizia

Das Denkmal ist mit farbenfrohen Blumen und Kerzen übersät. Es ist damit der Ort, an dem ausländische Kamerateams ihre Bilder bekommen, wenn sie über den Fall berichten. Hunderte Touristen passieren jeden Tag die Gedenkstätte. "Wir haben erst von dem Mord erfahren, als wir unseren Urlaub nach Malta geplant haben", sagt Douglas, ein britischer Tourist. Mit seiner Partnerin Kat hat er vor dem behelfsmäßigen Denkmal Halt gemacht, bevor sie die nahe gelegene Kathedrale besuchen wollen. Sie können sich nicht erinnern, von dem Fall in den britischen Nachrichten gehört zu haben. Jetzt wollen sie aber mehr erfahren.

Allerdings ist nicht jeder glücklich über diesen neuen touristischen Anziehungspunkt in Malta. Obwohl Aktivisten bei Gedenkveranstaltungen behaupten, überparteilich zu sein, sprechen immer wieder Persönlichkeiten der nationalistischen Oppositionspartei "Partit Nazzjonalista" auf dem Podium. Mehrere Regierungsbeamte sprachen sich aber schon gegen das Denkmal an dieser gut sichtbaren Stelle aus.

Sichtschutz statt Gedenken

Als das jährliche Gedenken an die Belagerung durch das Osmanische Reich am 8. September näher rückte, wurden alle Gegenstände für Caruana Galizia vom Denkmal entfernt. Der Platz werde für offizielle Kränze benötigt, so die Begründung. Aktivisten bauten die Gedenkstätte allerdings prompt wieder auf. Die nationale Agentur für Kulturerbe "Heritage Malta", die zuständig für die Denkmäler ist, hat die Gedenkstätte seitdem mit einem riesigen Sichtschutz verhüllt - angeblich wegen Restaurierungsarbeiten.

Doch ein Journalist des kirchlichen Nachrichtenportals "Newsbook" filmte Arbeiter, wie sie Transparente, Blumen und Kerzen wegräumten. Einer von ihnen versuchte, den Journalisten wegzustoßen - der Fall wurde der Polizei übergeben.

Das verhüllte Denkmal (Foto: DW/D. Repeckaite)

Im September war das Denkmal zeitweise verhüllt

Der Aktivist, Blogger und frühere nationalistische Politiker Manuel Delia spricht jeden Monat auf den Versammlungen für Caruana Galizia. Er hängt auch immer wieder Plakate ans Denkmal. Mittlerweile hat Delia sogar Verfassungsklage eingereicht, nachdem Erinnerungsstücke 17-mal weggeräumt wurden. Nach seiner Ansicht verstößt das gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Mitglieder des Netzwerks "Civil Society Network", das hinter den Gedenkveranstaltungen für Caruana Galizia steht, haben auch andere Denkmäler auf Malta mit T-Shirts geschmückt, auf denen Worte der Journalistin stehen - nur um mit ansehen zu müssen, wie sie wieder verschwinden.

Ordnung muss sein

"Wenn Menschen ein Zeichen setzen, räumen sie den Platz danach eigentlich auch wieder auf, wenn sie ihre Botschaft deutlich gemacht haben", sagte dazu Minister Owen Bonnici kürzlich maltesischen Medien. "Wenn sie das nicht machen, sind wir dazu gezwungen, selbst aufzuräumen."

Da Bonnicis Zuständigkeitsbereich die Justiz, Kultur und Kommunalverwaltung umfasst, fallen alle Angelegenheiten zum Gedenken an Daphne Caruana Galizia in seinen Beritt: von Gerichtsverfahren und dem Kampf gegen Korruption über die Diskussion um ein kulturelles Erbe bis hin zu Reinigungsaktionen im öffentlichen Raum.

Gedenkstätte mit Schriftzug Justice in Feld (Foto: DW/D. Repeckaite)

Eine Gedenkstätte gibt es auch an dem Feld, wo Caruana Galizias Auto explodierte

Die Erklärungen der Beamten, warum das Denkmal wiederholt geräumt oder blockiert wurde, haben die Kritiker nicht zufriedengestellt. "In einem normalen Land würde die Regierung versuchen, die Debatte zu fördern - und nicht die Diskussion abwürgen. In einem normalen Land dürften wir protestieren und unsere Stimmen dürften gehört werden - ohne Angst vor Gerichtsverfahren oder Belästigungen", erklärte Pia Zammit bei einer Demonstration im Frühling. Sie ist Schauspielerin und war einmalig als Unterstützerin für die nationalistische Partei unterwegs. "Aber Malta ist kein normales Land."

Viel Lärm um Nichts?

Aber nicht alle unterstützen diese Kritik. "Sie machen einen großen Aufstand. Diese Leute wollen Malta beschmutzen. Das Denkmal über die osmanische Belagerung ist ein Teil unserer Geschichte, Teil unseres Erbes", sagt eine der Künstlerinnen, die das Tauziehen um das Denkmal in Valletta jeden Tag beobachtet. Dann deutet sie ein paar Meter weiter: "Hier ist ein Baum - man kann ein Denkmal für Frau Galizia auch hier einrichten und es sagt das gleiche aus."

Die Künstlerin will ihren Namen nicht öffentlich machen, sie hat Angst, erkannt zu werden. "Wenn es meine Mutter oder meine Schwester wäre, würde ich vor den Regierungsgebäuden demonstrieren oder vor der Polizeistation. Ernsthaft, es eine Tragödie für Malta", sagt sie mitfühlend, auch wenn sie zugibt, nicht immer mit Caruana Galizia einer Meinung gewesen zu sein. In Maltas höchst polarisierter Gesellschaft bleibt Daphne Caruana Galizias Andenken auch ein Jahr nach ihrer Ermordung genauso umstritten wie ihre Arbeit selbst.

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