Malessa: Kenntnisreich und mit Humor gegen Luther-Legenden | Bücher | DW | 31.10.2016
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Malessa: Kenntnisreich und mit Humor gegen Luther-Legenden

Beinahe 499 Jahre sind seit der Reformation Martin Luthers vergangen - ein lange Zeit, in der sich zahlreiche Irrtümer über den Reformator bilden konnten. Über die wichtigsten klärt Theologe Andreas Malessa auf.

DW: Herr Malessa, zum 500. Reformationsjubiläum präsentieren Sie das Buch "Hier stehe ich, es war ganz anders", in dem Sie Irrtümer über Luther beseitigen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Malessa: Ich bin darauf gekommen durch in Gesprächen zitierte Halbwahrheiten oder lustige Legenden. Beispiele: Luther war abergläubisch, Luther stammte aus ärmlichen Verhältnissen, er war möglicherweise alkoholkrank, er hat heimlich geheiratet, er hatte keine Lust, das Alte Testament der Bibel zu übersetzen. Das alles ist nicht haltbar wenn man die von seriösen Historikern und Kirchengeschichtlern geschriebenen Biografien liest. Dann habe ich gedacht: Recherchier' mal und dann machst du ein humorvolles, aber wissenschaftlich gesichertes Buch darüber.

Wie viele größere Irrtümer und Mythen über Luther gibt es denn?

Viele - vierundzwanzig hab ich jetzt mal aufgelistet, etwa wenn Leute sagen, die Reformation hat mit Luthers Ärger über den Ablass begonnen. Nein, er selber war katholischer Priester, hat zunächst bedenkenlos und gerne Ablass, also Minderung von Sündenstrafe im Jenseits zugesagt. Er war ein Seelsorger in der Denkweise seiner Zeit und hat lediglich etwas dagegen gehabt, dass man diese Verminderung der Sündenstrafen im Fegefeuer käuflich erwerben kann.

Schon der Titel Ihres Buchs, den ich sehr gelungen finde, spricht einen der Irrtümer an. Ich kannte das Luther-Zitat so: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." Wer hat denn da was dazwischen gemogelt?

Die nachträgliche Legendenbildung. Kaiser Karl V. lädt Luther zum Reichstag nach Worms ein. Am 18. April 1521 steht er dort vor den versammelten Fürsten und Repräsentanten des Vatikan und soll seine Thesen widerrufen. Und dann hält er eine lange Rede, in der er auf die einzelnen Vorwürfe eingeht. Die wird übrigens akribisch protokolliert, denn was er da sagte, war ja gerichtsverwertbar. Es ist ziemlich genau überliefert, was er dort gesagt hat, nämlich sinngemäß: Ich widerrufe nicht. Es ist nicht richtig, gegen sein Gewissen zu handeln. Das ist an die Bibel gebunden und entspricht auch der Vernunft. Deshalb kann ich nicht widerrufen. Und dann sagt er zum Schluss: "Hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen." Er musste dann seine Weigerung, zu widerrufen, noch mal auf Latein halten. Da habe ich mir dann erlaubt, scherzhaft hinzuzufügen, "Wahrscheinlich hat er danach gesagt: "Hier stehe ich, ich kann jetzt nicht mehr."

Ein anderer vermeintlicher Irrtum - hat Luther denn tatsächlich seine 95 Thesen an eine Wittenberger Kirchentür genagelt?

Das ist wahrscheinlich Unsinn. Es gibt 300 Aufsätze darüber, ob er die Thesen tatsächlich an die Tür genagelt hat oder ob er sie an die beiden für den Ablasshandel zuständigen Bischöfe geschickt hat. Ich bin der Meinung, er hat letzteres getan, weil er sagte, es darf doch nicht wahr sein, dass sich der Ablass-Prediger Johann Tetzel auf die Marktplätze stellt und sagt: Spende etwas für den Petersdom, zeige die Quittung dem lieben Gott, dann brauchst du weder bereuen, noch beichten, noch büßen. Damit wird ja die gesamte Vergebungs- und Erlösungslehre der Kirche ausgehebelt und Gottes Gnade käuflich. Das gewichtigste Argument gegen das Plakatieren ist aber, dass Luther diese schon zu Lebzeiten erkennbar weitreichendste Großtat seines Leben nie selber erwähnt hat.

Was ich in Ihrem Buch vermisse, ist die Empfehlung Luthers über die Häufigkeit des ehelichen Beischlafs. Wissen Sie, ob er tatsächlich empfohlen hat: "In der Woche zwei bis vier, schadet weder ihm, noch ihr"?

Deutschland Doppelporträt von Martin Luther und seiner Frau Katarina von Bora Lucas Cranach der Ältere (picture alliance/dpa/D. Karmann)

Gemälde: Martin Luther und Katharina von Bora

Das ist ein lutherisches Maß des ehelichen Geschlechtsverkehrs, auf das Paare des 21. Jahrhunderts - beide berufstätig und gestresst - vermutlich nie kommen. Ja, das hat er wohl empfohlen, wobei unklar ist, ob er oder seine Frau Katharina das gesagt hat. Die beiden waren ziemlich deutlich. Luther konnte in seinen Liebesbriefen ganz romantisch sein: "Meinem Herrn Käthe zu Händen und Füßen. Nicht um Frankreichs und Venedigs willen würde ich meine Käthe hergeben, denn Gott hat mir eine Frau geschenkt, deren Segnungen soviel größer sind als ihre Schwächen." Er hat aber auch gesagt: "Gebe es Gott, dass ich vor dem Wintereise nach Wittenberg komme, so wollte ich euch stoßen, dass es kracht." Das ist ziemlich deutlich. Andere Luther-Zitate, gerade, wenn sie ein bisschen vulgär sind, sind nach meiner Einschätzung auch Früchte von 500 Jahren Stammtischgespräche über Luther.

500 Jahre sind ja eine lange Zeit, um Legenden über Luther zu spinnen und Stoff gab es ja genug.

Ja, als Luther 1546 stirbt, ist schon klar, welche Lawine er losgetreten hat in puncto Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Toleranz, Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott. Luther hat ja vieles ausgelöst, von dem er nicht wusste, was daraus mal wird. Man könnte sogar spöttisch sagen: Luther hat die katholische Kirche nicht reformiert und die evangelische Kirche nicht gegründet, weil alles erst posthum entstand. Aber das hinderte seine Gefolgsleute und Fans nicht daran, ihn nachträglich kräftig mit Legenden und nachträglich in den Mund gelegten Zitaten auszustatten.

Ihr Buch ist inzwischen mehr als 20.000 Mal über die diversen Ladentheken gegangen - beachtlich für ein religionsthematisches Buch. Welche Reaktionen sind denn so zu Ihnen zurückgekommen?

Zu meinem großen Erstaunen bisher noch keine einzige richtig heftige Kritik. Ich glaubte, wenn sich einer erdreistet, die wissenschaftliche Diskussion nur aus Sekundärliteratur zu kolportieren, dann bekommt der garantiert nach der ersten Auflage von irgendeiner Koryphäe was auf den Hut. Das ist ausgeblieben. Stattdessen werde ich zu Veranstaltungen und Lesungen eingeladen und überall sagen die Zuhörern: Das wird endlich mal so erzählt, dass ich es verstehe. Ich bin ganz überrascht.

Das Gespräch führte Klaus Krämer

Andreas Malessa (*1955) ist evangelischer Theologe, Hörfunk- und Fernsehautor für mehrere ARD-Anstalten, TV-Moderator, Buchautor und Songschreiber. Zuletzt hat der das Musical "Amazing Grace" verfasst.

Sein Buch "Hier stehe ich, es war ganz anders – Irrtümer über Luther (188 S. gebunden) ist beim SCM Verlag erschienen. ISBN 978-3-7751-5610-3, Bestell-Nr. 395.610

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