Machtvakuum bei Thyssenkrupp | Aktuell Deutschland | DW | 17.07.2018
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Industrieriese

Machtvakuum bei Thyssenkrupp

Der angekündigte Rücktritt von Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner hat weitreichende Konsequenzen: Es droht eine Zerschlagung des Dax-Konzerns. Jetzt sind gute Ideen der Chefin der Krupp-Stiftung gefragt.

Die Großaktionäre machen weiter Druck und auch an den Börsen wird nun über den Verkauf von Konzernanteilen spekuliert: So legte die Thyssenkrupp-Aktie um acht Prozent hinzu, nachdem sie jahrelang vor sich hindümpelte. Zusammen mit dem kürzlich schon ausgeschiedenen Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte sich Aufsichtsratschef Lehner gegen eine Zerschlagung des deutschen Industrieriesen mit seinen 160.000 Mitarbeitern gewehrt. Mit ihrem Abgang seien zwei Säulen der bisherigen Strategie weggefallen, sagen Analysten.

Das spielt den Investoren in die Hände, die vor allem auf eine schnelle Rendite setzen. Sie könnten das Machtvakuum im Aufsichtsrat nutzen, um eine aggressive Restrukturierung des Unternehmens voranzutreiben. Genau davor hatte Lehner immer wieder gewarnt. Er habe das notwendige Bewusstsein bei allen Beteiligten schaffen wollen, "dass eine Zerschlagung des Unternehmens und der damit verbundene Verlust von vielen Arbeitsplätzen keine Option darstellt - weder im Sinne des Stifters noch im Sinne unseres Landes."

Thyssenkrupp in der Zerreißprobe

Dagegen beharrt der schwedische Großaktionär Cevian auf einem Umbau des kriselnden Unternehmens. Thyssenkrupp müsse herunter "von unverhältnismäßig hohen Kosten und Bürokratie". Nur so könnten die Sparten "nachhaltig erfolgreich sein, sagte Cevian-Gründer Lars Förberg.

SPD-Wirtschaftspolitiker Bernd Westphal warnt derweil vor einer Auflösung der Konzernstrukturen bei Thyssenkrupp: "Bei einer Zerschlagung wären Arbeitsplätze in Gefahr." Er fordert die Krupp-Stiftung auf, eine belastbare Strategie für das deutsche Traditionsunternehmen zu entwickeln.

Welchen Einfluss hat die Krupp-Stiftung noch?

Ins Zentrum des Geschehens rückt deshalb immer mehr Stiftungschefin Ursula Gather. Sie wies jetzt Spekulationen zurück, die Nachfolge von Ulrich Lehner antreten zu wollen. Die Stiftung werde den Auftrag, "die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren, auch weiterhin verantwortlich wahrnehmen", sagte sie. Gather werde in konstruktiver Zusammenarbeit mit den Vertretern des Kontrollgremiums an der Neubesetzung des Postens mitwirken, teilte die Stiftung mit.

Deutschland Ursula Gather (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Ursula Gather ist seit 2013 Chefin der Krupp-Stiftung

Gather dankte Lehner, der seinen Rücktritt aus dem Gremium mit einer mangelnden Unterstützung durch die großen Aktionäre begründet hatte. "So sehr die Krupp-Stiftung seine Entscheidung respektiert, so sehr bedauern wir sie - gerade im gegenwärtigen Moment." Die Stiftung ist größter Einzelaktionär bei Thyssenkrupp mit 21 Prozent, gefolgt von Cevian mit 18 Prozent.

Lehner unterstellt Großaktionären "Psychoterror"

Der scheidende Aufsichtsratschef Lehner hatte in der vergangenen Woche seinem Ärger über die Großaktionäre von Thyssenkrupp - Cevian und den US-Hedgefonds Elliott - in der Wochenzeitung "Die Zeit" Luft gemacht: "Wir sprechen nicht nur in der Hauptversammlung, sondern in vielen Treffen mit unseren Aktionären. Bedauerlicherweise beschreiten einige aber auch andere Wege, die teilweise schon als Psychoterror bezeichnet werden könnten", ließ sich Lehner in dem Blatt zitieren.

Cevian und Elliott wollen den Konzern auf Rendite trimmen und die Gesamtstruktur reformieren. Die Investoren setzen sich für einen Verkauf der Aufzugssparte ein, der Ertragsperle des Unternehmens. Thyssenkrupp ist zudem noch im Stahl-, Autoteile- und U-Bootgeschäft aktiv.

Auch Arbeitnehmervertreter befürchten eine Zerschlagung des 1999 aus Thyssen und Krupp fusionierten Unternehmens, dessen Wurzeln über 200 Jahren zurückreichen. "Es ist nun die Aufgabe der Hauptaktionäre, insbesondere der Krupp-Stiftung, das Unternehmen gemeinsam weiterzuentwickeln", sagte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath - es gehe um Tausende Arbeitsplätze. Nach der Stahlsparte müssten auch die übrigen Bereiche zukunftssicher aufgestellt werden. "Eine Zerschlagung des Konzerns darf es nicht geben."

nob/rb (rtr/dpa)