Machtgerangel in Asien | Politik | DW | 16.04.2005
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Politik

Machtgerangel in Asien

Streit um Schulbuch

Angeheizt wurden die territorialen Streitigkeiten durch die provokante Entscheidung Tokios, ein von nationalistischen Autoren zusammengestelltes Schulbuch zuzulassen, das die japanischen Kriegsverbrechen verharmlost. Kritisiert wird vor allem, dass in dem Buch niemals der Begriff "Invasion" für die Besetzung weiter Teile Asiens durch die japanische Armee genannt wird. Und dass ausgerechnet am Totengedenktag, an dem Chinesen die Gräber säubern und der vielen Millionen Kriegsopfer gedenken, ein solches Schulbuch genehmigt wurde, das unter anderem das von den Japanern verübte Massaker von Nanjing mit bis zu 300.000 Toten als "Zwischenfall" beschönigt, trieb die Empörung auf die Spitze. Denn die Einnahme der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanjing im Dezember 1937 gilt als besonders grauenvoll. Historiker sprechen von einer "Orgie von Plünderungen und Massenhinrichtungen".

Japanische Soldaten in China zweiter Weltkrieg Schanghai

Japanische Soldaten in Schanghai im Zweiten Weltkrieg



Neben dem Massaker von Nanjing werden Japan vor allem Kriegsverbrechen an Frauen in den besetzten Ländern vorgeworfen. Bis zu 200.000 Frauen sollen in Korea, China und auf den Philippinen verschleppt worden seien. Diese so
genannten Trostfrauen mussten den japanischen Soldaten in Bordellen zu Diensten sein.

Kein Wort für "Vergangenheitsbewältigung"

Japan Premierminster, Junichiro Koizumi Yasukuni Schrein

Japans Premierminister, Junichiro Koizumi, besucht den Yasukuni Schrein

Tief sitzt bei den Nachbarn der Zorn darüber, dass sich Japan bis heute nicht angemessen für seine Invasion und Gräueltaten entschuldigt hat. Der sorglose Umgang mit der schuldbeladenen Geschichte ist nicht dazu angetan, bei den Nachbarn Vertrauen zu wecken. Bislang verfolgten die Nachbarn mit hilfloser Empörung, wenn Tokio etwas instinktlos die eigenen nationalistischen Kreise bedient, indem es geschichtsverzerrende Geschichtsbücher zulässt oder die territoriale Ansprüche herauskehrt. Oder wenn die japanischen Regierungschefs den Tokioter Yasukuni-Schrein besuchen, wo auch japanische Kriegsverbrecher verehrt werden.

Zwar gibt es auch in Japan kritische Stimmen. Doch es findet keine grundsätzliche politische Auseinandersetzung statt. Auf Betreiben der Amerikaner wurde Kaiser Hirohito nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zur Rechenschaft gezogen - so konnte gewissermaßen auch alle anderen keine Schuld treffen, abgesehen von einer Handvoll Sündenböcke, die "der Siegerjustiz zum Opfer fielen". Bezeichnenderweise gab es bis 1992 im Japanischen gar kein Wort für "Vergangenheitsbewältigung". Vielmehr wurde es mit "kako no kokufuku" umschrieben, was soviel wie "Vergangenheitsüberwindung" bedeutet. Wahrscheinlich, weil sich die meisten Japaner gar nicht vorstellen konnten, dass die Vergangenheit bewältigt werden muss.

Peking strebt nach Vormachtstellung

Hinter den alten Streitigkeiten stehen aber vor allem ganz aktuelle Konfliktlinien, die für die Zukunft der gesamten Region bestimmend sein werden. Mit Misstrauen beobachtet heute Peking, wie Ministerpräsident Junichiro Koizumi - auch auf Drängen der Schutzmacht USA - eine stärkere militärische Rolle Tokios auf internationaler Ebene anstrebt und damit den nationalistisch-konservativen Kreisen schmeichelt. Oder wie sich Tokio für Taiwan zuständig sieht und die Volksrepublik China als militärische Bedrohung beschreibt.

Militärmanöver in China

Militärmanöver in China

Getragen vom wirtschaftlichen Erstarken und massiver Aufrüstung fühlt sich Peking stark genug, in der ostasiatischen Nachbarschaft immer unverblümter seinen Vormacht-Anspruch anzumelden. Ermuntert von amerikanischer Zurückhaltung und zahllosen Ergebenheitsgesten aus Europa - nicht zuletzt vom Bundeskanzler - bekommt nun Japan die diplomatische Hemdsärmeligkeit der Chinesen zu spüren, denn Tokios strategischer Abschied vom Staatspazifismus ist in Peking mit großem Unmut registriert worden. Und die Ansprüche auf Inseln und Bodenschätze im Meer dienen China als Beweis für Japans anhaltende Expansionsgelüste.

Japan als Verlierer?

Die alten Streitereien werden also instrumentalisiert, in Südkorea, um das politische Überleben des Präsidenten zu sichern und in China, um die politische Vormachtstellung zu wahren. Und der Nationalismus füllt das ideologische Vakuum, das der Kommunismus hinterlassen hat. Doch trotz der Differenzen sind die Nachbarn wirtschaftlich so eng miteinander verflochten, dass es keinen Gewinner einer Konfrontation geben würde.

Aber einen klaren Verlierer. Nämlich Japan. Mit aller Macht will sich China als einzige asiatische Macht des 21. Jahrhunderts behaupten. Entsprechend wird der Wunsch Japans, einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhalten und damit zu den fünf "Großen" aufzusteigen, vermutlich an den chinesischen Vorbehalten scheitern.

Auf lange Sicht aber kann Japan erst dann in einem partnerschaftlichen Miteinander mit seinen Nachbarn leben, wenn es seine Vergangenheit aufarbeitet und eine überzeugenden Entschuldigung für die begangenen Gräueltaten ausspricht. Doch davon ist Tokio noch weit entfernt.

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