Müllverbrennung in Deutschland: Entsorgung mit Risiken? | Wissen & Umwelt | DW | 28.10.2019
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Wissen & Umwelt

Müllverbrennung in Deutschland: Entsorgung mit Risiken?

In Deutschland steigen die Recyclingquoten, gleichzeitig wird aber auch mehr Müll verbrannt. Die Stoffe, die dabei freigesetzt werden, sind hochgiftig. Der Abfall vom Abfall landet auch auf deutschen Straßen.

Pro Jahr produziert jeder Deutsche laut dem Bundesumweltamt rund 600 kg Haushaltsmüll. Dazu gehören Papier, Glas, Biomüll und natürlich Verpackungsmüll, heißt vor allem Kunststoff.

Zwar ist Deutschland laut Eurostat Spitzenreiter in Sachen Recycling und man nimmt die Trennung von Glas, Papier, Restmüll und recycelbarem Plastikmüll sehr genau — trotzdem setzt man hierzulande im großen Stil auf Müllverbrennung.

Die offizielle Recyclingquote von Hausmüll liegt bei fast 70%. "Davon wird aber längst nicht alles wiederverwendet", sagt Michael Jedelhauser vom Naturschutzbund (NABU) gegenüber der DW. Die Quote bezieht sich lediglich auf die bei den Recyclinganlagen angelieferte Ware – nicht auf das, was damit passiert.

Deutschland verbrennt mehr Müll als dass es Altes zu Neuem recycelt. Wie das Marktforschungsunternehmen Conversio in einer Studie herausstellt, fließen nur rund 16% des im Hausmüll anfallenden Kunststoffes in neue Produkte. Der Rest wird ins Ausland exportiert oder in Deutschland verbrannt und in Wärmeenergie oder Strom umgewandelt. Verschwunden ist der Müll deshalb noch nicht.

Infografik Die Müllpyramide DE

Was bleibt sind Aschen, Metalle und krebserregende Gifte

"Es wird sehr häufig davon gesprochen, dass die Verbrennung eine saubere Technologie ist und am Ende gar kein Abfall entsteht. Das ist mitnichten der Fall", sagt Thomas Fischer Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe gegenüber der DW.

Abfall vom Abfall entsteht tatsächlich - und der ist hoch giftig. Durch die Verbrennung werden krebserregende Stoffe wie Dioxine und Furane freigesetzt, auch belastete Stäube und Aschen fallen an. Sie enthalten Stoffe "die bereits mit Krebs, Atemwegserkrankungen, Nervenkrankheiten und Geburtsdefekten" in Verbindung gebracht wurden, heißt es im in diesem Jahr erschienen Plastikatlas der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Die Müllverbrennungsanlagen in Deutschland laufen derweil auf Hochtouren und sind beinahe komplett ausgelastet. Sechsundsechzig Müllverbrennungsanlagen und 32 Ersatzbrennstoffanlagen - das können Zementwerke oder Kohlekraftwerke sein . verbrannten 2018 mehr als 26 Millionen Tonnen Müll. Laut Branchenexperten ist die Tendenz steigend. 

Infografik Karte Müllverbrennungsanlagen Deutschland DE

"Wenn man die Abfallimporte herausrechnet, dann haben wir Verbrennungsüberkapazitäten und das Ziel muss eigentlich sein, Abfälle zu vermeiden und wenn sie unvermeidbar sind, sind sie hochwertig zu recyceln", so Fischer. "Die Abfallverbrennung kann nur ein Notnagel für nicht recyclingfähige oder gefährliche Abfälle sein."

In den 1980er und 90er Jahren war die Debatte um Müllverbrennung auch wegen der hohen Luftemissionen ein Streitthema. 

Nachhaltige Müllverbrennung – geht das überhaupt?

"Luftbelastung durch Abfallverbrennung ist heute bei modernen Anlagen eigentlich kein Thema mehr," sagt der Chemiker und Nachhaltigkeitsberater Dr. Henning Friege. "Müllverbrennung und Gesundheit, diese Probleme sind seit Mitte der 1990er Jahre technisch gelöst." 

Mehr dazu: Wohin mit giftigem Müll?

Deutschland Altreifen werden geschreddert als Sekundärbrennstoff für die Zementproduktion

Altreifen werden geschreddert und als Brennstoff für die Zementproduktion verwendet

Tatsächlich konnten durch verbesserte Filtertechniken die Luftemissionen seit 1990 erheblich auf wenige Prozent gesenkt werden. Dass der Schadstoffausstoß deshalb unbedenklich sei, will Fischer nicht so stehen lassen und verweist auf Langzeitablagerungen in der direkten Umgebung. 

Anders sieht das der Interessenverband der Müllverbrenner in Deutschland ITAD. Müllverbrennung ist "sicher, sauber und nachhaltig" heißt es im Jahresbericht der Organisation, die sich als Teil der Kreislaufwirtschaft versteht.

"Waste-to-Energy" ist das Stichwort dafür. Strom und Wärmeenergie aus der Müllverbrennung gewinnen. Laut ITAD wurde so im vergangenen Jahr Strom in der Größenordnung eines mittleren Kohlekraftwerks erzeugt.

Betrachtet man den Ausstoß von CO2 ist die Verbrennung von gemischtem Müll laut der staatlichen US-amerikanischen Environmental Protection Agency klimafreundlicher als beispielsweise das Verbrennen von Kohle oder Öl. Gaskraftwerke emittieren allerdings weniger CO2.

Infografik CO2 Ausstoß pro mWh DE

Verfechter einer Kreislaufwirtschaft, wie Thomas Fischer halten davon nichts. "Die meiste Energie, die in die Herstellung beispielsweise von Kunststoffen reingesteckt worden ist, verpufft sinnlos."

Der giftige Restabfall kommt in Bergwerke oder auf die Straße

Was aus den Schornsteinen kommt ist eine Sache, was am Ende der Verbrennung übrigbleibt, eine andere. Jährlich müssen 350.000 Tonnen der giftigen Filterstäube unter hohen Sicherheitsbedingungen in Salzlösungen verflüssigt und dann in einem der Stollen im Bergwerk Bleicherode in Thüringen vergraben werden. 

Hinzukommen fünf Millionen Tonnen sogenannter Schlacken - feste Bestandteile, am Ende der Prozesskette. Eine Millionen Tonnen wurden davon allein im vergangenen Jahr in Deutschland als Ersatzbaustoff in Lärmschutzwällen und im Straßenbau verwendet. 

Im Nachbarland Schweiz ist das undenkbar. Dort ist die Verbauung von Schlacken strengstens verboten.

"Wir als Schweizer können nur den Kopf darüber schütteln, dass man das immer noch benutzen darf im Straßenbau", sagt Prof. Rainer Bunge für Erneuerbare Energien und Umwelttechnik von der Hochschule für Technik Rapperswil. 

Straßenbau Deutschland (imago/Jochen Tack)

Im Straßenbau werden die Schlacken anstatt von Kies als Basis unter der Fahrbahn verwendet.

Zwar werden in Deutschland vor der Verwendung der Schlacken als Ersatzbaustoff ein Großteil der Giftstoffe und Schwermetalle zur Wiederverwertung herausgefiltert, ein Rest bleibt aber enthalten. Das Risiko, das sie früher oder später in die Umwelt freigesetzt werden "ist zwar gering, aber es ist da", sagt Bunge.

In der Schweiz verwahrt man alle Reste aus der Müllverbrennung auf abgeschlossenen Deponien, nachdem rund ein drittel mehr Schadstoffe und Metalle als in Deutschland heraus extrahiert wurden. "Was wir machen das ist zwar teurer aber dadurch, dass wir die Metalle rausholen, ist der ökologische Nutzen hoch. Die Alternative, sie im Straßenbau völlig unkontrolliert einzusetzen, halte ich für sehr bedenklich", so Bunge weiter gegenüber der DW.

Schlacke als Baustoff billiger als auf der Deponie

Die deutsche Gesetzgebung ist dahingehend toleranter, hier ist lediglich die Nutzung der Schlacke in der Nähe von Wasserschutzgebieten verboten.

Schlacke als Baustoff hat nicht den besten Ruf in der Baubranche. Die Kosten für das Herausfiltern der Stoffe decken sich nicht mit dem niedrigen Marktpreis, weshalb Aufbereitungsfirmen pro Tonne im Schnitt sogar rund fünf Euro Verlust machen. "Daran sieht man schon, dass es eigentlich kein Wertstoff, sondern Abfall ist", so Bunge gegenüber der DW.

Trotzdem lohnt sich das Geschäft für die Aufbereitungsfirmen. Denn die Schlacke als Baustoff zu verkaufen, ist immer noch billiger als mehr Metalle herauszufiltern und die Schlacke dann auf einer Deponie zu lagern. Das würde ungefähr 18 Euro pro Tonne kosten, rechnet Bunge in einer seiner eigenen Berichte vor.  

Müllverbrennungsanlage in Oberhausen

Selbst wenn verbrannt, ist der Müll nicht einfach weg

Insgesamt spricht er sich aber für die Müllverbrennung mit einer hohen Recyclingrate der Metalle und Schwermetalle aus – mit einer entsprechend kontrollierten Lagerung im Anschluss.

Thomas Fischer ist davon nicht überzeugt, "wir sollten nicht versuchen uns die Verbrennung von Materialien, die energieintensiv hergestellt wurde, schön zu rechnen. Sie haben hohe Schadstoffgehalte in den Abfällen die übrig bleiben. Wir sollten versuchen eine Kreislaufwirtschaft mit geschlossenen Kreisläufen aufzubauen und Ressourcen zu schonen."

Das Bundesumweltministerium will die Recyclingquoten in den nächsten Jahren erhöhen, vor allem die Quote von Verpackungsmüll soll von heute 58% auf 63% in 2022 steigen.  

Gleichzeitig hat auch die Müllverbrennung und die Verbauung der Schlacken eine Zukunft. "Die Müllverbrennung ist eine tragende Säule der Abfallentsorgung", schreibt das Bundesumweltministerium auf der eigenen Seite. Schlacken seien nach ihrer Aufbereitung weitgehend verwertbar, heißt es weiter, "von ihnen gehen auch langfristig keine Umweltbelastungen aus."

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