Luftfahrt: Kaum türkische Arbeitskräfte im Anflug | Wirtschaft | DW | 20.08.2022
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Nach Flughafen-Chaos

Luftfahrt: Kaum türkische Arbeitskräfte im Anflug

Die Bundesregierung hatte geplant, den Personalmangel an deutschen Flughäfen mit türkischen Arbeitskräften zu lösen. Doch das Projekt scheint seine Ziele kaum erreicht zu haben. Woran liegt das?

Lange Wartezeiten an deutschen Flughäfen

Derzeit herrschen nicht selten lange Wartezeiten an deutschen Flughäfen

Endlose Schlangen, Verspätungen und tausende Flugausfälle - diese Probleme an deutschen Flughäfen wollte die Politik gemeinsam mit der Luftfahrtbranche mit Hilfe ausländischer Mitarbeiter lösen. Ende Juni hatte man sich offiziell vorgenommen, vor allem türkische Arbeitskräfte vorübergehend anzuwerben. 

Der deutsche Plan, die Probleme an deutschen Flughäfen mit der Anwerbung türkischer Arbeitskräfte zu lösen oder zumindest abzumildern, scheint allerdings gescheitert zu sein. Er sah ursprünglich vor, rund 2000 türkische Arbeitskräfte vorübergehend in Deutschland einzusetzen. Es kommen aber nur etwas mehr als 60. Und das auch nur an zwei Flughäfen, nämlich in München und Nürnberg.

Drei Bundesminister stellten die Maßnahmen in einer gemeinsamen Pressekonferenz vor

Arbeitsminister Heil, Verkehrsminister Wissing und Innenministerin Faeser stellten die Maßnahmen vor

Aktuelle Lage an Flughäfen

Der Flughafen Düsseldorf teilte auf DW-Anfrage mit, dass dort noch keine Fachkräfte aus der Türkei im Einsatz seien. Auch Alexander Weise, Pressesprecher vom Flughafen Köln/Bonn, teilte der DW mit, dass man zu Beginn der Sommerferien zwar einen Bedarf von 20 zusätzlichen Arbeitskräften aus dem Ausland angemeldet habe. Diese seien jedoch bis heute nicht eingetroffen - was allerdings nicht sonderlich kritisch gesehen wird: "Der Flughafen geht vor allem in Anbetracht der weitgehend reibungslosen Abläufe am Airport davon aus, dass diese Kräfte nicht in Köln/Bonn zum Einsatz kommen werden", so Weise.

"Die Unternehmen an den Flughäfen haben in den vergangenen Wochen und Monaten auch in Deutschland und im EU-Ausland weiterhin intensiv nach länger einsetzbarem Personal gesucht und inzwischen auch eine Reihe von Arbeitskräften rekrutieren können", sagt Julia Fohmann, Pressesprecherin des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), im Gespräch mit der DW.

Zu spät und realitätsfern?

Laut Fohmann hat der Staat bei der Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland zu langsam und bürokratisch agiert. Mit einer kurzfristigen Ausnahmegenehmigung des Bundes hätte die Rekrutierung von Arbeitskräften aus der Türkei ursprünglich schon im Frühjahr ermöglicht werden sollen. Der Bund habe aber die notwendige Entscheidung erst am 6. Juli getroffen - viel zu spät für eine erfolgreiche Umsetzung.

"Durch diese späte Entscheidung, die rigide Befristung auf drei Monate sowie die realitätsferne Auflage, dass eine Einreise zunächst nur erlaubt wurde, wenn alle Genehmigungen wie Visa und Zuverlässigkeitsüberprüfung bis Ende Juli erteilt sind, hat sich allerdings die Zahl potenzieller Arbeitskräfte massiv reduziert", so Fohmann.

Kein klares Verfahren für Interessenten

"Für die Interessenten gab es zu viele Hürden zu überwinden", sagt auch der in der Türkei arbeitende DW-Korrespondent Emre Eser. Vor allem habe Deutschland nicht für einen ausreichend klaren Bewerbungsprozess gesorgt.

Emre Eser

Wirtschaftsjournalist Emre Eser arbeitet als DW-Korrespondent in Istanbul

Türkische Arbeitskräfte hätten nicht die Möglichkeit gehabt, sich überhaupt darüber zu informieren, wie man sich bewerben kann. "Viele Menschen konnten sich nicht bewerben, weil ihnen kein Leitfaden vorlag." Unklarheit herrschte demnach auch in zahlreichen Firmen, die sich auf die Visa-Antragstellung spezialisiert haben. "Diese Firmen haben am Anfang viele Anrufe von Interessenten bekommen," so Eser, hätten diesen aber aufgrund unklarer Vorgaben oft nicht helfen können.

Die Zeit war zu knapp

Auch die begrenzte Zeit habe eine Rolle dabei gespielt, dass viele sich nicht beworben hätten: "Alles hat sich sehr schnell entwickelt. Die Menschen hätten gegebenenfalls ihre Wohnungen verlassen und alles rund um ihre Familien organisieren müssen. Und die Zeit war einfach viel zu knapp", so Eser. Hinzu kommt: Viele der Arbeitskräfte, die in der Abfertigung an türkischen Flughäfen tätig sind, besitzen keine Englisch- oder Deutschkenntnisse.

Ein weiterer Grund seien die guten Arbeitsbedingungen in der Türkei. Aus Sorge vor Abwanderung haben viele Dienstleister sogar die Gehälter erhöht. "Einige Firmen, die am Istanbuler Flughafen beteiligt sind, zahlen das zwei- oder sogar dreifache des Mindestlohns", sagt Emre Eser. "Die Bedingungen sind im Vergleich zu vielen anderen Bereichen sehr gut. Das Personal hat eigentlich keinen Grund, für eine begrenzte Zeit nach Deutschland zu gehen".

Gepäckstücke am Frankfurter Flughafen

Gepäckstücke am Frankfurter Flughafen

Luftverkehrsbranche fordert beschleunigtes Verfahren

Die Luftverkehrsbranche beklagt sich vor allem darüber, dass die Bundesregierung ihre Pläne nicht schnell genug umgesetzt habe. Auf Anfrage der DW erklärte Edgar Engert, Pressesprecher am Münchener Flughafen, dass der Rekrutierungsprozess für die türkischen Mitarbeiter mehr als zwei Monate gedauert habe. "Vielleicht gäbe es Möglichkeiten, diese Verfahren zu beschleunigen", so Engert.

Viele Flughäfen versuchen auch, langfristig neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Der BDL fordert den Bund in diesem Zusammenhang dazu auf, für eine einfachere Arbeitskräfteanwerbung zu sorgen. "Im Einklang mit der gesamten deutschen Wirtschaft fordern wir bereits seit Jahren, dass Deutschland seine Bestimmungen zur Arbeitsmigration nach Deutschland deutlich erleichtert."

Julia Fohmann kann trotz der großen Probleme der Initiative des Bundes auch etwas Positives abgewinnen: "Auch die wenigen Arbeitskräfte, die kommen, helfen. Denn sie können ein Beitrag sein, der punktuell für Entlastung bei den Bodenverkehrsdienstleistern und an den Flughäfen sorgt", so die BDL-Pressesprecherin. Und auch Edgar Engert bleibt zuversichtlich: "Der Luftverkehr wird die Krise, in die er unverschuldet geraten ist, meistern."