″Lord of the Toys″-Regisseur: ″Ich vertraue dem Publikum, die Dinge selbst zu verstehen″ | Filme | DW | 06.11.2018
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Interview

"Lord of the Toys"-Regisseur: "Ich vertraue dem Publikum, die Dinge selbst zu verstehen"

"Lord of the Toys", Sieger beim Filmfestival DOK Leipzig, hat eine Kontroverse ausgelöst. Die Kritik: Der Film biete seinen Protagonisten ein Forum für rechte Parolen. Regisseur Pablo Ben Yakov bezieht Stellung.

Der diesjährige Gewinnerfilm des deutschen Hauptpreises beim Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig wird derzeit heiß diskutiert. Im Zentrum von "Lord of the Toys" steht eine Gruppe YouTuber um die Zwanzig; Kopf der Dresdner Clique ist der Influencer Max Herzberg alias Adlersson, der auf seinem YouTube-Hauptkanal mehr als 280.000 Abonnenten hat und mit den Werbeeinnahmen sowie Kleinspenden seiner Fans seinen Lebensunterhalt bestreitet. Sein Erfolg fußt auf Clips, in denen er Produkte auspackt, "unboxing" heißt das unter Kennern. Oft sind es Messer, zum Teil auch illegale Exemplare, oder Rap-Alben in sogenannten "Deluxe"-Ausgaben für Fans. Sehr viele Follower sind auch jedes Mal dabei, wenn Herzberg sich und seine Kumpane dabei filmt, wie sie sich betrinken oder Kleinanzeigen-Verkäufer am Telefon veralbern. Die Sprache der jungen Männer ist äußerst derb, und oft fallen antisemitische, rassistische oder homophobe Sprüche. Zusammen mit Kameramann und Co-Autor André Krummel hat Regisseur Pablo Ben Yakov die YouTuber zwei Monate lang begleitet. Auf einen einordnenden Off-Kommentar verzichtet sein Film ebenso wie auf erklärende Statements der Protagonisten. Dafür gab es in den letzten Tagen viel Kritik - vor allem vor, aber auch der Premiere. Tenor: Man dürfe solchen Menschen und ihren rechtsradikalen Parolen kein Forum bieten.  

Deutsche Welle: Herr Ben Yakov, waren Sie überrascht von den Reaktionen auf Ihren Film?

Pablo Ben Yakov: Ja und nein. Wir haben natürlich einen Film gemacht, um Diskussionen hervorzurufen. Aus welcher Ecke diese Diskussionen dann aber kamen, das hat mich schon ein bisschen überrascht. Wir hatten uns vorher eigentlich eher Sorgen gemacht, dass Rechtsextremisten uns danach bedrohen würden. Aber jetzt haben wir feststellen müssen, nein, es ist im Grunde die gleiche Art von Trollkultur, die wir ja im Film porträtieren und kritisieren, die uns jetzt sehr viel Aufmerksamkeit verschafft hat.

Was meinen Sie damit genau?

Naja, der Ursprung dieser sehr heftig geführten Diskussion kam ja auf Twitter von Leuten, die den Film überhaupt nicht gesehen haben konnten, weil er noch nicht veröffentlicht war. Diese Leute wussten aber schon - oder glaubten schon zu wissen -, dass der Film in jedem Fall unkritisch sei, nichts einordne, nichts kommentiere, und haben das in einer Art und Weise kundgetan, die im Vorfeld für eine recht aggressive Grundstimmung gesorgt hat.

Pablo Ben Yakov (Marc Eberhardt)

Regisseur Pablo Ben Yakov

Die Kritik, dass Ihr Film seinen Protagonisten ungefiltert eine Plattform gebe, wurde von einigen Zuschauern auch nach dem Film geäußert. Was erwidern Sie darauf?

Dass wir hier eine Plattform schaffen in Form eines Films, das ist ja offensichtlich. Wir stellen etwas dar. Deshalb ist diese Frage natürlich auch berechtigt. Die muss man sich als Dokumentarfilmer tatsächlich immer stellen, wenn man problematische Themen filmisch behandeln möchte. Ich glaube aber, dass man, wenn man sich den Film anschaut, merkt, dass er von vorne bis hinten durchgestaltet ist. Dass wir uns da sehr wohl Gedanken gemacht haben, wie wir das, was wir erzählen wollen, verständlich machen. Und da ist natürlich unsere Haltung mit eingeflossen.

Konkret kritisiert wurde auch Ihr Verzicht auf einen Off-Kommentar, der die Geschehnisse einordnen könnte.

Ich glaube nicht, dass ein Off-Kommentar viel beigetragen hätte. Wir wollten ja den Blick darauf lenken, dass im Netz eine gefährliche De-Kommunikation entsteht, mit einer sinnlosen Sprache, die eine enorm aggressive Stimmung kreiert. Und diese aggressive Stimmung ist ja das, was gefährlich ist. Und ich glaube, die wird absolut eindeutig spürbar in dem Film. Wenn zum Beispiel eine Deo-Dose einem Jungen durch minutenlanges Sprühen ins Gesicht ausgeleert wird, dann ist klar, dass das wahnsinnig unangenehm und eine Grenzüberschreitung und Aggression und Gewalt ist, die da passiert. Dies dann über einen Sprechertext nochmal zu sagen, das fände ich überflüssig. Ich vertraue da dem Publikum, diese Dinge selbst zu verstehen

Der Film ist knapp über 90 Minuten lang. Es gibt nahezu keine Handlung, keine Aussage, die von Herzberg und Co. ernst gemeint, oder die sie zu berühren scheint. Sie haben die Männer zwei Monate lang begleitet - sind die wirklich immer so?

Ja, wir hatten auch den Eindruck, dass sich Begriffe auflösen, mit denen wir nach wie vor versuchen, Dinge zu beschreiben. Wir hatten das Gefühl, dass da nichts ernst genommen wird, und dass alles versucht wird, in einen sinnfreien Scherz zu verwandeln. Deswegen haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, diese Jungs umso ernster zu nehmen. Wenn wir den Jungen mit der Maske (alias "Inkognito Spastiko", Artikelbild mit Max Herzberg, Anm. d. Redaktion) beim Zähneputzen oder beim Pornogucken sehen, mit der Maske auf, dann ist das nicht, weil wir einen filmischen Scherz machen wollen, sondern weil wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, alles sehr ernst zu nehmen, und dadurch einen anderen Blick auf die Dinge zu geben.

Sie waren auch dabei, als die Clique eine Gruppe von Ausländern auf dem Oktoberfest rassistisch beschimpfte und auch physisch attackierte. Was denkt man in so einem Fall als Beobachter?

Es war uns natürlich von vornherein klar, dass dieses Gewaltpotenzial besteht, wenn wir mit den Jungs aufs Oktoberfest fahren. Aber wir haben dann gemerkt, dass es uns beinahe unmöglich ist, so etwas zu filmen, weil physische Gewalt tatsächlich dazu führt, dass wir als Beobachter nicht mehr so arbeiten können, wie wir das eigentlich wollen. Da hat unsere Intuition, unsere Reflexe übernommen. Wir haben beim ersten Schlag gleich das Filmen eingestellt und geschaut, was da los ist und ob man jemandem helfen kann. Das war eine reale Schlägerei und nicht schön.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Film auch die Fangemeinde von Herzberg erreichen werden - und sie vielleicht dazu bringen können, ihn kritischer zu sehen?

Das hoffe ich, und erste Hinweise darauf habe ich habe ich schon bekommen: Nach der Premiere haben wir die Jungs zum Auto begleitet. Da kamen uns zwei ihrer Fans entgegen, und ich erwartete, eine Fansituation zu erleben, wie ich sie schon tausendmal erlebt hatte, mit De-Kommunikation, Übergabe von Pfandflaschen, Kleingeld und Ähnlichem. Aber es geschah etwas ganz anderes, nämlich dass diese beiden Jungs mich erkannten und sagten, das sei ein ganz wichtiger Film und die Diskussion, die jetzt leider nur so kurz stattfinden konnte (im Anschluss an die Vorführung auf der DOK Leipzig, Anm. d. Redaktion), die hielten sie für eine ganz wichtige. Da ist mir tatsächlich ein bisschen die Kinnlade heruntergefallen, weil es das erste Mal war, dass ich tatsächlich gesehen habe, die können auch ganz normale, ernste Sätze sprechen.
Gleichzeitig darf man aber nicht davon ausgehen, dass man diesen Film zeigt und dann sind alle bekehrt. Natürlich gibt es Leute, die die Inhalte von Max Herzberg wahnsinnig witzig finden, und die auch teilweise das, was wir zeigen, wahnsinnig witzig finden werden. Da darf man sich nichts vormachen.

Trotzdem zeigt der Film die Protagonisten ja in Momenten, die ihrem Image möglicherweise nicht förderlich sind. Was haben sie selbst zum Film gesagt?

Wir hatten ihnen den Film vorab privat in Dresden gezeigt. Und natürlich gab es Momente, wo sie über ihre eigenen Witze gelacht haben. Die sehen sich schon gern selbst. Worüber ich aber glücklich und erstaunt war: Im Nachgang fielen auch Worte wie 'Das ist ja teilweise auch wahnsinnig traurig' und 'Da steckt ja eine enorme Leere in unseren Blicken drin.' Natürlich sehen sie ihre eigenen Grenzüberschreitungen. Die verstehen das schon. Und auch wenn da nicht die unmittelbare Bekehrung stattfindet: Ich glaube, es hat sie doch hier und da nachdenklich gemacht.
Das Interview führte Katharina Abel.

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