London: Nach dem Chaos die Erschöpfung | Europa | DW | 05.09.2019
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Brexit-Abstimmungen

London: Nach dem Chaos die Erschöpfung

Die Ereignisse der letzten Tage haben Großbritannien vollends ins Chaos gestürzt: Der Premier hat keine Mehrheit mehr und streitet nun für Neuwahlen. Nicht nur Politiker hängen nach dieser Runde erschöpft in den Seilen.

Fast schon dankbar stürzen sich alle auf die Nachricht, dass es Zwist im Hause Johnson gibt. Nach der Schlacht um die Zukunft des Landes verschafft eine Dosis Klatsch und Tratsch geradezu Erleichterung. Warum auch soll es in der Familie des Regierungschefs harmonischer zugehen als anderswo im Lande, wo der Streit um den Brexit Ehepaare, Eltern und Kinder oder Freundschaften auseinandertreibt.

Blut ist nicht dicker als Brexit

Jo Johnson, jüngerer Bruder des Premiers, ein Pro-Europäer von zurückhaltendem und freundlichen Charakter, hat unerwartet seinen Rückzug aus der konservativen Politik angekündigt. Jo ist seit neun Jahren Abgeordneter in Orpington im Südosten Londons. Die Gegend könnte an die Brexit-Partei fallen, wenn nicht er dort die Stellung für die Tories hielte. Jo war bereits Juniorminister unter Theresa May und als Bruder Boris ins Amt kam, gab der ihm einen Job in der Wissenschaftsverwaltung. Jetzt erklärte Jo, die Spannung zwischen "Familienloyalität und nationalem Interesse" sei unerträglich geworden.

Remainer Jo hatte sich mit einem Brexit abgefunden, der eine Verhandlungslösung mit der EU enthält. Den zunehmend harten Kurs des Premierministers aber scheint er unerträglich zu finden, so jedenfalls wird sein Rückzug interpretiert. Nicola Sturgeon, schottische Ministerpräsidentin, twitterte: "Boris Johnsons eigener Bruder kann die Richtung nicht mehr verdauen, die er einschlägt." Und die Labour Abgeordnete Angela Rayner trieb den Stachel noch tiefer: "Boris Johnson ist eine solche Bedrohung, dass nicht einmal sein eigener Bruder ihm traut."

Im Parlament erklärte der neue Fraktionsführer Jacob Rees-Mogg - der Mann, der sich in Odaliskenpose auf den Bänken des Unterhauses räkelte -, dass es auch in anderen Familien Zerwürfnisse gebe. Seine Schwester Annunziata habe sich schließlich für die Brexit-Partei ins Europaparlament wählen lassen. Jacob muss ihr als Brexiteer nicht hart genug gewesen sein.

Brexit Debatte im britischen Unterhaus (picture-alliance/AP Photo/Parliament TV)

Jacob Rees-Mogg muss sich erstmal zurücklehnen

Schwester Rachel Johnson aber wies Gerüchte zurück, wonach die Familie sich beim Essen regelmäßig zerstreite: "Ich muss sagen, das ist Blödsinn … Die Familie vermeidet das Thema Brexit besonders bei Mahlzeiten, weil wir uns nicht gegen den Premierminister zusammenrotten wollen." Außerdem wäre das nicht gut für die Verdauung.

Auf der Straße - Ärger und Ermüdung

Ein Pro-Brexit Demonstrant vor der Absperrung zu der Wiese, auf der die Medien die Ereignisse verfolgen, ist zornig, weil der Brexit immer weiter verschoben wird. "Wir wollen endlich raus, so wie die Politiker es versprochen haben nach dem Referendum 2016." Außerdem glaubt er, die EU sei erst dann bereit mit den Briten richtig zu verhandeln, wenn sie auf Knall und Fall aussteigen: "No Deal ist ideal", denn danach würden sie von den Europäern bekommen, was sie wollen. Das deckt sich mit der Argumentation von Boris Johnson dieser Tage.

Eine Tierschützerin, die eigentlich gegen die anhaltende massenhafte Tötung von Dachsen protestieren will, fällt ein hartes Urteil: "Wir sind einfach im Chaos. Im Grunde werden wir von Idioten regiert. Sie haben alle anderen Themen vergessen, die das Land angehen. Es geht nur noch um politische Spiele, nicht mehr um das wirkliche Leben. Ein junger Mann auf dem Weg in die Mittagspause fügt hinzu: „Wir haben alle aufgegeben, wirklich aufgegeben. Alle anderen Länder lachen doch nur noch über uns."

Neuwahlen oder neues Referendum?

Das Land ist nach wie vor in der Mitte gespalten. Und die Emotionen kochen immer höher und die Verbitterung wächst: "Ich hoffe, dass wir aus diesem kollektiven Alptraum erwachen. Ich hoffe, dass sie einen No-Deal-Brexit stoppen und dass die Leute verstehen, dass es uns viel besser geht, wie es ist. Der beste Deal ist der, den wir in der EU haben", sagt Passantin Nicola mit Blick auf die "Brexit Now" Plakate vor der Medienwiese. Wahlen, meint sie, sollten erst stattfinden, wenn sicher ist, das Boris Johnson keinen harten Brexit inszenieren kann.

England Brexit Demonstrant (DW/A. de Loore)

"Brexit Now" - mit oder ohne Deal. Im Volk hat Premier Boris Johnson mit seinem Geradeaus-raus-Kurs Unterstützer

Dieses Gefühl teilt sie mit der früheren konservativen Abgeordnete Anna Soubry, die seit dem Frühjahr als Unabhängige im Unterhaus sitzt. Sie hat mit der versammelten Opposition in den letzten Tagen für das Gesetz gekämpft, dass einen harten Brexit verhindern soll. "Ich hoffe, dass das Gesetz jetzt in Kraft tritt, dass es umgesetzt wird und dass uns die EU eine Fristverlängerung zugesteht bis Ende Januar."

Gleichzeitig, sagt Soubry, dass das die Aufschieberei ein Ende haben müsse: "Die britische Öffentlichkeit hat die Nase voll und die Wirtschaft braucht Sicherheit." Neuwahlen aber würden aber nicht helfen, weil auch sie keine klaren Mehrheitsverhältnisse schaffen würde: "Deshalb will ich ein zweites Referendum."

Ein kleines Jubiläum

Die Unterstützer der "People's Vote" stehen allerdings derzeit auf ziemlich verlorenen Posten. Wie auch Steve Bray, der auf den Tag genau seit zwei Jahren an der Wiese vor dem Parlament steht und sich die Seele aus dem Leib brüllt. Seinen Ruf "Stoooop Brexit" schreit er in die Ohren der versammelten Fernsehteams, die ihn inzwischen fast als eine Art Maskottchen ansehen.

England Brexit Demonstrant (DW/A. de Loore)

Steve Bray ist zu einer Art Maskottchen der Remainers geworden

Bei der BBC haben seine Rufe schon für Ärger gesorgt, weil sie im Hintergrund auch Gespräche mit den harten Brexit-Befürwortern untermalten. Inzwischen arbeitet die BBC dort mit Mikrophonen, die Steve's Rufe nicht mehr mit aufzeichnen.

Er und seine Mitstreiter aber sind nicht bereit aufzugeben. "Es ist wichtig, unsere Botschaft zu verkünden", sagt Steve. Er hat gesehen, wie Theresa May kam und ging und wie Boris Johnson in die Downing Street einzog. Sein Urteil über den Neuen ist hart: "Wir haben einen erwiesenen Lügner als Premierminister. Wir kratzen wirklich am Boden des Fasses." Und wie geht es weiter? "Ich sage, dass es nicht zum Brexit kommen wird. Die Leute sehen doch jetzt, wie alles zusammenbricht. Das Land ist gespalten, die politischen Parteien sind gespalten, das ist doch keine Art zu regieren. Die EU ist nicht perfekt, aber besser als das, was jetzt in Großbritannien passiert."

Video ansehen 42:31

Quadriga - Brexit: Premier Johnson am Ende?

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