Linkshänder, Linksfüßer, Linksküsser? | Wissen & Umwelt | DW | 13.08.2018
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Wissen & Umwelt

Linkshänder, Linksfüßer, Linksküsser?

Die Händigkeit ist nicht die einzige Asymmetrie unseres Körpers. Ob beim Umarmen, Küssen oder Lauschen, meistens bevorzugen wir eine Körperseite. Und Tieren geht es genauso.

Früher glaubte man, dass ein einzelnes Gen für unserer Händigkeit verantwortlich ist. Heute wissen wir, dass neben vielen verschiedenen Genen auch die Umwelt einen Einfluss auf die Geschicklichkeit unserer Hände hat.

Sebastian Ocklenburg von der Ruhr Universität Bochum erforscht die Händigkeit und kognitive Asymmetrien bei Menschen und Tieren. Anlässlich des internationalen Linkshändertages haben wir den Biopsychologen zu Katzen, Küssen und Leonardo da Vinci interviewt.

DW: Ungefähr 85 bis 90 Prozent aller Menschen sind Rechtshänder. Gilt diese Vorliebe für die rechte Seite auch für andere Körperteile oder Tätigkeiten?

Sebastian Ocklenburg: Ja, es gibt viele solcher Asymmetrien. Auch wenn nicht immer die rechte Seite bevorzugt wird. Ein schönes Beispiel ist das Küssen. Beim Küssen muss jeder den Kopf auf eine Seite drehen. Wenn man den Kopf da mal auf die andere Seite dreht als die, die man üblicherweise zum Küssen benutzt, fühlt sich das ganz seltsam an. Probieren Sie es mal aus!

Stimmt. Ich drehe den Kopf immer nach rechts. Mein Freund zum Glück auch, sonst hätten wir wohl Probleme. Gibt es noch andere Beispiele?

Die Füße. Bei Fußballspielern sieht man immer wieder, dass die meisten ganz deutlich einen Fuß bevorzugen, wenn sie aufs Tor schießen. Einige wenige gibt es, zum Beispiel Lionel Messi, die mit beiden Füßen gleich gut schießen können.

Diese Spieler haben dann häufig einen großen Vorteil. Über diese motorischen Asymmetrien hinaus gibt es auch sensorische Asymmetrien. Wenn Menschen zum Beispiel mit dem Auge durch ein Fernrohr gucken, dann nutzen fast alle nur ein Auge dafür. Wenn sie mit dem Ohr an der Tür lauschen benutzen auch fast alle bevorzugt ein bestimmtes Ohr - auch wenn sie gleiches Hörvermögen auf beiden Ohren haben.

Royals Hochzeit mit Bürgerlichen England Kate und William (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Wie 65 Prozent der Bevölkerung bevorzugen Prinz William und Herzogin Kate beim Küssen die Kopfneigung zur rechten Seite.

Hängen diese Vorlieben mit der Händigkeit zusammen, sind Linkshänder auch Linksfüßer?

Teils, teils. Die motorischen Asymmetrien hängen stark zusammen. Wenn ich Linkshänder bin, bin ich in der Regel auch Linksfüßer und küsse auch lieber mit der linken Kopfseite eingedreht. Das ist aber unabhängig von den sensorischen Asymmetrien beim Hören oder Sehen. Die hängen zwar untereinander zusammen, sind aber unabhängig von der Händigkeit.

Gibt es solche Asymmetrien auch bei Tieren?

Ja, das gibt es auch bei Tieren. Wir haben zum Beispiel gerade eine Studie eingereicht, die sich mit der 'Pfotigkeit' bei Katzen und Hunden beschäftigt. Im Gegensatz zum Menschen ist hier die Verteilung aber mehr 50 zu 50, also es gibt etwa gleich viele links- und rechtspfotige Tiere.

Wie wird die 'Pfotigkeit' bei Tieren getestet?

Meistens wird dem Tier eine Aufgabe gestellt, bei der es nach Fressen greifen muss. Jeder kann das Zuhause mit dem eigenen Haustier nachspielen. Nehmen Sie eine leere Klopapierrolle und kleben Sie eine Seite zu und füllen etwas Futter ein. Die Röhre muss aber so eng sein, dass das Tier nicht mit seiner Schnauze reinkommt, sondern mit der Pfote nach dem Futter greifen muss.

Wenn Sie ihrem Haustier die Rolle zehnmal hinhalten und es benutzt zehnmal dieselbe Pfote, um an das Futter zu kommen, dann wissen Sie, das Tier ist rechts- oder eben linkspfotig.

Weltkatzentag (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Katzen und Hunde gehören zu den Tieren, die jeweils eine Pfote bevorzugen.

Wieso gibt es diese Präferenzen überhaupt?  Wieso sind manche Menschen Linkshänder und andere Rechtshänder

Die Händigkeit hat sehr wenig mit unseren Händen an sich zu tun, ausschlaggebend ist das Gehirn. Das ist beim Menschen in zwei Hälften geteilt, die rechte und die linke Seite. Ob man Links- oder Rechtshänder ist, hängt davon ab, welche der Gehirnhälfte besonders gut darin ist, feinmotorische Aufgaben auszuführen.

Bei Rechtshändern ist das die linke Gehirnhälfte, bei Linkshändern die rechte. Diese Seitenverschiebung liegt daran, dass die Nervenbahnen sich im Rückenmark kreuzen. Die linke Gehirnseite steuert immer die rechte Körperhälfte und umgekehrt.

Funktionieren die Gehirne von Rechts- und Linkshändern dadurch unterschiedlich? Sind Linkshänder tatsächlich klüger oder kreativer als Rechtshänder?

Nein, da muss ich Sie leider enttäuschen. In den 70er Jahren gab es ein paar kleine, schlecht kontrollierte Studien, die auf dieses Ergebnis gekommen sind. Seitdem wurde das aber schon mehrfach widerlegt. Linkshänder sind weder intelligenter noch kreativer als Rechtshänder. Leider ist dieses Ergebnis aber viel uninteressanter, weshalb immer noch auf die Studien aus den 70er Jahren Bezug genommen wird.

Und auf eine ganze Reihe von berühmten Persönlichkeiten, die angeblich alle Linkshänder waren.

Ja, zum Beispiel Leonardo da Vinci, der angeblich auch Linkshänder war. Schaut man sich aber die wissenschaftliche Literatur zum Thema an wird klar, dass diese Aussage auf einem einzigen Porträt basiert, auf dem da Vinci mit der linken Hand malt. Dass er auf diesem Porträt aber den rechten Arm in einem Verband trägt und auf anderen Porträts mit der rechten Hand malt, wird verschwiegen. 

Professor Sebastian Ocklenburg lehrt Biopsychologie an der Ruhr Universität Bochum. Er spezialisiert sich unter anderem auf hemisphärische Asymmetrien bei Menschen und anderen Tieren, Händigkeit, und Kognitive Genetik.

Das Gespräch führte Sophia Wagner.

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