Lichtverschmutzung: Die dunkle Seite des Lichts | Wissen & Umwelt | DW | 11.01.2021
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Umwelt

Lichtverschmutzung: Die dunkle Seite des Lichts

Schadet Licht der Gesundheit und der Tierwelt? Jährlich werden die Nächte heller - mit sichtbaren Folgen.

NASA-Bild | Satellitenbild der Erde bei Nacht

Experten schätzen, dass die Helligkeit auf der Erde jährlich um zwei Prozent steigt

Als am 17. Januar 1994 ein schweres Erdbeben die Region um Los Angeles erschüttert, stürzen zuerst Häuser und Brücken ein. Dann fällt der Strom aus und es wird dunkel über der Metropole im Westen der USA. Berichten zu Folge gehen daraufhin Anrufe wegen einer "gigantische silbernen Wolke" am Himmel beim Notruf und den Wetterstationen ein. Was die Menschen sehen, ist die Milchstraße, die zuvor hinter dem beleuchteten Nachthimmel unsichtbar geblieben war.

Milchstraße. Weiße Wolke auf schwarzem Nachthimmel. Sterne drum herum

Ein Drittel der Menschen können die Milchstraße nachts nicht mehr sehen

Satellitenbild Europa bei Nacht. Gelbe Punkte zeigen, wo es auch nachts hell ist.

In Europa ist die Milchstraße für fast 60 Prozent und in Nordamerika für etwa 80 Prozent der Menschen verschwunden

Licht - von der Revolution zur Verschmutzung 

Die Erfindung der elektrischen Beleuchtung im 19. Jahrhundert war eine wahre Revolution. Über hundert Jahre später hat sich die künstliche Beleuchtung über den gesamten Globus und in jeden Bereich des Lebens ausgebreitet. Heute leben über 80 Prozent der Menschen unter lichtverschmutzten Himmeln. In Singapur ist es für die gesamte Bevölkerung sogar so hell, dass sich die Augen nicht mehr an echte Dunkelheit anpassen.

Skyline von Singapur bei Nacht

Singapur - nur eine von zahlreichen Metropolen auf der Welt, die bei Nacht fast taghell sind

Künstliches Licht in der Nacht ist "eine der dramatischsten Eingriffe, die wir bisher in der Biosphäre vorgenommen haben", sagt Dr. Christopher Kyba, Geoinformatiker am GeoForschungs Zentrum Potsdam zur DW.

Schätzungen durch die Auswertung von Satellitenbildern zu Folge wird es pro Jahr etwa 2 Prozent heller auf der Erde und die Folgen werden immer sichtbarer.

Während der gesamten Evolution "gab es dieses ständige Signal, das aus der Umgebung kam. Das ist Tag, das ist Nacht, dies ist die Mondphase. In Gebieten mit starker Lichtverschmutzung hat sich dieses Signal verändert", so Kyba weiter. 

Satelittenbilder von Indien bei Nacht von 2012 und 2016. Violette und gelbe Lichtpunke auf dunkler Landkarte.

Besonders in asiatischen Städten hat die Lichtmenge starkt zugenommen. Hier: Indien 2012 vs. 2016

Macht uns Licht krank?

Besonders Menschen in Großstädten sind davon betroffen. "Es ist einfach schrecklich. Der Himmel leuchtet hier extrem. Diesen orangenen Schimmer sieht man von überall", beschreibt Nilesh Desai den Nachthimmel über Mumbai. Der Aktivist fordert ein Recht auf Dunkelheit in seiner Heimat.

Straßenlichter, Scheinwerfer nahegelegener Sportanlagen oder Eventlocations scheinen direkt in die Wohnung seiner Familie.

Häusersilluette mit leuchtenden Lichtkegeln, die den Himmel aufhellen

Der nächtliche Blick aus Nilesh Desais Wohnung

Hochhaus, das bei Nacht von Scheinwerfern hell erleuchtet ist

Desais Wohnung ist nachts so hell beleuchtet, dass sein Schlaf gestört wird

"Die Lichter sind zum Teil bis Mitternacht oder drei Uhr morgens an. Und das hatte definitiv Auswirkungen auf mich, weil ich nicht schlafen konnte. [...] es hat mich mental beeinträchtigt", so Desai.

Er legte bei den lokalen Behörden Beschwerde ein, wo man ihn zunächst ignorierte. Dabei zeigen Studien, dass Augenkrankheiten, Schlaflosigkeit, Übergewicht und vermutlich sogar Depressionen im Zusammenhang mit künstlichem Licht stehen. Eine Studie unter Schichtarbeitern in den USA zeigt, dass es wahrscheinlich sogar eine Verbindung von künstlichem Licht zuBrustkrebs gibt.

Bei den Ursachen der Krankheiten ist ein Hormon von zentraler Bedeutung: Melatonin. "Wenn wir dieses Hormon nicht produzieren, weil wir in unserer Wohnung oder als Schichtarbeiter so viel Licht ausgesetzt sind, dann bekommt das System unserer biologischen Uhr ein Problem", so Kyba.

Auch die Natur braucht Dunkelheit

Aber nicht nur der Mensch braucht einen natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Korallen pflanzen sich nicht richtig fort und Vögel verlieren die Orientierung - auch die Tierwelt kämpft mit Licht, wo es sonst dunkel ist. "Es findet gerade ein unglaublicher Wandel statt, denn hellere Nächte sind neu in der Evolution", sagt Sibylle Schroer, Wissenschaftlerin am Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin.

Licht an beleuchteten Stränden lässt frisch geschlüpfte Schildkröten statt ins Meer landeinwärts krabbeln, wo sie häufig sterben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Tiere nach dem Schlüpfen instinktiv dorthin krabbeln, wo es am hellsten ist. Normalerweise ist es das vom Mond beleuchtete Meer. 

Schilkrötenbaby krabbel auf dem Sand

Frisch geschlüpfte Schildkröten verlieren durch künstliches Licht am Ufer leicht die Orientierung. Das kann sie das Leben kosten.

Durch die Anziehungskraft von künstlichem Licht auf Insekten sterben allein in Deutschland schätzungsweise pro Sommer 100 Milliarden Individuen. Eine helle Straßenlampe ersetzt dabei den Mond, an dem sich die Tiere normalerweise orientieren. Die Folge: Insekten können nicht anders als ununterbrochen um die Laterne zu fliegen. Am nächsten Tag sind sie dann so erschöpft, dass sie sich nicht mehr fortpflanzen können, sterben oder leichte Beute für Fressfeinde sind.

Kalifornien Calipatria | Insekten an Flutlicht

Insekten können nicht anders als um Lichtquellen zu kreisen. Wissenschaftler bezeichnen dies als die "fatale Anziehung" des Lichts auf Insekten.

Bunt beleuchtete Bäume im Wald

Selbst Pflanzen reagieren sensibel auf künstliches Licht

Das hat auch Folgen für die Bestäubung von Pflanzen. Eine in 2017 veröffentlichte Studie zeigt, dass Pflanzen, die in der Nähe von Straßenlaternen wachsen, nachts deutlich seltener bestäubt werden und weniger Früchte tragen als ihre unbeleuchteten Artgenossen. Auch Bäume spüren den Einfluss von Licht bei Nacht. Sie treiben früher aus, wenn sie neben Straßenlaternen stehen. "Diese einzelnen Effekte auf einen Organismus haben Auswirkungen auf das ganze Ökosystem ", so Schroer.

Wie Licht zum Klimawandel beiträgt

Die NGO International Dark Sky Association setzt sich für weniger Lichtverschmutzung und natürliche Nachthimmel ein. Sie schätzt, dass in den USA jede Nacht etwa ein Drittel der gesamten Außenbeleuchtung ohne Nutzen brennt. Kostenpunkt: 3 Milliarden Dollar pro Jahr.

Weihnachtsbeleuchtung in Park. Lichterketten um Bäume, bleuchtete Schneemänner

Unnötig dauerhafte Außenbeleuchtung bei Nacht verbraucht viel Strom

Da fossile Brennstoffe immer noch Hauptenergiequelle sind, trägt diese Verschwendung auch zu Luftverschmutzung und Klimawandel bei. "Nur durch extreme Beleuchtung stoßen wir in Indien pro Jahr 12 Millionen Tonnen CO2 aus", sagt Pavan Kumar von der Rhani Lakshmi Bai Central Landwirtschaftsuniversität in Indien zur DW. Das ist etwa halb so viel wie der gesamte Flug- und Schiffsverkehr des Landes pro Jahr ausstößt. Mit besserem Lichtmanagement und Stadtplanung ließen sich diese Emissionen deutlich verringern, Ressourcen und Geld würden gespart, so Kumar.

Müssen wir also im Dunkeln leben?

Es gibt längst Möglichkeiten, Lichtverschmutzung zu reduzieren und trotzdem nicht im Dunkeln zu sitzen.

Dort wo Licht nicht gebraucht wird, kann es ausgeschaltet werden. Das gilt für Wohnungen aber auch für Straßen, Parks und den öffentlichen Raum. Bewegungsmelder könnten hier nützlich sein. Lampenschirme lenken das Licht auf die Stellen, wo es wirklich gebraucht wird und verhindern störendes Streulicht. 

Viele blaue, violette und gelbe Lampen hängen von der Decke

Blaues Licht kann leicht zu einer wärmeren Lichtfarben gewechselt werden. Dimmer helfen dabei, die Intensität zu verringern.

Lampen mit warmem Licht stören Mensch und Tiere deutlich weniger als kalte Lichtfarben. Auch LEDs können warmes Licht haben, das heißt es müssen keine Abstriche bei der Energieeffizienz gemacht werden.

Oft ist das Licht viel heller als es eigentlich sein müsste, um gut zu sehen. Dimmer können dabei helfen die Intensität zu reduzieren.

Diese Lösungen ließen sich auch für ganze Städte anwenden. Aber nur wenige Länder wie Frankreich oder Kroatien haben der Helligkeit bei Nacht bisher gesetzliche Schranken gesetzt und die Nutzung von LEDs, intensive Bestrahlung in ökologisch sensiblen Gegenden oder Flutlichter bei Nacht verboten.

In Mumbai haben sich Vertreter der Stadt nach Protesten von Bürgern wie Nilesh Desai offen für eine Reduzierung der Lichtverschmutzung gezeigt. Bisher gibt es dafür aber gar keine gesetzliche Grundlage. Sie haben das indische Umweltministerium dazu aufgefordert dies zu ändern. Nilesh Desai hofft, dass es nicht erst zu einem Blackout kommen muss, um irgendwann die Milchstraße über seiner Stadt zu sehen. 

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