Libyen-Experte: ″Haftar erlebt Rückschläge″ | Afrika | DW | 02.07.2019
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Bewaffneter Konflikt in Libyen

Libyen-Experte: "Haftar erlebt Rückschläge"

Im Kampf um die Hauptstadt Tripolis haben die Truppen des libyschen Generals Haftar einen herben Rückschlag einstecken müssen. Kommt sein Vormarsch nun zum Erliegen? Fragen an den Libyen-Experten Andreas Dittmann.

Libyen Bürgerkrieg (AFP)

Kämpfer der Libyschen Nationalarmee (LNA) auf einer Straße im Süden der Hauptstadt Tripolis

Deutsche Welle: Herr Dittmann, Anfang April startete der abtrünnige libysche General Haftar einen Angriff auf Tripolis. Er brachte weite Teile des Landes unter seine Kontrolle. Doch nun konnte die Regierung in Tripolis eine wichtige Stadt zurückerobern. Khalifa Haftars Truppen werden somit erstmals zurückgedrängt. Ist das ein Wendepunkt?

Andreas Dittmann: Der lange kaum gestoppte Vormarsch von General Haftar ist vor wenigen Tagen nicht nur zum Stillstand gekommen, sondern hat sogar einen kleinen Rückschlag erlebt. Gharian, die größte Stadt im Dschabal-Nefusa-Bergland im Nordwesten Libyens, die Haftars Truppen zuvor eingenommen hatten, wurde wieder zurück erobert.  Die selbsternannte Libysche Nationalarmee (LNA) Haftars spricht von 57 getöteten Soldaten auf ihrer Seite. Das war ein großer Rückschlag für sie. Haftars Macht dehnt sich also nicht weiter aus.

Libyen hat zwei Regierungen: Die Einheitsregierung in Tripolis und General Khalifa Haftars Gegenregierung im Osten des Landes. Wie sieht die Machtaufteilung zwischen Haftar und der Einheitsregierung aus?

Die Lage ist deshalb so unübersichtlich, weil der Westen die Regierung in Tripolis als Verhandlungspartner anerkennt, tatsächlich aber militärisch, logistisch und finanziell die Regierung im Osten fördert.

Libyen Premierminister Fayiz as-Sarradsch (picture-alliance/AP/P.D. Josek)

Die Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch beansprucht die Macht für sich, hat aber kaum Kontrolle über die Hauptstadt Tripolis hinaus

General Haftar hat sich mithilfe von einigen Wahlmännern und Milizen an die Macht gesetzt. Er stößt immer weiter in den Westen des Landes vor und hat die Hauptstadt beinahe eingekreist. Er hat immer wieder dafür gesorgt, dass es zu Einschlägen von Raketen in Tripolis kommt.

General Haftar erhält auch Rückendeckung von Staaten in der Region, die vom Westen unterstützt werden. Wie beispielsweise vom Nachbarland Ägypten.

Genau. Wir erklären immer, dass wir die Regierung in Tripolis unterstützen und dass das die offiziell anerkannte Regierung sei. De facto aber sind unsere Verbündete Verbündete von Haftars Gegenregierung. General Haftar hat sich immer wieder nach Ägypten zurückziehen können, als er in der Vergangenheit noch nicht so erfolgreich war, das ist sein strategisches Hinterland.

Von dort aus wird er auch logistisch unterstützt. Hinter Haftar steckt auch viel Geld aus Saudi-Arabien. Die Vereinigten Arabischen Emirate versorgen die Gegenregierung mit einer Luftwaffe, die aus von Frankreich gelieferten Kampfflugzeugen besteht. Haftar wird also in einem Kampf gegen eine Regierung unterstützt, die wir wiederum als die von uns anerkannte bezeichnen.

Libyen General Chalifa Haftar (picture-alliance/dpa/M. Elshaiky)

Greift nach der Macht: Der frühere Offizier Khalifa Haftar war Teil des Gaddafi-Regimes, heute führt er ostlibysche Truppen gegen die westlibysche Regierung

Wie viele Gebiete des Landes kontrolliert nun Haftar?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Ein großer Teil der Einflussgebiete Haftars liegt in der Sahara und ist kaum bewohnt. Vor allem südlich der großen Bucht in Libyen besitzt er die Kontrolle über die Erdölfelder. Das, was jetzt noch fehlt, sind die Herzstücke von Tripolitanien, also die Gebiete um Tripolis herum. Da wohnt der überwiegende Teil der libyschen Bevölkerung. Die Menschen dort befürworten die gewählte Regierung. Mittlerweile sind aber über 85 Prozent der Landesfläche Libyens augenscheinlich unter der Kontrolle von Haftar. Auf die Bevölkerung bezogen, dürfte das aber nicht mal die Hälfte ausmachen, weil der Bevölkerungsschwerpunkt in Tripolis liegt.

Wie steht Haftar politisch da, nach dieser ersten militärischen Niederlage?

Er steht gut da, weil er dieses Handwerk, erfolgreiche militärische Operationen durchzuführen, beherrscht. Die Frage ist, wie er politisch agieren wird und ob er anstrebt, Libyen komplett für sich zu erobern oder ob er sich einfach nur eine bessere Verhandlungsposition für kommende Gespräche erstreiten will. Die geplante Friedenskonferenz war für April angesetzt, angesichts der Kämpfe wurde sie abgesagt. Wenn Haftar kämpft, weil er komplett Libyen erobern will, wäre das militärisch dumm. Es ginge dann um Straßenkämpfe, die kaum zu gewinnen sind, und es würde viele zivile Opfer geben.

Wie sehen die Positionen in der internationalen Gemeinschaft aus?

Die Lage ist äußerst verzwickt. Europa wünscht sich mehr außenpolitisches Gewicht, scheitert aber daran, eine gesamteuropäische Position zu entwickeln. Es gibt innerhalb Libyens gegeneinander agierende europäische Player. Die wichtigsten dabei sind Frankreich und Italien, die vor Ort um das Erdöl streiten. Italien hat seine alten kolonialen Beziehungen und die guten Beziehungen zu Gaddafi genutzt und beherrscht mittlerweile 22 bis 25 Prozent der libyschen Erdölreserven - während Frankreich nur zwischen zwei und drei Prozent kontrolliert und auf Kosten Italiens seinen eigenen Anteil erhöhen will.

Acht Jahre Bürgerkrieg, bewaffnete Milizen und tausende Geflüchtete. Wie geht es jetzt weiter in Libyen?

Andreas Dittmann (Andreas Dittmann)

Libyen-Experte Andreas Dittmann

Die Zahl der Libyer, die den Vormarsch von Haftar begrüßen, ist deswegen relativ hoch, weil man die Nase voll hat von den ständigen Kämpfen. Man wünscht sich einen starken Mann, der für Ruhe sorgt und damit auch für wirtschaftliches Wachstum. Viele wollen einfach nicht mehr, dass weiter gekämpft wird, egal wie die politische Konstellation ist. Andererseits gibt es diejenigen im Raum Tripolis, die auf keinen Fall wollen, dass Haftar an die Macht kommt, weil das eine Wiederauflage des Ex-Präsidenten Gaddafi wäre. Sie wollen die Demokratie vor einer Militärdiktatur bewahren.

Andreas Dittmann ist Professor für Geographie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er betreibt geographische Entwicklungsforschung. Zu seinen Schwerpunkten zählt Konfliktforschung in Libyen.

Das Gespräch führte Nermin Ismail.

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