Libanon stellt sich auf Tage ohne Strom ein | Aktuell Nahost | DW | 09.10.2021
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Nahost

Libanon stellt sich auf Tage ohne Strom ein

In dem Mittelmeerland ist die Stromversorgung komplett zusammengebrochen. Sie wiederherzustellen dürfte Tage dauern. Eine akute Versorgungskrise ist nur der Auslöser - die Ursachen liegen tiefer.

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Der libanesische staatliche Stromversorger EDL rechnet mit einem tagelangen kompletten Ausfall. Die beiden größten noch laufenden Kraftwerke in dem Mittelmeerland hätten am Freitag beziehungsweise Samstag wegen Treibstoffmangels den Betrieb eingestellt. Das Stromnetz sei zusammengebrochen und könne aktuell nicht wiederhergestellt werden, teilte EDL mit.

Ein Regierungsmitarbeiter sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Das libanesische Stromnetz hat heute Mittag komplett den Betrieb eingestellt, und es ist unwahrscheinlich, dass es am Montag oder in den nächsten Tagen wieder funktioniert." Nun dringe der Energieversorger darauf, die staatlichen Ölreserven anzapfen zu dürfen, doch das werde nicht allzu bald passieren, sagte der Regierungsmitarbeiter.

Warnungen und Treibstoffmangel

Schon vor zwei Wochen hatte EDL vor einem bevorstehenden Zusammenbruch gewarnt. In den vergangenen Tagen hatten die staatlichen Kraftwerke nur noch sehr wenig Strom produziert. Vor einer Woche war es bereits einmal zum Totalausfall gekommen. Im Libanon ist der sogenannte Lastabwurf, also das Abklemmen ganzer Stadtviertel von der Stromversorgung, gang und gäbe. In vielen Gegenden gab es nur wenige Stunden am Tag Strom, da die Kraftwerke insgesamt zu wenig Elektrizität ins Netz einspeisten, um den landesweiten Bedarf gleichzeitig zu decken.

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Viele Libanesinnen und Libanesen leisten sich daher schon lange teure Generatoren, um etwas unabhängiger von der staatlichen Versorgung zu werden. Allerdings ist Diesel und Benzin in dem Land regelmäßig so knapp, dass sich lange Schlangen vor den Tankstellen bilden. Weil Devisen zur Neige gehen, kann die libanesische Regierung kaum noch für Ölimporte bezahlen. Am Freitag kündigte der Iran an, trotz US-Sanktionen weiteres Öl in den Libanon zu liefern. Auch wolle die Islamische Republik zwei Kraftwerke im Libanon bauen lassen. Außerdem bestehen Liefervereinbarungen für jordanischen Strom und ägyptisches Gas; mit dem Irak hat man sich auf einen Tauschhandel geeinigt, worin Libanon neues Öl für die Kraftwerke durch medizinische Dienstleistungen bezahlt.

Schwerste Krise der Geschichte

Die Nachrichtenagentur dpa zitierte den Energie-Spezialisten Marc Ayoub von der Amerikanischen Universität Beirut, Libanon produziere derzeit nur 200 Megawatt Strom. Zum Vergleich: Ein einzelnes Windrad produziert, je nach Größe, zwischen drei und sechs Megawatt.

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Der Libanon erlebt seit fast zwei Jahren die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Unter anderem verlor das libanesische Pfund massiv an Wert, aber auch stieg die Arbeitslosigkeit rasant an, so dass inzwischen rund drei Viertel der Bevölkerung in Armut leben.

Dazu kommt eine schwere politische Krise: Weite Teile der politischen Klasse gelten innerhalb der Bevölkerung als korrupt. Ein Proporzsystem, das Christen sowie sunnitische und schiitische Muslime gleichberechtigte politische Teilhabe  garantieren soll, erschwert das Regieren im Land. Erst im September wurde im Libanon eine neue Regierung vereidigt, mehr als ein Jahr nach dem Rücktritt der vorherigen infolge der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut.

ehl/ml (dpa, rtr, afp)

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