Leserschwund - Stirbt die Buchhandlung an der Ecke? | Bücher | DW | 13.03.2019
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Interview

Leserschwund - Stirbt die Buchhandlung an der Ecke?

Steckt die Buchbranche in der Krise? Wie lockt man wieder mehr Käufer in die Buchhandlungen? Die DW sprach mit Alexander Skipis, der als Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Rezepte kennen muss.

Deutsche Leser sind verwöhnt: Bücher bekommt man in den Buchhandlungen sofort oder über Nacht bereitgestellt. Doch möglicherweise ist dieser Qualitätsservice in Gefahr. Der größte deutsche Buchauslieferer, Koch, Neff & Volckmar (KNV), hat Insolvenz angemeldet. Vor allem kleine und mittlere Verlage sind davon betroffen, weil sie um ihre Außenstände bangen müssen. Dies ist nur eines der wichtigen Themen, mit denen sich der Verbandsgeschäftsführer des deutschen Buchhandels beschäftigen muss. Urheberrechtsgesetzgebung oder Buchpreisbindung, der Deutsche Buchpreis und die gefährdete Meinungsfreiheit, das alles sind Aufgaben und Problemstellungen für den 64-jährigen Alexander Skipis. 

Deutsche Welle: Herr Skipis, die deutsche Buchbranche ist mit bald zehn Milliarden Euro Umsatz ungeheuer stark, größer als die Musikindustrie, die Filmwirtschaft, Computer und Videospiele zusammengenommen. Ist der Buchhandel trotzdem in der Krise?

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Claus Setzer)

Alexander Skipis

Alexander Skipis: Wenn ich das generell beantworten soll, nein. Die Buchbranche in Deutschland hat in den letzten 13, 14 Jahren den Umsatz nicht nur gehalten, sondern leicht gesteigert. In einer Zeit, in der die Smartphones und die vielen anderen medialen Konkurrenten des Buches auf den Markt kamen – das ist eine ganz enorme Leistung der Verleger, Autoren und Buchhändler.

Auf der anderen Seite darf man natürlich nicht außer Acht lassen, dass diese starke Konkurrenz Spuren hinterlässt. Wir haben im letzten Jahr eine Untersuchung veröffentlicht, die deutlich gezeigt hat, dass wir eine erhebliche Zahl an Käufern verloren haben. Das heißt, Menschen, die sich früher Bücher gekauft haben, haben sich abgewendet vom Buch.

Weniger Leser kaufen mehr Bücher, aber der Umsatz ist in etwa gleich geblieben. Ist das eine beruhigende Perspektive?

Nein, das ist keine beruhigende Perspektive, obwohl der Umsatz im letzten Jahr sogar leicht gestiegen ist. Was aber auch daran liegt, dass diejenigen, die Bücher kaufen, im Durchschnitt mehr ausgeben. Das hat auch ein bisschen den Blick darauf verstellt, dass wir in den letzten Jahren Käufer verloren haben.

Wir haben deshalb genau unter denjenigen, die jetzt deutlich weniger Bücher kaufen als früher, eine Umfrage durchgeführt, um die Gründe dafür herauszufinden. Dabei ist sehr deutlich geworden, dass all diese Menschen eigentlich unisono das Buch und das Erlebnis Lesen sehr schätzen. Dass sie aber auf der anderen Seite durch Social Media zum Teil zeitlich richtig gestresst sind und zu nichts anderem mehr kommen.

Wir wollen als Branche stärker vermitteln, dass die Menschen sich wieder diese Auszeit nehmen sollten, sich mit einem Buch zu beschäftigen und damit sozusagen auf eine Reise zu gehen. Ich glaube, da gibt es eine große Chance, Buchkäufer zurückzugewinnen.

Symbolbild: Ein Mann hält sich ein elektronisches Buch, E-Book-Reader, ein anderer Mann ein konventionelles Buch vor das Gesicht (picture-alliance/S. Kiefer)

Ein elektronisches Buch für den E-Book-Reader oder ein konventionelles Buch - beides lässt sich über den lokalen Buchhandel beziehen

Der Bücherkosmos hat viele Facetten und kennt viele Vertriebswege – Internetbuchhandel, Direktbezug von Verlagen, Buchgemeinschaften, Versandbuchhandel, etc. Ich möchte mit Ihnen vor allen Dingen über den stationären Buchhandel sprechen. KNV, der größte Buchlogistiker in Deutschland, hat kürzlich Insolvenz angemeldet. Wie kommen denn aktuell die Bücher, aber auch die DVDs, CDs und Spiele von mehr als 5000 Verlagen in die Buchhandlungen?

Kurz gesagt, genauso wie früher. Insolvenz anmelden heißt ja nicht, dass die Geschäftstätigkeit eingestellt wird, im Gegenteil. Der berufene vorläufige Insolvenzverwalter ist sehr daran interessiert, das Unternehmen und die Tätigkeit des Unternehmens fortzuführen. Da er ein Insolvenzverwalter mit umfangreichen Kompetenzen ist, kann er praktisch garantieren, dass all diejenigen, die zurzeit Bücher liefern, also alle Verlage, ihr Geld auch bekommen werden.

Für viele Verlage ist aber doch nicht gesichert, dass die Auslieferungen des Jahresendgeschäfts 2018 bezahlt werden.

Da haben Sie völlig Recht. Das ist jetzt das große Problem, vor dem vor allen Dingen die kleineren und mittleren Verlage stehen: dass die Abrechnung des Weihnachtsgeschäfts 2018, die planmäßig jetzt erst erfolgen sollte, wegen der Insolvenzanmeldung zurzeit nicht geschehen kann. Das heißt, die Verlage bekommen ihr Geld für diese zurückliegende Zeit zunächst nicht. Wenn dafür nicht Lösungen gefunden werden, kann sich das zu einem erheblichen Problem auswachsen.

Hätte das auch eine Rückwirkung auf die Buchhandlungen?

Wenn sich viele Verlage aus dem Markt verabschieden müssten, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Buchhandlungen. Dann wäre das Angebot, das sie dort präsentieren können, nicht mehr so breit. Der deutsche Buchmarkt steht für Qualität und eine enorme Vielfalt, für die wir weltweit beneidet werden.

Die Anzahl der Buchhandlungen in Deutschland insgesamt geht zurück. Was können Buchhändler tun, um zu überleben?

Vieles haben Buchhandlungen selbst in der Hand. Es gibt aber auch Dinge, die nur schwer vom einzelnen Händler geregelt werden können. Damit meine ich vor allem die Problematik der Innenstädte, die immer weniger attraktiv werden. Die Frequenz von Menschen, die sich in Einkaufsstraßen befinden, lässt nach. Darüber klagt der gesamte Einzelhandel. Es kommt noch hinzu, dass die Mieten in Toplagen sehr teuer sind. Buchhandlungen tun sich sehr schwer, hohe Mieten zu zahlen, weil die Umsatzrenditen im Buchhandelsgeschäft relativ gering sind.

PEN-Zentrum | Übergabe einer Pedition an Regierungssprecher Steffen Seibert (Imago/C. Thiel)

Der Börsenverein, vertreten durch A. Skipis, tritt ein für die Freiheit des Wortes - beispielsweise im Februar 2017 gemeinsam mit dem türkischen Exil-Journalisten Can Dündar, Vertretern des PEN und von Reporter ohne Grenzen für die Meinungsfreiheit in der Türkei

Brauchen wir vielleicht mehr Buchcafés auf dem Land?

In der Tat. Das ist ein gutes Stichwort dafür, was die Buchhändlerinnen und Buchhändler selbst in der Hand haben. Heute reicht es nicht mehr aus, eine Buchhandlung mit Büchern zu bestücken, die Tür aufzumachen und zu warten, dass die Leute kommen. Es müssen attraktive Angebote geschaffen werden, Erlebniswelten und Räume geschaffen werden, in denen Menschen gerne verweilen.

Sei es durch Lesungen, Poetry Slams oder Tauschbörsen, indem man Märchenerzähler einlädt oder regionaler Dichter gedenkt?

Genau so, aber vielleicht muss es auch noch ein bisschen darüber hinausgehen. Buchhandlungen können auch Ort der Diskussion und der Auseinandersetzung sein. In diese Richtung muss man denken, um den Menschen attraktive Angebote zu machen.

Wächst die Bedrohung durch Direktbelieferer wie Amazon, die den Bucheinzelhandel ausschalten?

Das ist ein sehr ernstzunehmender Wettbewerber. Ob die Bedrohung wächst, ist schwer zu sagen. Buchhandlungen haben ja den enormen Vorteil, dass man in der Regel das Buch sofort bekommt oder es über Nacht bestellen kann. Und nahezu jede Buchhandlung hat inzwischen auch einen Online-Shop.

Der Absatz von E-Books ist 2018 enorm gestiegen, fast 13 Prozent mehr wurden umgesetzt. Ist die Digitalisierung eine Gefahr für den stationären Buchhandel?

E-Books sind nicht unbedingt eine Bedrohung für den Buchhandel. Natürlich kann man das E-Book relativ leicht über Plattformen downloaden, allerdings bieten das inzwischen auch viele Buchhandlungen an. Aber da man in der Buchhandlung noch die Beratung dabei hat, ist der Einkauf dort immer ein Mehr an Service gegenüber den reinen Onlineplattformen. Insofern kommt es auch darauf an, dass wir die Vorteile der Digitalisierung mit den Vorteilen des physischen Verkaufs kombinieren. Das ist eine wichtige Aufgabe für den Buchhandel.

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"Jetzt ein Buch", die Kampagne der deutschen Buchbranche, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels koordiniert

Fehlen dem Buchhandel gerade die ganz großen Titel? Harry Potter oder Elena Ferrante – steigern solche Bücher den Gesamtumsatz merklich? Oder kaufen die Menschen, die sowieso Bücher kaufen, dann nicht diese Bestseller, sondern andere Titel?

Extrem marktbeherrschende Bestseller gab es in den letzten Jahren tatsächlich kaum. Große Topseller steigern den Umsatz auf jeden Fall. Aber da ist eine interessante Entwicklung zu sehen: Früher kam ein Titel auf die Bestsellerlisten, wenn davon 500.000 oder 600.000 Bücher verkauft wurden. Heute geht das schon mit einer sehr viel geringeren Auflage.

Das Interview führte Sabine Peschel

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