Lesbos: ″Wir wollen unsere Insel zurück″ | Europa | DW | 24.01.2020
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Griechenland

Lesbos: "Wir wollen unsere Insel zurück"

Mehr als 50.000 Flüchtlinge sitzen unter unsäglichen Umständen auf den griechischen Inseln fest. Auch die Einheimischen leiden unter der Situation. Athen will die Migranten jetzt wegsperren. Von Max Zander, Lesbos.

Tags zuvor war Mytilini noch eine verschlafene Kleinstadt, jetzt brennt hier die Luft. Weiß und blau, die Farben der griechischen Nationalflagge prägen das Bild im Zentrum der Stadt. Mehr als 9000 Menschen sind dem Aufruf des lokalen Gouverneurs Konstantinos Moutzouris gefolgt. Aus ganz Lesbos sind sie nach Mytilini gekommen, um gegen die Migrationspolitik der Regierung in Athen zu demonstrieren. Es ist der größte Protest in der Geschichte der Insel. Die Straße, die rund um den kleinen Hafen führt, ist voll mit Menschen jeden Alters. Gemeinsam wollen sie ihre Stimme erheben und sich wehren, gegen die für sie untragbaren Zustände auf den ägäischen Inseln.

Athen will Flüchtlinge einsperren

Von den Stufen der Stadtverwaltung schwört der Gouverneur die Menge ein. "Wir wollen unsere Insel zurück", ruft er ins Mikrofon. "Wir wollen das Leben zurück, dass wir vorher hatten." Die Menge jubelt.

Dorf und Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos (Drohnenaufnahme: Dimitris Tosidis)

Die türkische Küste ist nur wenige Kilometer entfernt: Dorf (an der Küste) und Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

Mehr als vier Jahre nach Beginn der Flüchtlingskrise hat sich die Situation auf den griechischen Inseln kaum verbessert. Noch 2015 landeten an manchen Tagen tausende Flüchtlinge an den Stränden der Insel im Norden. Die türkische Küste ist von dort nur 10 Kilometer entfernt. Anfangs durften die Neuankömmlinge gleich weiterziehen. Seit 2016 der Flüchtlingsdeal mit der Türkei geschlossen wurde, dürfen sie die Inseln nicht verlassen, bis über ihren Status entschieden wurde. Wer nicht abgeschoben wird und Asyl bekommt, darf auf das Festland. Ankara erhält Geld von der EU, um weitere Menschen an der Flucht zu hindern. Aber dieser Plan hat viele Fehler, und die Flüchtlinge werden immer wieder zum politischen Druckmittel. 

In der griechischen Hauptstadt sind die Proteste der Inselbewohner angekommen: Das Lager von Moria und vier andere Lager auf den Inseln Chios, Samos, Leros und Kos sollen bis zum Sommer dieses Jahres geschlossen werden, erklärte Migrationsminister Notis Mitarakis im Fernsehen. Die Flüchtlinge sollen dann in geschlossenen Zentren untergebracht werden, in denen sie bleiben müssen, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Der Rückstau bei den Asylprüfungen soll abgearbeitet werden.

Europas größte humanitäre Krise

Wer sich ein eigenes Bild von der Katastrophe machen möchte, muss nicht weit fahren. Etwa 15 Minuten Autofahrt entfernt liegt das berüchtigte Camp Moria, der Ort der wohl größten humanitären Krise Europas. Mehr als 20.000 Menschen leben mittlerweile hier. Der sogenannte Dschungel, der neueste Teil des Camps, ist erst wenige Wochen alt und wächst rasant. Der Himmel ist bedeckt an diesem Nachmittag. Zwischen den dicht gedrängten, selbstgezimmerten Hütten pfeift ein eiskalter Nordwind. Jetzt im Winter ist das Leben hier besonders schwer zu ertragen. Ein ausgetrocknetes Flussbett, das diesen Teil des Lagers von dem offiziellen Teil trennt, ist voller Müll. Es stinkt.

Lesbos: Afghanische Familie vor ihrer Hütte im Flüchtlingslager (Dimitris Tosidis)

Warten auf Besserung: Farhad und Rahima sind mit ihren fünf Kindern aus Afghanistan nach Europa geflohen

Die Menschen, die hier ankommen, wissen fast nie, was sie hier erwartet - so wie Farhad aus Afghanistan. Der 35-jährige war Polizist in Afghanistan. Aus Angst vor den Taliban sei er mit seiner Frau und den fünf Kindern nach Europa geflohen. Hier hausen sie in einer winzigen, dunklen Hütte ohne Fenster und Elektrizität. Im Inneren, in einer Ecke des Raums, unter einer Decke, sitzen seine zwei Töchter und schweigen. Zu ihren Füßen schläft ihr kleiner Bruder. Er ist krank, erzählt seine Mutter Rahima. Die noch heiße Asche aus der Feuerstelle vor der Hütte glüht jetzt unter der Bettdecke in einer Pfanne vor sich hin. Sie spendet ein wenig Wärme, füllt aber die Hütte gleichzeitig mit beißendem Rauch. Die Lebensumstände, vor allem die Ungewissheit, machen der Familie zu schaffen. Wie fast alle hier in Moria wissen Farhad und Rahima nicht, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Einheimische fühlen sich bedroht

Dem Lager gegenüber liegt das Dorf Moria, knapp 1000 Menschen leben hier. Das Leben hier ist beschaulich. Ein paar Geschäfte gibt es hier, in denen man das Nötigste kaufen kann, Gemüse, losen Reis, Nüsse und Zahnbürsten. In den Cafés an der Hauptstraße sitzen alte Männer, es wird viel geraucht und Kaffee getrunken, mal mehr, mal weniger miteinander geredet. Seitdem die griechische Regierung begann, immer mehr Menschen nach Moria zu schicken, fühlen sie sich die Bewohner des Dorfs zunehmend bedroht, erzählen sie.

Griechenland Lesbos | (DW/A. de Loore)

Friseurin Christina sieht ihre Zukunft in Moria in Gefahr

So wie Christina. Sie ist zunächst unentschlossen, ob sie sich zu der Situation im Dorf äußern möchte. Die junge Frau mit den blond gefärbten Haaren hat Angst, in die politisch rechte Ecke gestellt zu werden. Christina betreibt den Friseursalon im Dorf, ein kleiner Laden mit drei Stühlen und rot gestrichenen Wänden. Nach einigem Zögern beginnt sie zu reden. Sie spricht schnell und pointiert. Ihre Stimme ist sanft, auch wenn die Dinge, über die sie spricht, alles andere als sanft sind. Zweimal habe man hier bei ihr eingebrochen, erzählt sie. 

"Wir fühlen uns nicht sicher, keiner beschützt uns. Wenn ich meinen Salon verlasse, habe ich Angst ", sagt sie. Christina erzählt, dass sie auch zwei Töchter hat. Sie habe Mitgefühl für Familien im Camp, aber das Leben hier sei für ihre eigene Familie einfach nicht mehr lebenswert. "Wenn das hier noch Jahre so weitergeht, dann können wir hier nicht weitermachen. Wir werden den Ort verlassen müssen, um unser Leben zu leben. Aber warum bin ich es, die gehen muss? Das ist doch nicht fair. "

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Lesbos – Leben im Ausnahmezustand

Keine Unterstützung in Sicht

Auf den Nordägäischen Inseln, zu denen neben Lesbos auch die Inseln Samos und Chios gehören, sind etwa 50.000 Flüchtlinge untergebracht. Laut Gouverneur Moutzouris kommt auf Lesbos mittlerweile ein Flüchtling auf drei Einheimische. Er sagt, Migration habe es hier immer gegeben, aber jetzt seien es viel zu viele Menschen auf einmal und die Inseln überlastet. "Wir wollen, dass die Regierung das Problem ernst nimmt. Wir wollen, dass der Rest Griechenlands begreift, dass hier etwas schiefläuft", sagt Moutzouris.

Griechenland Lesbos | Gouverneur Konstantinos Moutzouris (Dimitris Tosidis)

"Wir wollen unsere Insel zurück": Konstantinos Moutzouris ist skeptisch, dass die Lage sich bald verbessern wird

Jetzt will die Regierung handeln. Wahrscheinlich ist aber, dass zunächst wie jedes Jahr im Frühling die Zahl der Neuankömmlinge steigt und die Situation für Flüchtlinge und Einheimische sich noch weiter zuspitzt.

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