Lebensfrohes Totengedenken: „Nothing is ever lost” | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 30.10.2020
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Deutschland evangelisch-katholisch

Lebensfrohes Totengedenken: „Nothing is ever lost”

Der November ist bestimmt vom Totengedenken. Dass die Erinnerung an die Toten auch mit Lebensfreude verbunden sein kann, das zeigt der „Dia de los Muertos“. Eine Feierform, die langsam auch in Deutschland entdeckt wird.

Ich war noch nie in Mexiko. Und daher kenne ich das dortige Fest um Allerheiligen und Allerseelen nur vermittelt – nicht zuletzt durch den wunderbaren Pixar-Film „Coco“. Der „Dia de los Muertos“ ist eine Explosion für die Sinne: die gelben Chrysanthemen-Girlanden, die schrille Farbenpracht, die essbaren Totenschädel aus Zucker, die Musik, die Kerzen… ein Fest des Lebens für die Toten. Der „Tag der Toten“ strahlt auf eine morbide wie sinnenfrohe Art eine Lebensfreude aus, wie sie hier in Europa an diesem Tag nicht anzufinden ist. Nirgendwo in Europa? Das stimmt nicht ganz.

Die Sinnenfreude der Sinti

Vor Jahren bin ich am 1. November nach Moers-Meerbeck in Nordrhein-Westfalen zum Friedhof gefahren. Da beerdigen viele Sinti und Roma ihre Toten. Und deren Gräberkultur kommt erstaunlich nahe heran an die der Mexikaner. Am Allerheiligentag quellen auch in Moers-Meerbeck die opulenten Marmorgrabanlagen über vor Blumengestecke. Die Luft war damals schwer vom Geruch der Blüten – vornehmlich Rosen und Lilien. Während die Sinti und Roma das Jahr meist verstreut sind in der Republik, gar in ganz Europa, kommen sie an Allerheiligen zu den Gräbern ihrer Ahnen. Und dann setzen sie sich auf die Marmorbänke, die ein kurioser Teil der Grabanlage sind, breiten etwas zu Essen aus auf dem Marmortisch und speisen. Getrunken wurde damals auch – ob es Slivovitz war? Das konnte ich nicht sehen. Aber: Ich sah, wie sie hin und wieder ein Glas des Hochprozentigen in ein Marmorröhrchen neben der Marmorbank gossen – als wollten sie die Toten teilhaben lassen daran, dass sie es sich gerade gut gehen lassen. Ich fand das ebenso skurril wie theologisch hinreißend: Das war, als sei der Tod nicht die ultimative Grenze, als habe er nicht das letzte Wort, sondern sei lediglich so etwas wie eine etwas größere, zeitweilige Trennung zu den Ahnen.

Synkretismus oder Inkulturation?

Aber ist das überhaupt christlich? – könnten Sie jetzt fragen. Schwappt da nicht eine gehörige Portion Aberglaube und Totenkult hinein? Synkretismus ist der Vorwurf. Zugegeben, das Totengedenken war immer wieder Zankapfel der christlichen Theologen, vor allem wenn sich das Christentum einer neuen Kultur gegenüber öffnete. Vor allem der sogenannte „Ritenstreit“ um das Totengedenken der Chinesen im 17. Jahrhundert ist ein trauriger Beleg dafür, wie die katholische Kirche aufgrund einer engstirnigen Auslegung den Zugang zu diesem großen Kulturkreis verspielte. In Mexiko dagegen spiegelt der „Dia de los Muertos“ ebenso etwas von den Auffassungen der indigenen Bevölkerung wieder, wie auch die christliche Hoffnung von der Gemeinschaft der Lebenden und der Toten im auferstandenen Christus. Letztendlich ist nämlich er der Grund, dass auch Christen daran glauben, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist und dass es daher eine Verbindung gibt, die über dieses Leben hinaussteigt.

Ein Stück Mexiko auf Melaten

Sinnfällig wird dies in Mexiko an den sogenannten „Ofrendas“, bunt geschmückten Altären, an denen Fotos, Gegenstände, aber auch Lieblingsgerichte der Verstorbenen liebevoll aufgestellt werden. Die Toten sind so in einer anschaulichen Weise verlebendigt, wie es ein Grablicht mit etwas Tannenschmuck auf dem Grab nur schwer ausdrücken kann. Und so freute ich mich, als ich im vergangenen Jahr am altehrwürdigen Melatenfriedhof zu Köln zufällig Zeuge von ein wenig mexikanischer Lebensfreude am Allerheiligenfest in Deutschland wurde. An Melaten, wo die Kölner Größen von Willy Millowitsch bis Guido Westerwelle ihre letzte Ruhe finden und an dem in diesen ersten Novembertagen nachts die traditionellen Grablichter leuchten wie sonst nirgendwo in der Domstadt, stand nämlich in der sogenannten „Lazarus-Kapelle“ eine typisch mexikanische „Ofrenda“. Die Kapelle – älter als der Kölner Dom – wird von einem Verein meist junger Christen getragen und dort bauen sie, wie in Mexiko, einen Altar auf mit vielen Kerzen, bunten Blumen, Bildern und Erinnerungsstücken an Verstorbene. So entdeckte ich ein Bildnis von Kardinal Meisner.

Und so fühlte ich mich in dieser altehrwürdigen Kapelle in Köln nicht nur daran erinnert, dass mein katholischer Glauben weltweit vernetzt ist, ich spürte in der ansonsten drückenden Novemberstimmung ein Aufblitzen jener Lebensfreude, die der Tod nicht stoppen kann. „Nothing is ever lost“, schrieb einst der Soziologe Robert Bellah – nichts ist je vergessen. Das ist meine Hoffnung als Christ, in der ich mich in diesen Tagen verbunden fühle mit all den lieben Menschen, die nicht mehr unter den Lebenden sind.

 

Klaus Nelißen (41) ist stellvertretender katholischer Rundfunkbeauftragter der NRW-Bistümer beim WDR. Der studierte Theologe und ausgebildete Journalist ist Pastoralreferent des Bistums Münster.