Lügen machen krank und einsam | Wissen & Umwelt | DW | 19.12.2017
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Psychologie

Lügen machen krank und einsam

Falsche Entschuldigungen, geheucheltes Interesse, faule Ausreden: Wir alle lügen und gehen so Konflikten aus dem Weg. Doch so harmlos, wie es klingt, ist es nicht. Lügen können krank machen und Beziehungskiller sein.

Alles bestens, es geht mir gut! Das ist die häufigste Lüge, die Menschen einander erzählen. Außerdem finden sich neben allerlei falschen Entschuldigungen ("Ich hatte keinen Handyempfang", "Ich stand im Stau") auch Schwindeleien wie "Du hast abgenommen" unter den Top-Alltagslügen, die eine Umfrage des Science Museum of London auflistet.

Eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research nimmt an, dass fast 60 Prozent der Deutschen jeden Tag lügen. Dabei ist Lügen kein deutsches, sondern ein globales Phänomen. Untersuchungen gehen davon aus, dass die meisten Menschen während eines zehnminütigen Gesprächs mindestens einmal die Unwahrheit sagen. Ob diese Zahlen stimmen, lässt sich nur schwer sagen. Immerhin sind die Forscher bei ihren Umfragen darauf angewiesen, dass die Probanden die Wahrheit sagen, wenn es um ihre Lügen geht.

Wie du mir, so ich dir

"Ich lüge, damit meine Mutter zufrieden ist", schreibt ein Facebook-Nutzer, nachdem die Deutsche Welle ihre Nutzer nach den Gründen für ihre Unehrlichkeit gefragt hat. Jemanden aufzumuntern oder eine Freude zu machen ist für 49 Prozent der befragten Deutschen ein triftiger Grund zu Lügen. "Das menschliche Miteinander funktioniert nur dann gut, wenn man den Selbstwert der anderen nicht schädigt", sagt Marc-André Reinhard, Sozialpsychologe an der Uni Kassel. Eine Gesellschaft ohne Lügen sei deshalb nicht vorstellbar. "Wir sind sehr empfindlich, wenn es um negative Informationen zu unserer eigenen Person geht, die unser Selbstbild schädigen." Und weil die Wahrheit oftmals weh tut, bleiben wir bei den kleinen Lügen.

Deshalb loben wir die neue Frisur der Freundin lieber, anstatt ihr zu sagen, dass sie scheußlich ist. Im Gegenzug sagt sie vielleicht nicht "Du bist aber dick geworden." Die Rechnung geht so: Achtest du meinen Selbstwert, achte ich deinen.

Weniger Lügen: Weniger Kopfweh und Depressionen

Ein Hoch auf die Lüge also? Ganz so einfach ist es nicht. Denn zu viele Lügen machen krank. Dieselben kleinen Unwahrheiten, die wir erzählen, um anderen eine Freude zu machen oder uns selbst zu schützen, können uns psychisch und körperlich schädigen. Je nach Ausmaß der Lügerei kann es sehr anstrengend werden, permanent etwas vortäuschen zu müssen. Eine Studie der American Psychology Association unter Federführung der Psychologin Anita Kelly konnte zeigen, dass weniger Lügen offenbar zu einer besseren Gesundheit führen.

Symbolbild Kopfschmerzen Migräne (Andrzej Wilusz/Fotolia)

Permanente Unehrlichkeit kann zu Kopfschmerzen, Angstzuständen und Depressionen führen

Die Wissenschaftler wiesen eine Gruppe von Menschen an, auf möglichst viele sogenannte "white lies" - also Alltagslügen - zu verzichten. Darunter fallen nicht nur falsche Entschuldigungen und Schutzbehauptungen, sondern auch Übertreibungen, die die eigene Person positiver und interessanter aussehen lassen sollen. Anhand einer Kontrollgruppe, die sich weiter durch den Alltag schwindelte, überprüften die Forscher, inwieweit sich das Wohlbefinden und die Gesundheit der Probanden mit dem reduzierten Lügen veränderten.

Nach zehn Wochen berichteten diese, dass sie weniger angespannt, melancholisch oder depressiv waren - und körperliche Symptome wie Kopfschmerzen weniger wurden oder ganz verschwanden. Außerdem hatten sich die zwischenmenschlichen Beziehungen der Probanden durch die geringere Anzahl an Lügen nicht etwa verschlechtert - sondern im Gegenteil - vertieft und verbessert.

Lügen für die Liebe

"Ich habe Angst, nicht mehr gemocht oder geliebt zu werden, deshalb lüge ich", schreibt ein anderer Facebook-Nutzer. Jede Übertreibung, jede Ausrede, jedes falsche Lächeln dient deshalb nicht nur dazu, den Selbstwert einer anderen Person zu schützen, sondern vor allem dem Schutz unserer eigenen Person. Schließlich wollen wir alle gemocht werden und dazugehören.

Aber obwohl wir alle ständig flunkern, haben wir grundsätzlich die Erwartung, dass unser Gegenüber ehrlich mit uns ist. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Menschen unbewusst wahrnehmen, wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird. Zu viele Lügen schaffen darum Distanz und säen Misstrauen zwischen Menschen.

Pärchen händchenhaltend (picture-alliance/chromorange)

Eine kleine Lüge vermeidet zwar so manchen Konflikt, hält aber auch die auf Abstand, denen wir nahe sein wollen

Wenn wir allerdings in der Lage sind - wenn auch unbewusst - zu erkennen, dass jemand übertreibt, sich herausredet oder ein unechtes Lächeln aufsetzt, dann verfehlt die ganze Unehrlichkeit zumindest teilweise ihre Wirkung. Wir ersparen uns dadurch vielleicht so manchen Konflikt, doch Menschen, denen wir eigentlich nah sein wollen, bleiben eben auch lieber auf Distanz.

Wir brauchen unsere Lügen einerseits, um nicht mit jedem Arbeitskollegen in Konflikt zu geraten, andererseits schadet die Unwahrheit unserer Gesundheit und unserem Wunsch nach enger Bindung mit anderen Menschen. Was sollen wir also tun?

Immer und überall auszusprechen, was einem gerade durch den Kopf geht, ist nicht die einzige Alternative zum Lügen. Die Psychologin Kelly schlägt vor: Weniger ist mehr. Weniger Übertreibungen, weniger Ausreden. Stattdessen vielleicht einfach ein "Es tut mir leid". Außerdem kann es helfen, schreiben die Wissenschaftler, sich das Lügen zu verbieten. Wer das macht, vermeidet es, Dinge zu tun, über die er hinterher lügen muss.

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