Kurzsichtigkeit: Wenn der Hund eine Brille braucht | Wissen & Umwelt | DW | 24.09.2018
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Kurzsichtigkeit: Wenn der Hund eine Brille braucht

Nicht nur Menschen können kurzsichtig sein. Auch das eine oder andere Tier hat mit dem Blick in die Ferne so seine Probleme. Und auch wenn man's nicht für möglich hält: Hin und wieder muss sogar der Optiker ran.

Piper sieht aus wie ein ganz normaler Border Collie: langes, schwarz-weißes Fell, nach vorne gekippte Ohren, liebes Gesicht. Sie verhält sich auch ganz normal, kommt neugierig angelaufen und lässt sich gerne kraulen.

Selbst ihre Besitzer, Uwe und Andrea Kerschsieper aus Oberhausen, wussten viele Jahre nicht, dass die Hundedame extrem kurzsichtig ist. Sie wunderten sich nur darüber, dass das Ballspielen mit ihr nicht so gut klappte. "Wenn wir ihr einen Ball entgegenwarfen, hat Piper immer nur den Kopf weggedreht, statt ihn zu fangen", erzählt Uwe Kerschsieper. "Aber naja, wir dachten halt, sie sei einfach faul." Und seine Frau Andrea fügt hinzu: "Oder dass sie möglicherweise das Spiel nicht verstanden hat."

Seit gut einem Jahr kennt das Ehepaar den wahren Grund: Piper hat minus 3,5 Dioptrien. Sie sieht den heranfliegenden Ball einfach viel zu spät. Wer selbst stark kurzsichtig ist, weiß, wie sehr die Umgebung ohne Sehhilfe verschwimmt. 

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Sehen hilft beim Springen

Vom Bällefangen abgesehen, macht Piper ihre Kurzsichtigkeit im Alltag nichts aus, erzählt Andrea Kerschsieper. Spaziergänge im Wald meistert sie jedenfalls hervorragend.

Wirklich bemerkbar macht sich Pipers Kurzsichtigkeit erst im Hundesport, dem Agility. Dabei müssen die Tiere analog zu Springpferden einen Hindernis-Parcours überwinden, kriechen durch Tunnel, laufen über Stege und springen über Hürden, angeführt von ihren Besitzern.

Piper trainiert einmal die Woche in der Hundesporthalle in Wülfrath, einer kleinen Stadt in der Nähe von Wuppertal. Und das macht ihr auch sichtlich viel Spaß: Wenn andere Hunde an der Reihe sind, sitzt sie winselnd neben dem Parcours und kann es nicht abwarten, endlich selbst loszulegen.

Allerdings: Mit dem Springen hatte Piper immer Schwierigkeiten. "Sie springt immer zu früh ab und bei Doppelhürden reißt sie dann die hintere Stange", erklärt Andrea Kerschsieper. "Wir haben 2,5 Jahre mit ihr Sprungtraining gemacht, mit Hürden unterschiedlicher Höhen und unterschiedlicher Distanzen. Aber es hat sich nichts verändert."

Kein Wunder, Sprungtraining hilft schließlich nicht gegen Kurzsichtigkeit. Was wirklich hilft: Piper bekommt vorm Training jetzt immer eine Brille an. 

Sehhilfen für Hunde

Piper hält brav still, während ihr Herrchen ihr die Brille überstreift. Die ist übrigens rosa – "meine Frau hat die Farbe ausgesucht", verteidigt sich Uwe Kerschsieper schnell. 

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Brille für kurzsichtige Hunde in der Nahaufnahme (Foto: Brigitte Osterath)

Eine Brille für Hunde sieht aus wie eine Schwimmbrille - nur mit der entsprechenden Dioptrienstärke

Ansonsten sieht die Hundebrille aus wie eine Schwimmbrille aus Plastik, hat aber gleich zwei Gummibänder: Eines befestigt Kerschsieper hinter Pipers Kopf, eines unter ihrem Kinn. "Unterm Kinn mache ich es etwas strammer, sonst rutscht die Brille später", erklärt er. Dann kontrolliert er, ob an den Ohren alles schön sitzt. Schließlich bekommt Piper noch ein Leckerchen, weil sie so lieb ist. Anfangs habe sie immer versucht, die Brille mit den Pfoten abzuwischen, aber das haben die Kerschsiepers ihr schnell abgewöhnt.

Kurzsichtige Hunde sind gar nicht so ungewöhnlich, erklärt Ariane Petzold, Augentierärztin in Aachen. Sie ist eine von wenigen Spezialisten in Europa für Fehlsichtigkeiten bei Tieren. Petzold hat Piper vor gut einem Jahr untersucht und ihr dann die Brille anfertigen lassen. "Ja, Kurzsichtigkeit kommt auch bei Tieren vor", bestätigt sie, "und zwar nicht nur bei Hunden, sondern beispielsweise auch bei Katzen und Pferden." 

Mischlingshündin Cleo probiert eine Brille bei der Augentierärztin Ariane Petzold in Aachen an (DW/Brigitte Osterath)

Anprobe bei Augenärztin Petzold: Mischlingshündin Cleo bekommt eine neue Brille

"Wie viel Dioptrien braucht mein Hund?"

Ob ein Tier tatsächlich kurzsichtig ist, lässt sich nicht so leicht bestimmen wie beim Menschen. "Ich kann die natürlich nicht vor eine Tafel setzen und mir Buchstaben vorlesen lassen, die immer kleiner werden", sagt die Tierärztin und lacht.

Stattdessen nutzt sie ein Gerät namens Skiaskop, das man auch bei Säuglingen anwendet. Damit leuchtet sie ihrem Patienten ins Auge. Daraus, wie sich der Lichtstrahl auf der Netzhaut des Auges bewegt, zieht sie Rückschlüsse darauf, ob das Tier normal-, kurz- oder weitsichtig ist.

Anschließend greift Ariane Petzold zu Gläsern unterschiedlicher Dioptrienstärke. Das ist nicht viel anders als beim Menschenoptiker auch, sagt sie: "Wenn man da sein Kinn aufsetzt und irgendwo durchguckt, probiert der Optiker verschiedene Linsen und fragt: 'Besser, schlechter?' Diese Linsen habe ich in einer Leiste, wie in einem Lineal."

Die hält sie vor das Auge des Tieres und vergrößert die Stärke so lange, bis die Messung ein normalsichtiges Auge anzeigt. Dann weiß die Tierärztin, wie viel Dioptrien das Tier braucht.

Dioptrienleiste für Hundebrille (Foto: Brigitte Osterath)

Mit solch einer Dioptrienleiste wird die genaue Sehschwäche des Hundes gemessen

Jetzt klappt's auch mit dem Absprung

Piper ist inzwischen ganz in ihrem Element: Ihr Hundesporttraining hat begonnen. Sie rast durch einen Tunnel und nimmt dann eine Hürde. "Jawoll!" ruft Agility-Trainer Daniel Schröder. "Die springt gut heute."

Schröder trainiert Familie Kerschsieper seit vielen Jahren und hat mitbekommen, was so eine Brille ausmachen kann. "Bei Piper sind die Absprünge wesentlich besser geworden", erzählt der junge, dynamische Hundetrainer. "Früher ist sie oft zu früh abgesprungen − und dann voll in die Stange rein. Das passiert mit der Brille gar nicht mehr oder nur noch ganz selten."

Allerdings engt die Brille Pipers seitliches Sichtfeld ein, und das macht es für Uwe Kerschsieper im Parcours schwieriger: Er muss ihr früher und mehr Kommandos geben, damit sie weiß, wo es als nächstes hingeht.

Daniel Schröder kennt auch ein paar kurzsichtige Hunde, die mit Kontaktlinsen trainieren. Allerdings hält er die Verletzungsgefahr für recht hoch. Wenn der Hund mit dem Auge eine Stange rammt, könnte der Fremdkörper ganz schön Schaden im Auge anrichten, befürchtet er. Kontaktlinsen gehen außerdem beim Training schnell verloren und gehen mit 90 Euro pro Stück dann recht schnell ins Geld.

Bei kurzsichtigen Turnierpferden hingegen sind Kontaktlinsen Standard, erzählt Petzold, denn Brillen für Pferde gibt es nicht. Katzen wiederum brauchen weder Brillen noch Kontaktlinsen – einfach weil es bisher keinen Katzensport gibt. Wenn eine Katze in der Wohnung mal das Sofa verfehlt, taxiert sie beim nächsten Mal eben länger.

Ein unbekanntes Phänomen

Noch weiß die Wissenschaft kaum etwas über Fehlsichtigkeiten bei Hunden, etwa wie sie entstehen oder ob sie vererbt werden, sagt Augentierärztin Petzold.

Pipers Halbbruder ist ebenfalls kurzsichtig, was vielleicht für eine genetische Veranlagung spricht.

US-Forscher von der University of Wisconsin und der University of California in Berkeley haben zudem herausgefunden, dass Kurzsichtigkeit bei einigen Hunderassen besonders häufig vorkommt, etwa bei Rottweilern und Deutschen Schäferhunden. 

Aber Tiere müssen kein Auto fahren, schauen kein Fernsehen und verlassen sich viel mehr auf ihren Riechsinn als wir Menschen. Kein Wunder also, dass kurzsichtige Tiere im Alltag viel weniger Schwierigkeiten haben – und das Phänomen daher auch kaum bekannt ist.

Auch Piper hat die Brille nur, weil ihr das Agility so viel Spaß macht, sagt Andrea Kerschsieper. "Die ist da echt heiß drauf. Das ist ihr Sport und war immer ihr Sport, ansonsten würden wir damit aufhören." Wer Piper beim Agility einmal zuschaut, weiß, wie Recht ihr Frauchen damit hat.

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