Kryptowährungen: Afrikas leise Revolution | Afrika | DW | 29.10.2020
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Wirtschaft

Kryptowährungen: Afrikas leise Revolution

Kryptowährungen wie Bitcoin werden in Afrika immer beliebter - auch, weil mobiles Bezahlen auf dem Kontinent längst zum Alltag gehört. Für die junge, technikaffine Bevölkerung hat das virtuelle Geld viele Vorteile.

Afrika steckt mitten in einer wirtschaftlichen Revolution: Letztes Jahr ist die Zahl der Überweisungen in Kryptowährungen von und nach Afrika deutlich gestiegen - bei Summen von unter 10.000 US-Dollar (8500 Euro) um 55 Prozent. Der Höchststand wurde laut US-Analysefirma Chainanalysis mit 316 Millionen US-Dollar im Juni erreicht.

Die Zahlen dürften weiter steigen. Während Kryptowährungen in anderen Teilen der Welt hauptsächlich für Finanzspekulationen verwendet werden, zeigt sich in Afrika ein anderer Trend. Hier wird das virtuelle Geld hauptsächlich im Handel genutzt. Einzelpersonen und kleine Unternehmen in Nigeria, Südafrika und Kenia sind für den Großteil dieser Aktivitäten verantwortlich.

Was ist eine Kryptowährung?

Einfach ausgedrückt handelt es sich bei Kryptowährungen um virtuelles Geld, das wie echtes verwendet werden kann: Zum Beispiel, um Überweisungen an andere Menschen zu tätigen oder um Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Das "Krypto" in Kryptowährung kommt von der komplexen Kryptographie (verschlüsselte Codes), die zur Erstellung und Aufzeichnung von Transaktionen verwendet wird.

Kryptokurren - Ethereum

Ethereum ist eine der Kryptowährungen, die sich in Afrika wachsender Beliebtheit erfreuen

Kryptowährungen zielen darauf ab, zwischengeschaltete Vermittler wie Kreditkartenunternehmen oder Banken zu umgehen. Dadurch wird es günstiger, Geld von einer virtuellen Brieftasche in eine andere zu transferieren. Kryptowährungen werden auch nicht von einer zentralen Instanz kontrolliert, was sie theoretisch vor jeglichen Einmischungen von Regierungen schützt.

Über 6000 Kryptowährungen weltweit

"Bei Kryptowährungen denken die meisten einfach nur an Geld im Internet", sagt Elisha Owusu Akyaw, ein in Ghana ansässiger Vermarkter von Kryptowährungen und Gründer von BlockNewsAfrica. "Im Grunde genommen nutzen Kryptowährungen Technologie, um Geld transparenter und weniger zentralisiert zu machen, so dass jeder die Zukunft des Finanzwesens mitgestalten kann", so Akyaw im DW-Interview. 

Bitcoin - die erste und bei weitem beliebteste Kryptowährung - wurde 2008 von einer unbekannten Person oder Gruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto erschaffen. Inzwischen gibt es mehr als 6000 weitere Kryptowährungen, darunter beliebte Optionen wie Ethereum und Litecoin.

Startvorteil für Afrika

Für den ghanaischen Tech-Unternehmer Emmanuel Tokunbo Darko ist es wenig überraschend, dass Kryptowährungen in Afrika so gut angenommen werden. Schließlich würde das virtuelle Geld nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren wie mobile Bezahldienste, die sich auf dem Kontinent schon lange großer Beliebtheit erfreuen. "Dadurch fällt es Afrikanern leichter, Kryptowährungen zu verstehen als den Menschen im Westen, die einen besseren Zugang zu Banksystemen haben", so Darko im DW-Interview.

Afrika ist gut aufgestellt, um vom Boom der Kryptowährungen zu profitieren. Der Kontinent hat einen wachsenden Pool ausgebildeter Fachleute und potentieller Unternehmer. Hinzu kommt, dass die hohe Arbeitslosigkeit in vielen afrikanischen Ländern dazu führt, dass junge Menschen traditionelle Wirtschaftsbereiche links liegen lassen und neue Wege suchen, um Geld zu verdienen.

Schaufenster-Werbung M-Pesa und Yu Cash

Mobile Bezahldienste wie M-Pesa gehören in vielen afrikanischen Ländern längst zum Alltag

Kryptogeld-Vermarkter Elisha Owusu Akyaw glaubt, dass sich junge Leute auch deshalb für das virtuelle Geld interessieren, weil es kaum Arbeit für Schul- und Universitätsabsolventen gibt. "Dank Kryptowährungen sind diese Menschen in der Lage, ihr eigenes Unternehmen zu gründen und sie ermöglichen es ihnen, für große Marken außerhalb ihres eigenen Landes zu arbeiten und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Akyaw.

Währungsinstabilität vermeiden

Unzuverlässige lokale Währungen und Hyperinflation würden ebenfalls zum Boom der Kryptowährungen beitragen, sagt Chris Becker, der für die südafrikanische Bankengruppe Investec als Blockchain-Experte arbeitet. Als der simbabwische Dollar 2015 ins Bodenlose fiel, hätten sich etwa einige Simbabwer Bitcoin zugewendet. "Es gibt jetzt diese Alternative zu den traditionellen, von der Regierung verwalteten Währungen, bei denen es in der Vergangenheit immer wieder Probleme und negative Nebenwirkungen gegeben hat."

Im besten Fall könnte das Entstehen von Kryptowährungen einigen afrikanischen Volkswirtschaften sogar helfen, glaubt Becker. "Diese konkurrierenden Währungen existieren neben den einheimischen Währungen, was diesen Volkswirtschaften meiner Meinung nach ein höheres Maß an Widerstandsfähigkeit verleihen wird."

Simbabwe Währung

Taugen Bitcoin & Co. als Alternative zu Währungen, die von Hyperinflation geplagt sind?

Krypto für die Diaspora

Auch Mitglieder der afrikanischen Diaspora in aller Welten haben Kryptowährungen für sich entdeckt. Sie nutzen das virtuelle Geld, um ihre Familien auf dem Kontinent zu unterstützen. Für Emmanuel Darko ein logischer Schritt. "Die Kosten für Überweisungen nach Afrika sind astronomisch, manchmal bis zu 20 Prozent des Überweisungsbetrags. Aber es gibt Kryptowährungen, die es den Menschen erlauben, Geld praktisch umsonst nach Afrika zu schicken", so Darko.

Ein Unternehmen, das solche Geldtransfers anbietet, ist BitPesa. Das 2013 gegründete Unternehmen mit Sitz in Nairobi, Kenia, nutzt Bitcoin als Medium für internationale Überweisungen. Dadurch werden Bank- und Wechselgebühren zwischen verschiedenen Währungen vermieden.

Ein riskantes Unterfangen?

Kryptowährungen haben allerdings auch ihre Risiken - beispielsweise durch die hohe Volatilät der Preise. Zudem sind virtuelle Währungen in den meisten afrikanischen Ländern nach wie vor unreguliert und ihr rechtlicher Status ist oft unklar. Das bedeutet, dass es kein Sicherheitsnetz gibt, falls etwa Gelder verloren gehen. Vor allem kurzfristig orientierte Anleger können von plötzlichen Kurseinbrüchen hart getroffen werden.

Darko mahnt deshalb zur Vorsicht: Jeder, der mit Kryptowährungen handeln will, sollte sich zuerst informieren. "Aufgrund von fehlendem Wissen fallen manche Menschen auf Betrügereien rein, die mit Krypto nichts zu tun haben. Man sollte sich also informieren", so Darko. Auf den ersten Blick sei das Prinzip hinter den Währungen zwar sehr komplex. "Aber wenn man sich die Zeit nimmt, es zu verstehen, dann ist es in Wahrheit sehr simpel."

Vermarkter wie Akyaw warnen, dass Menschen mit wenig Erfahrung am ehesten auf Betrugsmaschen hereinfallen oder in die falschen Märkte investieren. "Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie sind für junge, gebildete Menschen leichter zu verstehen", sagt Akyaw. Gerade älteren Leuten falle es hingegen schwerer, die Technologie in ihrer Funktion zu begreifen.

Was bringt die Zukunft?

Derweil versuchen einige afrikanische Länder, ihre Gesetze an eine Zukunft anzupassen, in der Kryptowährungen möglicherweise zur Normalität werden. Vorreiter ist Afrikas größte Volkswirtschaft Nigeria, die erst kürzlich Kryptowährungen legalisiert und Richtlinien für digitale Währungen und kryptobasierte Unternehmen erlassen hat.

Elfenbeinküste Symbolbild Handynutzung

Für die junge, technikaffine Bevölkerung in Afrika bieten Kryptowährungen viele Vorteile

Andere Länder werden ebenfalls aktiv. Südafrikas Finanzbehörden, darunter die Zentralbank, veröffentlichten im April ein Grundsatzpapier mit Empfehlungen, wie Kryptowährungen in Zukunft reguliert werden könnten. Kenia hingegen will ab Januar 2021 mit einer digitalen Steuer experimentieren und könnte damit möglicherweise die Tür für eine stärkere Regulierung von Kryptowährungen öffnen.

Noch ist unklar, inwieweit sich Kryptowährungen in Afrika tatsächlich durchsetzen werden. Für Vermarkter Akyaw ist aber klar: Junge Afrikaner sollten sich in jedem Fall damit befassen. "Es macht Sinn, weil sich das Finanzsystem in diese Richtung entwickeln wird", sagt Akyaw. Viele große Unternehmen hätten das Potential von Kryptowährungen zunächst nicht ernst genommen und deren baldiges Ende prophezeit. "Das war vor zehn Jahren – heute gibt es Kryptowährungen immer noch und sie wachsen schneller denn je."

Adaption: Jan Wilhelm

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