Kortschemnaya: ″Unser Projekt lebt weiter″ | Aktuell Welt | DW | 21.10.2016
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Russland

Kortschemnaya: "Unser Projekt lebt weiter"

Russische Behörden haben eine Webseite abgeschaltet, die sexuelle Beratung für homosexuelle und transgender Jugendliche anbot. Projektkoordinatorin Chana Kortschemnaya beklagt eine staatlich unterstützte Homophobie.

Der Kreml in Moskau (Foto: picture alliance/ZB/J. Kalaene)

Russische Behörden - im Bild der Kreml - haben die Internetseite des Projekts "Kinder 404" abgeschaltet

Deutsche Welle: Ihr Projekt "Kinder 404" sollte den Jugendlichen in einer der schwierigsten Phase ihres Lebens helfen, in der Phase der sexuellen Orientierung. Sie haben moralische und psychologische Hilfe geleistet. Mit welchen Problemen, mit welchen Geschichten hatten Sie konkret zu tun?

Kinder 404 Chana Kortschemnaya (Chana Kortschemnaya)

Chana Kortschemnaya

Chana Kortschemnaya:In einem Drittel aller Briefe ging es um Beziehungen zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern. Etwas weniger Zuschriften bekamen wir zum Thema Überleben im Schulalltag, Mobbing. Manche Jugendliche berichteten von ihrer ersten Liebe. Viele erzählten uns, wie sie ihre Religiosität mit ihrer sexuellen Orientierung im Einklag zu bringen versuchten, über die erlebte sexuelle Gewalt, Selbstverletzungen und Selbstmord-Gedanken. Manchmal kamen auch Worte der Unterstützung von Menschen, die nichts mit dem Thema Homosexualität zu tun hatten. Die wenigsten Briefe kamen von toleranten Eltern.

Im Februar 2014 wendete sich an uns eine 19-jährige Frau. Sie schrieb, dass ihre Eltern eine so genannte "korrigierende Vergewaltigung" für sie ausgedacht und durchgeführt haben, um sie vom "Lesbischsein" zu heilen. Viele haben die Geschichte damals für ein Fake gehalten. Aber heute kennen wir schon 23 solche Fälle. Außerdem haben wir mittlerweile 30 Berichte von Verwandten und Freunden von schwulen und lesbischen Jugendlichen, die sich das Leben genommen haben.

Trotzdem hat die Aufsichtsbehörde Roskomnadzor ihre Internet-Seite abgeschaltet, ohne Angabe genauer Vorwürfe, wohl aber weil die Behörde sie für schändlich hielt. Warum glauben Sie, dass Ihre Arbeit so wichtig ist?

Weil wir einen geschützten Raum für Jugendliche geschaffen haben, in dem sie über das Thema sexuelle Orientierung sprechen konnten. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hat das vor uns keiner gemacht. Wir koordinieren, bringen Jugendliche aus dem ganzen postsowjetischen Raum mit professionellen Psychologen zusammen, die es wagen, moderne wissenschaftliche Erkenntnisse über die Homosexualität zu respektieren und die ihren eigenen professionellen Standarten folgen. Alle 22 Psychologen arbeiten bei uns ehrenamtlich.

Sie meinen, arbeiteten? Ihre Seite wurde doch abgeschaltet?

Ja, aber unser Projekt lebt weiter. Die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen erreicht uns über das russische soziale Netz "Vkontakte", dort gibt es uns noch. Man hat uns zwar auch dort blockiert, aber wir haben immer neue Gruppen gegründet. Mittlerweile schon die dritte. Überhaupt kommen zu uns Menschen, die in einer Umgebung der Toleranz über die Themen sprechen möchten, über die sie sonst in Russland kaum sprechen können. Besonders freuen uns Briefe, die mit dem Satz beginnen: "Früher war ich ein Schwulenhasser, aber nachdem ich die Briefe der Jugendlichen gelesen hatte, fing ich an darüber nachzudenken." Schön zu hören, dass dank unserer Arbeit manche ihren selbstkritischen Geist und logisches Denken entdecken.

Das Thema des Coming-Out gibt es überall auf der Welt. Was ist das Besondere daran in Russland?

Wir haben festgestellt, dass nur ein Sechstel aller Jugendlichen, die uns schreiben, ein Coming-Out gewagt haben. Die Reaktionen der Gleichaltrigen waren dabei etwas besser als die der Eltern. Das betrifft übrigens auch erwachsene Schwule und Lesben. Laut unseren Umfragen haben die Eltern nur in jedem fünften Fall das Coming-Out ihres Kindes positiv oder neutral aufgefasst. Alle anderen Reaktionen waren negativ. Nach meiner eigenen Erfahrung sind es gerade die Eltern, die selbst jahrelang sozial benachteiligt waren, die von ihren Vorgesetzten Hass spürten, deren Freunde gezwungen waren, ihr Land zu Sowjetzeiten zu verlassen - Eltern, von denen wir erwarten würden, sie könnten ihre Kinder besonders gut verstehen. Gerade sie distanzieren sich aber von ihren Kindern, reagieren gereizt, ignorieren das Thema und fürchten überhaupt "schlimme" Wörter wie schwul oder lesbisch.

Russland ist homophob. Das ist bekannt. Sie wurden zum Beispiel bedroht. Haben Sie Angst um Ihr Leben und Ihre Gesundheit?

Es gibt Kollegen, die schlimmere Drohungen erleben als ich. Täglich. Jeder offen schwul oder lesbischer Russe erlebt das. Wir arbeiten online, protestieren nicht auf der Straße, darum werden wir auch von Internet-Trollen bedroht. Ich lösche normalerweise ihre Hasskommentare. Andere Kollegen aber lassen sich auf Diskussionen ein und sind manchmal ziemlich unglücklich.

Glauben Sie, diese Situation wird sich in Russland ändern?

Natürlich! Sie ändert sich jetzt schon. Aufklärung ist hier das Wichtigste - in der Sprache und Form, die für die Leute verständlich ist. Wichtig ist eine gewaltfreie Kommunikation, Diskussionskultur und die Fähigkeit zuzuhören.

Das Interview führte Juri Rescheto.

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