Konkurswelle in der Türkei | Wirtschaft | DW | 09.10.2018
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Wirtschaftskrise

Konkurswelle in der Türkei

Die Wirtschaftskrise in der Türkei stürzt viele Unternehmen in den Ruin. Zahlreiche traditionelle Firmen versuchen nun, ein geregeltes Konkursverfahren durchzuführen. Doch viel Hoffnung bietet dieses Verfahren nicht.

"Unser erster Fehler war der Devisenkredit von 9,5 Millionen Dollar im Jahr 2013. Wir hätten nie damit gerechnet, dass sich der Devisenkurs einmal so zu unserem Nachteil entwickeln würde." Murat Kaşıbeyaz ist Vorstandsvorsitzender der bekannten Restaurantkette Kaşıbeyaz, die Konkurs anmelden musste, weil sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnte.

Doch Kaşıbeyaz ist nicht alleine: In den vergangenen zehn Jahren ließen sich viele türkische Firmen darauf ein, Kredite auf Dollarbasis zu aufzunehmen. Als Ende des vergangenen Sommers die Türkische Lira gegenüber dem Dollar rapide an Wert verlor, drohte ihnen jedoch die Zahlungsunfähigkeit. Um diese zu umgehen, eröffnen nun immer mehr Firmen ein geregeltes Konkursverfahren.

Letzte Alternative zum Bankrott

Das Konkurssystem in der Türkei ist, vereinfacht gesagt, ein neuer Vertrag zwischen den Schuldnern und den Gläubigern. Für diesen neuen Vertrag müssen die verschuldeten Firmen einen Konkursantrag beim Handelsgericht stellen.

Die Gläubiger verzichten im Rahmen dieses Vertrags auf einen Teil der Schulden, während die verschuldeten Firmen sich ihrerseits verpflichten, mit ihrem Firmenbesitz den als Schulden vereinbarten Betrag zu begleichen. Entscheidet das Gericht jedoch, dass eine Firma die Kriterien für einen solchen Konkursvertrag nicht erfüllt, wird der Antrag abgelehnt und die Firma muss Insolvenz anmelden. Das ist auch für die Gläubiger keine attraktive Lösung, denn bei einer Insolvenz wird der gesamte Firmenbesitz beschlagnahmt. 

In den letzten Monaten haben in vielen Teilen der Türkei Firmen verschiedener Sektoren Konkurs angemeldet. Darunter sind wichtige Marken der Geschäftswelt wie zum Beispiel der größte Hühnerfleisch-Produzent der Türkei, Kleinhandels-Riesen mit hunderten von Filialen sowie viele Schuhfirmen zu finden.

"Noch nie so viele Konkursmeldungen wie heute"

 Jeden Tag wenden sich immer neue Firmen an die Gerichte, um Konkurs anzumelden. Auch wenn es keine offiziellen Zahlen gibt, wird die Zahl der Firmen, die bei den Handelsgerichten einen Antrag eingereicht haben, auf über 3000 geschätzt. Man geht davon aus, dass bis zum Jahresende ihre Zahl auf 7000 ansteigen wird.

Orhan Turan ist Vorsitzender der Türkischen Föderation für Unternehmen und Gewerbe (TÜRKONFED), die über 24.000 Mitglieder hat und der knapp 40.000 Firmen angehören. Gegenüber der DW erklärte er, dass die Türkei in der jüngsten Vergangenheit, in den Jahren 2001 und 2008, Wirtschaftskrisen erlebt habe. Aber noch nie hätten so viele Firmen Konkurs angemeldete wie heute.

Die türkische Wirtschaft wird zu einem großen Teil von kleinen Firmen getragen, erklärt Turan. Es wäre daher besser, führt er aus, bei den Maßnahmen den kleinen Firmen Vorrang zu geben. "Wir stehen in ständigem Kontakt zu unseren Mitgliedern im ganzen Land. Von der größten Firma bis zum Tante-Emma-Laden, alle sind von denselben Problemen betroffen. Wir machen uns Sorgen, dass die Zahl der Konkurs anmeldenden Firmen noch weiter steigen wird", so Turan.

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Türkische Wirtschaft verliert an Schwung

"Alle betrachten einander als Risiko"

Turan macht darauf aufmerksam, dass in der EU große Firmen, die von kleineren Firmen Käufe tätigen, ihre Schulden innerhalb von 30 Tagen begleichen müssen. "In der Türkei beträgt diese Frist 90 Tage. Das ist eine sehr lange Zeitspanne für kleine Firmen. Hier müssen der öffentliche und der Privatsektor zusammenkommen und einen neuen Weg finden", so Turhan.

Außerdem erlitten Firmen, die sich mit Devisen verschuldet haben, durch den Anstieg des Wechselkurses große Einbußen beim Finanzfluss, erläutert der TÜRKONFED-Vorsitzende. "In der Geschäftswelt betrachten im Moment alle einander als Risiko. Niemand denkt daran, Käufe zu tätigen. Die Firmen versuchen nur, ihr Risiko zu kontrollieren."

Zeichen für die Stagnierung

Für Prof. Hakan Üzeltürk von der Juristischen Fakultät der Yeditepe Universität sind die vielen Konkursanmeldungen das wichtigste Zeichen dafür, dass die Wirtschaft stagniert. Die vielen Anträge der Firmen bei den Gerichten seien eine große Belastung für die Gerichtsbarkeit, erklärt Üzeltürk. "Tausende Firmen melden Konkurs an, um ihre Schulden abzuwenden. Diese vielen Anträge könnten die Gerichte überlasten. Wenn die Anträge weiterhin zunehmen, könnte das einen Dominoeffekt auf weitere Anträge von Firmen bei den Gerichten haben", warnt der Rechtswissenschaftler. Doch momentan sieht es nicht danach aus, dass diese Flut anhalten würde.

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