Kommentar: Zu früh für einen Abgesang | Kommentare | DW | 25.06.2018
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Ifo-Geschäftsklimaindex

Kommentar: Zu früh für einen Abgesang

Man kann eine Rezession natürlich auch herbei reden. Dass jetzt ein wichtiges Konjunktur-Barometer nach unten zeigt, ist aber noch lange kein Grund dafür. Es zeigt eher eine Normalisierung, meint Henrik Böhme.

Wenn ein Motor ständig auf Hochtouren läuft und noch ein bisschen darüber, dann besteht die Gefahr des Überhitzens. Genauso verhält es sich derzeit mit der deutschen Wirtschaft. Auch sie zeigte in jüngster Zeit schon deutliche Anzeichen einer Überhitzung - und das kann einen Aufschwung genauso abwürgen wie, sagen wir ein plötzlicher Anstieg des Ölpreises oder die Pleite der Deutschen Bank: So etwas nennen die Experten dann "externe Schocks". Dahinter verstecken sie die für sie unangenehme Wahrheit, dass sie auch nicht wissen, wann das Unheil einsetzt. (Die Weltfinanzkrise ab 2007 hat auch keiner kommen sehen.) 

Ein Boom hat immer zwei Seiten

Die Firma Ebm-Papst ist ein klassischer deutscher Mittelständler wie aus dem Lehrbuch. Mit einer Handvoll Leuten ganz klein angefangen im tiefsten Baden-Württemberg. Heute 15.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Mit seinen Ventilatoren Weltmarktführer, zwei Milliarden Euro Umsatz. Weil die Wirtschaft nicht nur hierzulande gut läuft, sondern in vielen Teilen der Welt, haben sie jetzt plötzlich ein Problem: Sie bekommen nicht mehr ausreichend elektronische Bauteile. Die Folgen: Lieferengpässe, Wartezeiten. Für ein deutsches Werk muss man gar über Personalabbau nachdenken: Es wurde zu viel Geschäft akquiriert und Personal eingestellt. So wirkt sich Überhitzung aus.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Im gesamten deutschen Maschinenbau sieht es ähnlich aus. 32.000 Mitarbeiter mehr als vor einem Jahr zählt die deutsche Schlüsselbranche. Trotzdem gelingt es vielen Betrieben nicht, den Auftragsstau abzuarbeiten. Eigentlich müssten viele Firmen ihre Produktion ausweiten, das geht aber nicht, weil sich nicht genügend Personal findet. Das Problem: Expandiert man zu viel, wird es in der nächsten Krise umso härter. Verärgert man aber seine Kundschaft, bekommt man weniger Aufträge. So wird die Saat für einen Abschwung gelegt. Ein Boom hat also immer zwei Seiten.

Auf dem Weg in die Normalisierung

Und deswegen ist es eigentlich eine gute Nachricht, wenn es vom Münchener Wirtschaftsforschungs-Instituts (ifo), jetzt heißt: "Der Boom ist vorbei."  Der sogenannte ifo-Geschäftsklima-Index, den die Forscher ermitteln, hat nämlich nachgegeben. Er ist auf den tiefsten Stand seit einem Jahr gerutscht. Der Index ist so ziemlich das wichtigste deutsche Wirtschafts-Barometer, weil immerhin 9000 Unternehmen auf den Zahn gefühlt wird. Und wenn die sagen, der aktuelle Handelsstreit und die Regierungskrise in Berlin belaste die Geschäftstätigkeit, dann ist das schon ein Fakt, der zählt.

Man muss aber auch die zweite wichtige Aussage der aktuellen Studie lesen. Und die zeigt: Die Aussichten für das nächste halbe Jahr sind unverändert gut. Und deswegen sagen die Münchener Forscher nicht nur, "der Boom ist vorbei", sondern auch: "Die deutsche Wirtschaft ist auf dem Weg in die Normalisierung."

Brisante Lage in Berlin

Natürlich hängen die sich immer mehr aufschaukelnden Handelsstreitigkeiten mit den Amerikanern wie eine Bedrohung gerade über der vom Export so abhängigen deutschen Volkswirtschaft. Und klar ist, dass Deutschland darunter leiden würde. Doch von einem solchen Szenario sind wir noch ein ziemliches Stück weit entfernt. Viel gefährlicher ist im Moment die ausufernde Regierungskrise in Berlin. Kommt es gar zum Sturz der Regierung Merkel, zu Neuwahlen und so weiter, hieße das: auf absehbare Zeit keine wirtschaftspolitischen Reformen, erst recht nicht für die so dringende Stärkung der Europäischen Union.

Also: Ein gesunkener ifo-Index macht noch keine Rezession. Und auch wenn ringsum die Wirtschaftsforscher in den vergangenen Wochen ihre Prognosen fürs deutsche Wirtschaftswachstum gesenkt haben: Es ist und bleibt zu früh für einen Abgesang. Nicht zuletzt auch deshalb, weil bei allen Wachstumsprognosen immer noch ein Plus vor der Zahl steht.

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